• vom 01.02.2013, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 28.05.2013, 20:11 Uhr

Geschichte

Aufklärer hinter Masken




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief





Sealsfield kritisiert vor allem Korruption, Freiheitsbeschneidung, Zensur, Überwachung und Desinformation. Besonders prangert er die "klägliche Unwissenheit, Kriecherei und Beschränktheit der österreichischen Staatsbeamten und Offiziere" an.

Ist dieses Buch Sealsfields späte Rache für Metternichs Zurückweisung? Vielleicht. Aber jedenfalls kann so etwas der Polizeibehörde nicht gefallen. In anderen Ländern hingegen kursieren Übersetzungen, und man liest amüsiert, was Sealsfield über die Zustände in Felix Austria zu berichten hat. Ein Raubdruck aus dem Jahr 1834 mit dem Titel "Seufzer aus Oestreich" versorgt schließlich auch das deutschsprachige Publikum mit der spitzen Polemik.

"Austria as it is" ist eigentlich ein Reisebericht, eine Textgattung also, die mit Informationen und Eindrücken aus fernen, exotischen Ländern aufwartet. Was Sealsfield berichtet, befriedigt dieses Bedürfnis nach dem Neuen und Unbekannten nicht. Er schreibt über das, was vor der Haustür seiner potentiellen Leser passiert, und er schürt deren oft zurückgehaltenes Bedürfnis, gegen das Regime anzutreten - zumindest in der Phantasie.

Widersprüchlichkeiten

Der "Eye-Witness" im Untertitel kommt nicht von ungefähr: Der Autor will nicht nur in diesem Reisebericht, sondern auch in seinen späteren Romanen die Leser so direkt wie möglich mit der Geschichte konfrontieren und bedient mit dem historischen Roman eine literarische Gattung, die in den 1830er und 1840er Jahren mit Autoren wie Walter Scott oder James Fenimore Cooper ihren Höhepunkt an Beliebtheit erreicht hat.

Hier erkennt man wieder einen der vielen Widersprüche Sealsfields: Während er für den Rest seines Lebens über seine Biographie entweder schweigt oder seine Gesprächspartner auf falsche Fährten lockt, versucht er in seinen Büchern so nah wie möglich an der - vor allem amerikanischen - Wirklichkeit zu bleiben: ob in seinem 1828 publizierten Reisebericht "Die Vereinigten Staaten von Amerika", dem Roman "Der Virey und die Aristokraten oder Mexiko im Jahre 1812" (1835) oder seinem bekanntesten Werk "Das Cajütenbuch oder Nationale Charakteristiken" (1841), in dem er den Freiheitskampf Mexikos schildert.

Als ihn der Verleger Heinrich Brockhaus 1849 um eine Kurzbiographie für sein Konversationslexikon bittet, reagiert Sealsfield zunächst nicht, lässt sich dann aber doch überreden. Der Text, den er an Brockhaus sendet, belässt vieles im Dunklen: Er sei in Deutschland geboren und in den Vereinigten Staaten "eingebürgert", und "was seine persönlichen Verhältnisse betrifft so lebt er theils in der Schweiz theils in den V. St. im Besitze eines unabhängigen größtenteils da angelegten Vermögens. Er war nie vermählt".

Der große Unbekannte

Erst im Jahr vor seinem Tod entsteht in Solothurn die einzige Fotografie des "großen Unbekannten", wie ihn die spätere Forschung gern genannt hat. Sie zeigt einen kranken, müden Mann, der weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat.

Mit der Politik Österreichs war er freilich keineswegs ausgesöhnt. Auch wenn er Jahrzehnte später den rauen Ton von "Austria as it is" für überzogen hält, ändert das kaum etwas an seiner Einstellung. Seine Schrift sollte ja die verdorbene Politik und ihre Institutionen bloßstellen.

Als Graf Wallis die Nachfolge des verstorbenen Finanzministers O'Donnel antreten sollte, soll es - wie Sealsfield in "Austria as it is" berichtet - zu folgendem Dialog zwischen Franz Joseph und Wallis gekommen sein: "'Ich bitte Euere Majestät', antwortete der Graf, 'allergnädigst bedenken zu wollen, dass ich vom Finanzwesen gar nichts verstehe und mich darum gar nie gekümmert habe.' - 'Solche Leute brauche ich gerade, das macht gar nichts. Sie werden es schon lernen', antwortete der Kaiser."

Ob Sealsfield geahnt hat, dass Ahnungslosigkeit und Ignoranz im politischen Geschäft Dauerhaftigkeit beweisen sollten? Wer sonst als er, der sich auf den Weg über den Atlantik gemacht hatte, um sein Publikum später davon zu überzeugen, dass Amerika die bessere Welt ist, weil es dort die Freiheit gab, die er in Europa vermisste? Auch wenn er Jahrzehnte später mit der politischen Entwicklung der Südstaaten nicht einverstanden war, hat er 1858 dennoch die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen, seinen Lebensabend aber abseits der wachsenden Metropolen im schweizerischen Solothurn verbracht. Nach Österreich ist er nie wieder zurückgekehrt. Auf dem Grabstein des seltsamen und rätselhaften Schriftstellers steht: "Charles Sealsfield - Bürger von Nord Amerika."

zurück zu Seite 1




Schlagwörter

Geschichte

2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-04-01 00:00:00
Letzte Änderung am 2013-05-28 20:11:33


Werbung




Werbung