• vom 04.05.2007, 16:37 Uhr

Kompendium

Update: 04.05.2007, 17:11 Uhr

Weltraum

Kleine Kletten, scharf wie Glas




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Von Christian Pinter

  • Der Mond wird für die Raumfahrt wieder interessant. Doch dieses Interesse wird durch das Problem "Mondstaub" stark getrübt.

Trotz des geringen Tempos wirbelte das Mondauto der Apollo-17-Mission (1972) Staub auf. Die strapazfähigen Reifen bestanden aus zinkbeschichteten Klaviersaiten. Foto: NASA

Trotz des geringen Tempos wirbelte das Mondauto der Apollo-17-Mission (1972) Staub auf. Die strapazfähigen Reifen bestanden aus zinkbeschichteten Klaviersaiten. Foto: NASA Trotz des geringen Tempos wirbelte das Mondauto der Apollo-17-Mission (1972) Staub auf. Die strapazfähigen Reifen bestanden aus zinkbeschichteten Klaviersaiten. Foto: NASA

"Frau Luna" ist auf Erden wieder begehrt. Gleich mehrere Nationen suchen um ein Rendezvous mit ihr an. Europas kleiner Roboter SMART-1 hat bereits ihr Antlitz vom Orbit aus erforscht. China startet demnächst die Mission "Change". Japans Orbiter Selene lässt auf faszinierende Porträtfotos hoffen. Bald nehmen auch die USA und Russland wieder robotische Monderkundungen auf. Indiens Mondsonde Chandrayaan bringt europäische Geräte ins All. Großbritannien, Italien und Deutschland überlegen die Entsendung eigener Späher. Danach sollen wie in den sechziger Jahren automatische Landemissionen erfolgen. Zwischen 2015 und 2022 könnte es sogar zur Neuauflage eines bemannten "Wettlaufs zum Mond" kommen, diesmal wohl zwischen chinesischen, US-amerikanischen und russischen Raumfahrern.


Vor 35 Jahren ist zum letzten Mal ein Mensch auf dem Mond gewesen. Doch im Unterschied zur amerikanischen Apollo-Ära denkt man nun über eine kurze Affäre hinaus: man will mittelfristig bei "Frau Luna" einziehen. Stationen in Polnähe sollen Langzeitaufenthalte ermöglichen. Dabei stellt sich aber ein großes Problem: der allgegenwärtige Staub wird die Beziehung zwischen Mensch und Mond schwer belasten.



Haftende lunare Partikel
Gelegentlich schiebt sich die Erde wie ein dunkler Schild zwischen Vollmond und Sonne. Dann stürzt die lunare Landschaft in Dunkelheit. Schon 1939 studierten US-Astronomen solch eine totale Mondfinsternis mittels infraroten Lichts. Als der Mond in den Erdschatten eintrat, fiel seine Oberflächentemperatur rasch von plus 100 auf minus 90 Grad Celsius. Blanker Fels wäre viel gemächlicher ausgekühlt. Schon damals ahnte man: Das lunare Antlitz muss unter einer dicken Schicht von Staub begraben sein.

Der aus Wien stammende Astrophysiker Thomas Gold rechnete 1955 sogar mit einer gewaltigen Staubdecke (bis zu 90 Metern Höhe); Raumfahrzeuge, so meinte er, würden darin versinken. Die sowjetische Sonde Luna 9 legte Anfang 1966 dennoch eine sichere Landung hin. Deshalb durften ihr drei Jahre später die ersten Astronauten folgen. Deren Stiefel drückten sich bloß wenige Zentimeter tief in den Mondstaub ein. Denn glücklicherweise klebten dessen Teilchen fest aneinander.

Die staubtrockenen lunaren Partikel hafteten jedoch an allen exponierten Flächen - an Geräten wie an den Schutzanzügen der zwölf Mondfahrer. Das Weiß der Anzüge sollte die Sonnenstrahlen reflektieren und für Kühlung sorgen.

Doch der Mondstaub trübte die Kleidung ein und provozierte Überhitzung. Je mehr Neil Armstrong und Co. ihn abzubürsten versuchten, desto forscher drang er ins Gewebe ein, fand seinen Weg in jede Falte, hemmte die Beweglichkeit von Gelenken, beschädigte Dichtungen und hinterließ mitunter sogar kleine Lecks. Nebenbei scheuerte er die Handschuhe ab und zerkratzte Helmvisiere oder Kameralinsen.

Nach "Sternschnuppen" hielten die Astronauten am Mondhimmel vergeblich Ausschau. Solche Leuchterscheinungen gibt es nur in Welten mit Atmosphäre. Auf Erden verdampfen die allermeisten dieser kosmischen Eindringlinge noch weit oben in der Lufthülle. Die etwas größeren überleben den Höllenritt zwar, werden dabei aber auf freie Fallgeschwindigkeit abgebremst. Der Mond hat keinen solchen Schutzschild. Auf ihn regnet es pro Tag eine Tonne außerirdischen Materials herab. Aufschlagstempo: um 100.000 km/h. Unzählbare Meteoriteneinschläge haben das Oberflächengestein im Lauf der Jahrmilliarden zertrümmert und pulverisiert. Mittlerweile bedeckt Lunas Antlitz eine enorme Schuttdecke von bis zu 20 Meter Höhe.



Schattenspiele
Ständig rammen sich neue Projektile in den Boden. Alle 24 Stunden schlägt ein orangengroßer Steinbrocken ein und produziert dabei einen neuen Mondkrater von der Größe eines Büroschreibtisches. Am Aufschlagspunkt schnellen die Temperaturen kurzzeitig über 2000 Grad C hoch. Dann schmilzt der Schutt. Bei seinem raschen Wiedererstarren bleibt Glas zurück, das weitere, kleinere Treffer zu Staub zerschmettern. Die Staubpartikel aber werfen Schatten. Und die wiederum verringern den Glanz des Erdtrabanten merklich. Nur um die Vollmondzeit, wenn die Sonne genau in unserem Rücken steht, verdecken die Teilchen ihre eigenen Schatten. Auch deshalb strahlt der Vollmond nicht nur doppelt so stark, sondern gleich neunmal so kräftig wie der Halbmond. Eigentlich hätte schon diese einfache Beobachtung ausgereicht, um auf eine zumindest krümelige Bedeckung der Mondoberfläche zu schließen.

Die größeren Staubteilchen sind bloß so dünn wie Menschenhaar, die kleinsten sogar noch hundertmal feiner; die Bandbreite beträgt also ein Zehntel bis ein Tausendstel Millimeter. Weil sie fast wie Kletten aneinander haften, formen die Partikel flockige, turmähnliche Gebilde. Diese erinnern Forscher beim Blick durchs Mikroskop an bizarre "Märchenschlösser". Doch für allzu idyllische Vergleiche besteht kein Anlass. Da es kaum Verwitterung auf dem Mond gibt, bleiben die Kanten der Körnchen so scharf wie jene von zerbrochenem Glas. Und genau das macht sie so heimtückisch.



Elektrostatisches Putzen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-05-04 16:37:47
Letzte Änderung am 2007-05-04 17:11:00


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