• vom 21.10.2005, 18:24 Uhr

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Update: 21.10.2005, 18:45 Uhr

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Stifter, Adalbert: "Dem Dichter des Hochwald"




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Von Karl Vogd

  • Der Adalbert-Stifter-Obelisk am Plöckensteinersee hat eine bewegte Geschichte hinter si ch

Der Stifter-Obelisk. Foto: Vogd

Der Stifter-Obelisk. Foto: Vogd Der Stifter-Obelisk. Foto: Vogd

Der Obelisk ist im grünen Meer der Fichten kaum wahrzunehmen. Wer das Monument betrachten möchte, muss hinaufmarschieren. Nach einem 20-minütigen Fußmarsch durch einen malträtierten, vom sauren Regen halb zugrunde gerichteten Forst öffnet sich eine kleine Freifläche, von der sich ein großartiger Ausblick bietet. Wie ein dunkles Tuch ist in der Tiefe der See ausgespannt. In der Ferne erstrecken sich die hellen Streifen der Felder, zwischen den grünen Wiesenmatten glänzt das Blau der aufgestauten Moldau. In der Mitte der Aussichtsplattform erhebt sich unübersehbar der graue Obelisk. "A. Stifter - dem Dichter des Hochwald" ist in den Stein graviert.


Der Ort, an dem 1877, knapp zehn Jahr nach dem Tod des Autors, eines der ersten Stifter-Denkmäler entstand, war dem Dichter bekannt. Stifter hat den Charakter der Örtlichkeit auch beschrieben: "Oft entstieg mir ein und derselbe Gedanke, wenn ich an diesen Gestaden saß: als sei es ein unheimliches Naturauge, das mich hier ansehe - tief schwarz - überragt von der Stirne und Braue der Felsen, gesäumt von der Wimper dunkler Tannen - drin das Wasser regungslos, wie eine versteinerte Träne." So beschreibt Stifter den Plöckensteinersee im Böhmerwald. In dieser Gegend hat Stifter den größten Teil der Handlung seiner Novelle "Der Hochwald" angesiedelt. Am Anfang des Textes definiert Stifter die geografischen Koordinaten des Ortes: "An der Mitternachtsseite des Ländchens Österreich zieht ein Wald an die 30 Meilen lang seinen Dämmerstreifen westwärts, beginnend an den Quellen des Flusses Thaia und fortstrebend bis zu jenem Grenzknoten, wo das böhmische Land mit Österreich und Bayern zusammenstößt."

Die Heilkraft des Waldes

Stifter kannte diesen Teil des Böhmerwaldes, der damals kaum erschlossen war, sehr gut. Er wuchs im nahen Oberplan auf, die von der Großmutter erzählten Böhmerwald-Sagen waren für den Knaben eine Art literarische Initiation. Der Student Stifter kehrte in den Sommermonaten Wien den Rücken und verbrachte die Sommerferien mit seinen Freunden in Friedberg. Dabei wurden Wanderungen und Ausflugsfahrten unternommen. Auch der Plöckensteinersee wurde von den jungen Leuten gerne aufgesucht. Stifter liebte den kleinen, länglichen See, der in den Bergwald eingesunken ist, auch deshalb, weil er hier das Wirken der Natur studieren konnte. Im Wald vermeinte er am deutlichsten das Walten göttlicher Kräfte wahrzunehmen. Andererseits ist der Wald das Symbol für Geheimnisse und dunkle Elemente.

Den heilenden, belebenden Kräften des Waldes vertraute sich Stifter vor allem dann an, wenn er sich in Lebenskrisen befand. In seinem letzten Lebensjahrzehnt, als er von schweren Selbstzweifeln und Krankheiten geplagt wurde, suchte er den Böhmerwald immer wieder zur Regeneration auf. Der alternde, und an seiner Mission zweifelnde Dichter hoffte, durch lange Aufenthalte auf dem Rosenbergergut im Böhmerwald seine angeschlagene Gesundheit und seine schwindende Schaffenskraft wieder zu stärken.

Kurz nachdem Stifter, hoch angesehen und schwer verschuldet, im Jahr 1868 gestorben war, tauchten erste Ideen für ein Denkmal auf, das an den Dichter erinnern sollte. Vor allem die Freunde und Verehrer Stifters wurden aktiv. Besonders eifrig war dabei der "Verein der deutschen Böhmerwäldler in Wien", dessen Obmann Jordan Kajetan Markus aus Friedberg stammte und ein langjähriger Verehrer Stifters war. Der in Wien als Bürgerschuldirektor tätige Markus hatte viel zur Verbreitung der Werke Stifters beigetragen. Der von Markus geführte Verein setzte sich unter anderem das Ziel, das Andenken bedeutender Landsleute zu ehren, beispielsweise durch das Anbringen von Gedenktafeln oder Denkmälern.

1869 legte Markus den Plan für ein Projekt von gewaltigen Dimensionen vor. In die Felsenwand am Westufer des Plöckensteinersees sollte wie in eine riesige Tafel eine charakteristische Textstelle aus einem Werk Stifters eingemeißelt werden. Die zwei Meter hohen Buchstaben sollten noch im 15 Kilometer entfernten Oberplan mit Hilfe eines Feldstechers zu lesen sein. Dieser ans Gigantische grenzende Plan wurde aber bald fallen gelassen. Markus hatte nicht nur die technischen Schwierigkeiten, sondern auch die Kosten unterschätzt.

Die Pläne eines Böhmerwald-Denkmals erhielten einige Jahre später neuen Auftrieb. Freunde und Verehrer Stifters hatten 1871 auf dem Grab des Dichters am Linzer Barbarafriedhof ein Denkmal in Form eines Obelisken errichten lassen. Dieses Denkmal wurde zur Gänze durch Spenden finanziert. Ein ähnliches Denkmal, allerdings in weitaus größerer Dimension, wollten Markus und seine Freunde auch auf einer Plattform knapp unter dem Gipfel des Plöckensteins errichten. Für den Entwurf wandten sie sich an den prominenten Wiener Architekten Heinrich Ferstel, der sich damals auf dem Zenit seines Schaffens befand. Ferstel ging vom Linzer Grab-Obelisk aus, vergrößerte aber die Dimension, um die Wirkung zu steigern. Die Pläne sahen vor, dass der 15 Meter hohe Obelisk weit über die Wipfel der damals noch niedrigen Nadelbäume hinausragen sollte. Die Frage des Baumaterials war rasch geklärt - man entschied sich für den am Bauort reichlich vorhandenen Granit. Ausgeführt wurden die Arbeiten von einem Steinmetz namens Adolf Paleczek, der hauptberuflich Heger im Dienste der Schwarzenberg´schen Gutsverwaltung war. 1877 wurde das fertig gestellte Denkmal im Rahmen einer großen Feier enthüllt.

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Autoren, Denkmal

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Dokument erstellt am 2005-10-21 18:24:35
Letzte Änderung am 2005-10-21 18:45:00


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