• vom 17.11.2006, 14:15 Uhr

Kompendium

Update: 17.11.2006, 16:15 Uhr

Geschichte

Solide Prüfsteine der Realität




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Von Stefan Schmidl

  • Vor 90 Jahren endete die franzisko-josephinische Ära: In ihren letzten Jahren wurde auf vielen Gebieten experimentiert, analysiert und dekonstruiert wie nie zuvor.

Als Kaiser Franz Joseph am 21. November 1916 starb, lagen nahezu siebzig Jahre Herrschaft über ein Reich hinter ihm, deren rigider Absolutismus kurz darauf von der Moderne eingeholt werden sollte. In den letzten Jahren der Monarchie untersuchten zahlreiche Wissenschaftler und Künstler jene Metaphysiken, die als unhinterfragbare Fundamente von Staat und Kultur galten. Vermeintlich ewige Gewissheiten wurden damals von einer jungen Naturwissenschaft auf der Suche nach empirischen Grundgesetzen durchleuchtet, ästhetische Konventionen, wie etwa die Gattungszwänge von Künstlern, kritisch hinterfragt.


Experiment und Analyse boten als solide Prüfsteine der Realität Auswege aus der Krise des wissenschaftlichen und künstlerischen Akademismus: Der in jüngster Zeit wieder vermehrt beachtete Wiener Zoologe Paul Kammerer (1880 - 1926) stellte Untersuchungen an Grottenolmen, Seescheiden und Geburtshelferkröten an und formulierte ein "Gesetz der Serie". Auf einem ganz anderen Gebiet dekonstruierte Franz Lehár die starren Codes der Oper und stellte in seiner "Operettenfabrik" massentaugliche Unterhaltungsprodukte her.

Man experimentierte, analysierte und hybridisierte, um die Strukturen hinter der ideologischen Fassade offen zu legen. So gesehen gewinnt das Diktum Karl Kraus von Österreich als der "Versuchsstation des Weltuntergangs" einen bemerkenswerten Doppelsinn.

Dieses Zerlegen, Analysieren und Neu-Zusammensetzen nach dem Vorbild der erstarkten Naturwissenschaften stellt sich heute als charakteristische kulturelle Herangehensweise der letzten Jahre der Donaumonarchie dar. Die kleingliedrige, gleichsam sezierende Musik von Johannes Brahms findet ihre Entsprechung in den anatomischen und mikrobiologischen Arbeiten seines Freundes Theodor Billroth. Die sich allmählich etablierenden Kunst- und Musikwissenschaften schufen verwandte mikroanalytische Untersuchungsmethoden. Franz Schreker setzte in seinen Musikdramen typische Techniken des jungen Mediums Film - Schnitt, Montage und Überblendung - ein, die ähnlich wie die Wahrnehmungsphysiologie Ernst Machs von einem Komplex mehrerer unterschiedlicher Elemente ausgehen, die in ihrer Gesamtheit die Illusion von Heterogenität ergeben. Eine solche Illusion sollte schließlich auch der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn bleiben.



"Gesetz der Serie"
Die Idee des Seriellen kann für die Epoche Franz Josephs als symptomatisch gelten: Einerseits als Übernahme des Erfolgsrezepts der industriellen Serienfertigung in die kulturelle Produktion, andererseits als Antwort auf monolithisch-hierarchische Konventionen von Politik und Gesellschaft. Serialität prägt die aneinandergereihten Ensembles der Ringstraße wie die Ornamentik der Wiener Werkstätten. Ihre theoretische Formulierung wurde erst nach dem Untergang des Reichs versucht: Paul Kammerer entwarf 1919 mit seinem "Gesetz der Serie" anhand beobachteter "Wiederholungen im Lebens- und im Weltgeschehen" ein symptomatisch fatalistisches Weltbild.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die Grundlagenforschung an der "Biologischen Versuchsanstalt" im Wiener Prater, einer privaten, 1903 eröffneten Forschungsstätte. Die hier praktizierte experimentelle Morphologie des deutschen Biologen Wilhelm Roux stieß besonders in der Donaumonarchie auf große Resonanz. Sogar Kaiser Franz Joseph höchstselbst besuchte Roux Institut in Innsbruck. Kammerer experimentierte in dessen Richtung weiter und überzeugte mit seinen Tierversuchsreihen eine breite Öffentlichkeit von seiner lamarckistischen Idee einer Vererbung erworbener Eigenschaften. Die große Bedeutung, die Kammerer bei diesen Experimenten einer gleichsam künstlerischen Intuition beimaß, zeigt, dass er nur bedingt dem positivistischen Paradigma folgte (lange Zeit hatte er sich übrigens als Komponist betätigt). Die Kammererschen Experimente wurde auch als "ästhetische Erfahrung" bezeichnet.

Im Zentrum von Kammerers Überlegungen steht die These vom "serialen Ereignisstrom" , die auf der Beobachtung von gereiht auftretenden, alltäglichen Phänomen-Koinzidenzen beruht. Kammerer liest sie als Indizien eines gewöhnlich nicht wahrnehmbaren Grundgesetzes, das unaufhörlich die Struktur jeglicher toten und lebendigen Materie beeinflusst. 1915 schreibt er darüber an Alma Mahler: "Die Serie empfinden wir als diskontinuierlich, weil die sich wiederholenden Ereignisse (Serialglieder) von anderen Ereignissen unterbrochen erscheinen. Diese Unterbrochenheit ist indessen wirklich nur eine scheinbare, durch die Grenzen unseres Bewusstseins vorgetäuscht."

Unwillkürlich fühlt man sich an die Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen Arnold Schönbergs erinnert, die dieser, ein ebenfalls gern gesehener Gast in Alma Mahlers Salon, vier Jahre nach dem "Gesetz der Serie" entwickelte. War die Musik bis dahin tonal, also hierarchisch strukturiert, kam nun jedem Ton exakt die gleiche Gewichtung zu. Schönbergs universeller Anspruch wurde von Kammerer sozusagen vorformuliert: "Höchstleistungen des Fühlens und Denkens, ans Göttliche ragende Meisterwerke der Kunst wie der Wissenschaft - sie alle sind der Wiederkehr unterworfen und tragen die Wiederkehr in sich selbst: mit dem Schoße des Weltalls, das alles in der Welt gebar, verknüpft sie alle das Gesetz der Serie."

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Dokument erstellt am 2006-11-17 14:15:57
Letzte Änderung am 2006-11-17 16:15:00

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