• vom 16.03.2007, 17:33 Uhr

Kompendium

Update: 27.03.2007, 15:18 Uhr

Balkan

Unruhen auf dem Balkan




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Von Franz Schausberger

  • Bauernaufstände, Demonstrationen, politischer Mord - vor hundert Jahren herrschten in Rumänien und Bulgarien krisenhafte politische Zustände.

Rumänische Bauern ermorden einen Gutsverwalter. Foto: Aus der Zeitung "Wiener Bilder" vom 27. März 1907

Rumänische Bauern ermorden einen Gutsverwalter. Foto: Aus der Zeitung "Wiener Bilder" vom 27. März 1907 Rumänische Bauern ermorden einen Gutsverwalter. Foto: Aus der Zeitung "Wiener Bilder" vom 27. März 1907

Im Februar 1907 protestierten rumänische Bauern gegen ihre unerträglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen und gegen die in ihren Augen ungerechte Verteilung des Landbesitzes. Das kam freilich nicht von ungefähr. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Rumänien einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der zu einer schrittweisen Modernisierung und Industrialisierung des Landes führte und einer kleinen städtischen Bevölkerungsschicht Wohlstand brachte.


Die Agrarreform des Jahres 1864 sollte auch die Lebensbedingungen der Bauern verbessern. In der Praxis aber verschlechterten sie sich. Viele Bauern hatten zwar ein eigenes Stück Land erhalten, mussten aber einen Großteil der Steuerlasten tragen. Ihre Grundstücke umfassten weniger als fünf Hektar, 34 Prozent der Bauern besaßen nur zwischen einem halben und drei Hektar. Dies reichte zur Sicherung der Existenz nicht aus. Viele Bauern lagen mit dem, was sie erwirtschaften konnten, unter dem Existenzminimum. 60 Prozent der rumänischen Bauern besaßen sehr wenig, ein Viertel gar kein Land. Von der gesamten landwirtschaftlichen Fläche Rumäniens waren 40 Prozent der Güter kleiner als zehn Hektar, dagegen waren 40 Prozent Großgrundbesitz (mit über 500 Hektar Fläche), der einer wohlhabenden Minderheit gehörte.



Der 19. März 1907
Diese Situation führte zur Verschuldung vieler Bauern, die gezwungen waren, auf den großen Gutsbesitzungen zu arbeiten. Die Großgrundbesitzer nutzten die ausweglose Lage der verschuldeten Bauern aus, verlangten hohe Arbeitsverpflichtungen über Jahre hin, verweigerten frei ausgehandelte Arbeitsverträge und diktierten die Bedingungen für die Pachtverträge.

Nach mehreren Unruhen wurden 1893 zwar neue Bestimmungen erlassen, die jedoch die Situation nicht wesentlich verbesserten, da sie vielerorts unterlaufen wurden. 1907 eskalierte die Lage und brachte das Land an den Rand eines Bürgerkriegs.

Am 19. März 1907 richtete sich die Bauernerhebung in der nördlichen Moldau vor allem gegen jüdische Grundpächter, die den Abschluss der Arbeitsverträge bis zum Beginn der Saatzeit hinausgezögert hatten, um die Bauern unter Zeitdruck zu setzen und von ihnen möglichst günstige Konditionen zu erzwingen.

Die rumänischen Großgrundbesitzer hatten nämlich im Laufe der Jahre zwischen sich und die landlosen Bauern Grundpächter geschoben, die vor allem Griechen, Bulgaren oder Juden waren. Diese übernahmen die unangenehme Aufgabe der Pachteintreibung, wobei sie sich häufig selbst beträchtlich bereicherten. Nun wurden also jüdische Gutshöfe geplündert und eingeäschert, jüdische Familien vertrieben und ihre Geschäfte zerstört. Die Aufständischen, vielfach junge Bauern und heimgekehrte Reservisten, nahmen eine Neuverteilung der Felder vor und drohten, Städte und Dörfer zu zerstören, falls die Aufteilung rückgängig gemacht würde. König Carol I. und sein Ministerpräsident Dimitrie Alexandru Sturdza wiesen das Militär an, direkte Kämpfe mit den Bauern zu vermeiden und nicht in die kleineren und mittleren Städte einzudringen. Dann aber solidarisierten sich Studenten mit den Bauern und erklärten, die Aufstände seien keineswegs antisemitisch motiviert.

Und tatsächlich: Hatten die Proteste anfänglich antisemitischen Charakter, griffen sie bald auch auf nichtjüdische Gutsbesitzer und -pächter über. Gruppen von bis zu tausend Bauern plünderten Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude von Zwischenpächtern und Grundeigentümern. Die Besitzer, die Beamten der Kreis- und Kommunalverwaltung sowie ein Teil der jüdischen Bevölkerung flüchteten in die Städte, nachdem einige Pächter von den aufgebrachten Bauern umgebracht worden waren. Gebäude der Lokal- und Provinzverwaltungen wurden zerstört, um die dort hinterlegten Arbeitsverträge zu vernichten, Dörfer und Kleinstädte verwüstet. Bald waren die ganze Moldau und die Walachei in Aufruhr.

Als in der zweiten Hälfte des März 1907 aber dann mehrere tausend Bauern Richtung Bukarest zogen, wurden sie von Soldaten zurückgeschlagen, das Militär unterdrückte innerhalb weniger Tage den Aufstand. Die Bauern hatten viele Tote zu beklagen, offiziell waren es 419, die Aufständischen sprachen von über tausend Toten. Mehr als 7.800 Aufständische wurden verhaftet, unter Anklage gestellt und zum Teil freigesprochen. 6.500 fielen unter eine im April 1907 verkündete Generalamnestie. Der Sieg der Staatsmacht über die aufständischen Bauern führte jedoch dazu, dass die Landverteilung so blieb, wie sie war, und sich die Verhältnisse auf dem Land nicht änderten.



Das Attentat
In Bulgarien wiederum führte die triste Situation der Eisenbahner und die Schließung der Universität in Sofia zu einer gewalttätigen Eskalation.

Der amtierende Ministerpräsident Dimitur Petkow hatte sich den Zorn und die Feindschaft vieler Studenten der Universität "Sveti Kliment Ochridski" in Sofia zugezogen, als er diese nach Demonstrationen schließen ließ. Am 3. Jänner 1907 wurde das National-Theater in Sofia trotz der hoch explosiven politischen Situation eröffnet. Seit 20. Dezember 1906 fanden Eisenbahnerstreiks statt, gegen die seitens der liberalen Regierung unter Petkow hart vorgegangen wurde.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-03-16 17:33:48
Letzte Änderung am 2007-03-27 15:18:00


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