• vom 24.06.2006, 00:00 Uhr

Kompendium


Porträt

Eine energische Kämpferin




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Von Beppo Beyerl

  • Das Leben der Margarethe Ottilinger zwischen Politik, Wirtschaft und Religiosität
  • Das erste Mal kam sie mit dem Tod in Berührung, als sie sich mit ihrem Strumpfband am Fensterkreuz ihrer Zelle aufhängen wollte. Die Zelle befand sich in einem sowjetischen Zentralgefängnis in einer Villa in Baden. Gegen zwei Uhr in der Früh war sie nach den Verhören zurückgebracht worden. Da sie annahm, dass niemand sofort nach dem Verhör durchs Schlüsselloch schauen würde, befestigte sie ihren Strumpfbandgürtel am Fensterkreuz und stieg auf ihr Bettgestell. Das war im November des Jahres 1948. Als sie wieder zu sich kam, war sie von sowjetischen Uniformierten umringt, die sie lauthals beschimpften. Dann wurde sie zum nächsten Verhör geschleppt. Zudem nahm man ihr die Unterwäsche, die Strümpfe und das Waschzeug weg.

Margarethe Ottilinger, mit ihrem Mentor und Förderer Julius Raab. Foto: Aus dem genannten Buch von Catarina Carsten

Margarethe Ottilinger, mit ihrem Mentor und Förderer Julius Raab. Foto: Aus dem genannten Buch von Catarina Carsten Margarethe Ottilinger, mit ihrem Mentor und Förderer Julius Raab. Foto: Aus dem genannten Buch von Catarina Carsten

Das zweite Mal war sie im Spätherbst 1951 in der Lubjanka - dem Hauptquartier des sowjetischen Geheimdienstes in Moskau - mit dem Tod konfrontiert. An Ruhr erkrankt und vom Fieber geschwächt wurde Margarethe Ottilinger in der Box in Isolierhaft gehalten. Die Box ist ein kleiner leerer Raum mit einem Hocker in der Mitte: Sollte die inhaftierte Person die Augen schließen, kommt sofort der Wächter vom Schlüsselloch und reißt sie aus dem Schlaf. Aus der Box wurde sie zum Untersuchungsrichter geführt. "Ich spucke auf ihre Methoden, es ist mir alles gleichgültig", brüllte sie ihn auf Russisch an. "Sie können mir nur eine Freude tun, wenn sie alles tun, um dieses Leben abzukürzen."

Tatsächlich starb sie erst 1992. Nach einem Blutsturz in ihrer Waldviertler Jagdhütte - sie war eine passionierte Jägerin, in ihrer Hütte hingen Trophäen - wurde sie ins Wiener Allgemeine Krankenhaus eingeliefert. Ein Organ nach dem anderen setzte aus.


Der Reiz der Macht

Ihrer Interviewpartnerin Catarina Carsten erzählte sie 1983, dass sie schon als Mädchen von der Kraft fasziniert war, die von Eisen und Stahl ausging. Begeistert erwähnte sie die Gewalt, die beim Abstich frei wurde und die es zu bändigen galt. Geboren wurde Margarethe Ottilinger am 6. Juni 1919 in einem kleinen Dorf mit ein paar Häusern, in Steinbach, heute gleich nach der Wiener Landesgrenze. Mit aller Kraft wollte sie aus diesem Dorf hinaus, unbedingt wollte sie ihren "Doktor" machen, um dann voller Ehrgeiz und Durchschlagskraft eine Machtstellung anzustreben. Nach der Promotion erhielt sie einen Posten in der "Reichsvereinigung Südost der Reichsvereinigung Eisen". 1945 wurde sie Geschäftsführerin des "Fachverbandes der eisenschaffenden Industrie" in der Bundeskammer, im Folgejahr wechselte sie ins Ministerium für Vermögensbildung und Wirtschaftsplanung. Mit 27 Jahren wurde sie Sektionsleiterin.

Bekannt ist, dass am 5. November 1948 der Dienstwagen der Leiterin der Sektion III/Wirtschaftsplanung, von Linz kommend sich der Ennsbrücke - und damit dem sowjetischen Sektor - näherte. Neben Margarethe Ottilinger saß ihr Chef, Dr. Peter Krauland, Minister für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung, mit dem sie wahrscheinlich auch eine außerdienstliche Beziehung verband.

Beim Betreten des sowjetischen Hoheitsgebietes wurden die beiden von den sowjetischen Grenzorganen aus dem Dienstwagen geholt. Nach der Feststellung der Identität durfte Peter Krauland weiterfahren, Margarethe Ottilinger verschwand hingegen im Gewahrsam der sowjetischen Besatzungsmacht.

Weniger bekannt sind die Ursachen ihrer Verhaftung. Dazu gibt es zwei Thesen. These eins: Jemand aus dem eigenen Lager wollte eine unbequeme Mitwisserin loswerden und sie durch falsches Beweismaterial den Sowjets ausliefern, möglicherweise, um ein eigenes undurchsichtiges Spiel zu verschleiern. Die Idealbesetzung für diese ominöse Rolle wäre ihr Chef, Minister Peter Krauland gewesen. Dieser pflegte gute Kontakte sowohl mit dem sowjetischen, als auch mit dem amerikanischen Geheimdienst - man könnte ihn als Doppelspion bezeichnen.

Margarethe Ottilinger selbst unterstützte in den Interviews ihrer späten Jahre diese These. Sie sagte wiederholt, ihre Verhaftung sei von langer Hand geplant gewesen, sie wisse, wer sie verraten habe, möchte aber keine Namen nennen. Erstens aus Prinzip, und zweitens, weil sie keine schriftlichen Beweise habe.

Die zweite These: Der sowjetische Geheimdienst wollte Peter Krauland einen "Schuss vor den Bug setzen" , wie es der Historiker Stefan Karner formulierte, und auf der Basis konstruierter Anschuldigungen dessen wichtigste Mitarbeiterin verhaften.

Die Verhaftung erfolgte jedoch nicht wegen persönlicher Verwicklungen oder Intrigen. Hinter den agierenden Personen standen handfeste wirtschaftliche Interessen. Im Ministerium leitete Margarethe Ottilinger zwei Bereiche. Sie koordinierte die Pläne für den wirtschaftlichen Aufbau des Landes, und ihr oblag die Bestandsaufnahme der von der Sowjetunion als Deutsches Eigentum beschlagnahmten Betriebe sowie deren wertmäßige Einschätzung. Diese Einschätzung wurde für die Verhandlungen Österreichs mit der Sowjetunion betreffs der Unterzeichnung des Staatsvertrages benötigt.

Laut den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz war es den Siegermächten gestattet, "Werte aus den deutschen Guthaben" zu beschlagnahmen. Während die Westmächte darauf verzichteten, betrachtete die Sowjetunion die Beschlagnahme des deutschen Eigentums als Entschädigung ihrer unermesslichen Kriegsverluste sowie der durch den deutschen Eroberungsfeldzug angerichteten Verwüstungen.

Nun waren die aus den Beschlagnahmungen entstandenen USIA-Betriebe exterritoriale Inseln im neu sich etablierenden österreichischen Kapitalismus; Zahlen und Finanzgebarungen drangen dabei kaum an die Öffentlichkeit.

Zwischen den Blöcken

So lässt sich auch das Interesse des amerikanischen Geheimdienstes an Margarethe Ottilinger erklären, die ja wie kaum eine andere Person über die USIA-Betriebe Bescheid wusste. Das Haus ihres Chefs Peter Krauland, in dem sie zeitweise wohnte, wurde des öfteren vom amerikanischen Geheimdienstoffizier Edwin Kretzmann besucht. Margarethe Ottilinger erklärte auf die Fragen der Untersuchungsrichter stets, sie wisse nichts von Kretzmanns Geheimdienstaktivitäten, da ihr Chef ihn als Adjutant des amerikanischen Hochkommissars vorgestellt habe. Eine Falle von Peter Krauland? Acht Wochen blieb Margarethe Ottilinger in einem sowjetischen Gefängnis in Baden bei Wien. Die sowjetischen Behörden wollten unbedingt ein Geständnis erzwingen, das sie öffentlichkeitswirksam präsentieren und gegen Österreich, aber auch gegen die USA verwenden konnten. Öfters wurden Margarethe Ottilinger sogenannte "Geständnisse" vorgelegt, mit der Zusicherung, man werde ihr nach der Unterschrift eine angemessene Karriere im Osten ermöglichen. Sie verweigerte jedoch die Unterschrift.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-06-24 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-06-23 14:56:00


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