• vom 26.08.2006, 00:00 Uhr

Kompendium


Medien

Stars, Sex und Superhits








Von Uschi Schleich

  • Vor 50 Jahren erschien die erste Ausgabe des Jugendmagazins "Bravo." Ausstellungen und ein Jubiläumsbuch würdigen den Klassiker der Jugendkultur.

Jasmin und Pia bei der gemeinsamen Wochenlektüre der Teenie-Postille Bravo: "Dr. Sommer und manche Stars sind cool."

Jasmin und Pia bei der gemeinsamen Wochenlektüre der Teenie-Postille Bravo: "Dr. Sommer und manche Stars sind cool." Jasmin und Pia bei der gemeinsamen Wochenlektüre der Teenie-Postille Bravo: "Dr. Sommer und manche Stars sind cool."

"Lieber Dr. Sommer , ich bin 16 und meine Freundin möchte nicht mit mir schlafen, weil sie auf keinen Fall schwanger werden will. Ich weiß zwar, dass es die Spirale gibt, aber bitte sagen Sie mir, wie ich sie auf meinem Penis befestigen soll." Diesen Brief des sechzehnjährigen Tobias an die Bravo-Redaktion gab es wirklich. Bis heute sind Bravo und Dr. Sommer meist das erste, was Jugendlichen zum Thema Sexualberatung einfällt.


Als vor 50 Jahren, am 26. August 1956, die Erstausgabe der Bravo mit einer lächelnden Marilyn Monroe am Cover erschien, war in der Zeitschrift von Sextipps und Aufklärung allerdings noch nichts zu sehen. Es sollte noch über zehn Jahre dauern, bis sich das Magazin Bravo an das heiße Thema heranwagte. Heute werden immer noch monatlich 3000 bis 4000 Briefe von verzweifelten Jugendlichen an "Dr. Sommer" geschickt - in der Hoffnung, endlich Antworten auf all die drängenden Fragen zu bekommen, die sie sonst niemandem stellen konnten.



Prüde Frühaufklärer
Der Arzt und Psychotherapeut Martin Goldstein, der von 1969 bis 1984 unter dem Pseudonym Dr. Jochen Sommer für die Bravo-Rubrik "Was dich bewegt" arbeitete, erinnert sich noch gut an diese Zeit: "Oft haben wir im Team geschmunzelt oder gelacht, so originell lauteten die Formulierungen. Aber offenbar war da sonst kein Mensch, dem sich die Jugendlichen hätten anvertrauen können."

Auch wenn Martin Goldstein längst nicht mehr für Bravo arbeitet, das "Dr.-Sommer-Team" gibt es immer noch. Jede Woche stehen vier Experten mit Rat und Tat zur Seite, wenn zum wiederholten Mal die Fragen aller Fragen gestellt werden: "Ist meiner zu kurz?" fragen die Jungs, und: "Blutet es immer beim ersten Mal?" die Mädchen. Eine der meistgestellten Fragen an das Dr.-Sommer-Team hat mit Sex allerdings gar nichts zu tun: "Sind die Briefe denn wirklich echt?" , will man sehr oft von ihnen wissen. Offenbar schon. Der Sozialpädagoge Klaus Mader, der bis vor kurzem im Dr.-Sommer-Team der Bravo Berater war, kann über das hartnäckige Gerücht, die Briefe seien allesamt gefälscht, nur schmunzeln: "Natürlich sind die Briefe echt. Wir erfinden nichts. Das ist bei hundert Briefen, die pro Tag kommen, auch gar nicht notwendig. Wir kürzen sie natürlich, aber wir verändern keinen Inhalt."

Mit der neuen Rubrik "Was dich bewegt - Sprechstunde bei Dr. Jochen Sommer" hatten die Bravo-Macher im Oktober 1969 ins Schwarze getroffen. "In Sachen Aufklärung war die Bravo wirklich hilfreich, ich hatte nur jüngere Geschwister und meine Eltern konnte ich ja nicht fragen" , erinnert sich die 51-jährige Pharmazeutin Barbara Zauner an ihre Bravo-Zeit. Dabei wurde das Thema Sex in der Bravo noch bis in die späten sechziger Jahre weitgehend gemieden. Bravo-Stars hatten damals grundsätzlich kein sexuelles Leben. Noch 1966 warnte die Zeitschrift vor Selbstbefriedigung, und der Vorgänger des legendären Dr. Sommer, Bravo-Ratgeber Dr. Vollmer, bezeichnete in seiner "Aktion Anonym" Homosexualität als abartig und krankhaft.

Bravo frönte zwar wie keine andere Jugendzeitschrift dem Starkult - mit lebensgroßen Postern, Stargeschichten und Homestories, im Grunde aber war das Blatt bieder und verklemmt. Als Botschafter der Prüderie schickte die Pop-Postille Stars wie Roy Black in den Ring, der die Bravo-Leser wissen ließ: "Ich bin dagegen, dass Kinder ihre Eltern nackt sehen."

Mit der Zeit wurde erwies sich die Prüderie indes als geschäftliches Hindernis. Die Leser des Magazins wurden immer jünger, Anzeigenkunden zogen sich zurück, weil die allzu kindliche Leserschaft nicht genügend Kaufkraft versprach. Erst eine vertrauliche Leseranalyse brachte die Wende. Viele Jugendliche, fand man dabei heraus, hörten exakt ab dem Zeitpunkt auf, die Bravo zu lesen, ab dem sie begannen, sich für Sex zu interessieren. Für die Bravo-Chefetage war somit klar: Es musste etwas geschehen.

Schon kurze Zeit später betrat Dr. Sommer die Bühne: "Ein Mann von heute spricht mit den Bravo-Lesern über ihre Sorgen und Probleme" , kündigte ihn die Redaktion an. Bald schon avancierte die Rubrik "Was dich bewegt" zur meistgelesenen Seite einer deutschen Zeitschrift - und erregte die Gemüter. Legendär ist die Aussage eines Gutachters der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, als es darum ging, ein Bravo-Heft mit Anleitungen zur Selbstbefriedung aus dem Verkehr zu ziehen. In seinem Urteil war der Gutachter an amtlicher Exaktheit nicht zu überbieten: "Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane."

In seiner 50-jährigen Geschichte hat die Bravo wie kein anderes Magazin Generationen durch die Pubertät begleitet und mit kleinen, aber regelmäßig portionierten Skandalen die Auflage in die Höhe geschraubt. Innerhalb des ersten Erscheinungsjahres stieg die Auflage von 30.000 auf 200.000 Stück. Drei Jahre später erregte der erste Starschnitt mit der leicht gekleideten Brigitte Bardot in Lebensgröße die Gemüter von Eltern und Lehrern. Schon bald etablierte sich Bravo als unersetzliche Informationsquelle über die neuesten Stars, Trends und Moden aus den USA.

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Medien, Jugend

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Dokument erstellt am 2006-08-26 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-08-25 19:43:00


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