• vom 08.10.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:13 Uhr

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Der unbekannte Wilde




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Von Stefan Broniowski

  • Zum 150. Geburtstag des Dichters am 16. Oktober 2004

Alle Welt kennt Oscar Wilde. Aber kennt man ihn wirklich? Für gewöhnlich gilt Wilde einerseits als unübertroffener Meister des geistreichen Witzworts, als Verfasser spritziger Gesellschaftskomödien, gefühlvoller Märchen und eines anrüchigen Romans; andererseits aber als tragische Gestalt, als jemand, der über den Genüssen des Lebens die Kunst vernachlässigte, sich durch ein ausschweifendes Leben zu Grunde richtete und schließlich wegen seiner Homosexualität ins Gefängnis gesteckt wurde. Viel interessanter freilich wäre es, einem breiten Publikum den fast völlig unbekannte Wilde nahezubringen - beispielsweise den brillanten Essayisten, dessen Überlegungen zu Kunst, Moral, Politik und Religion noch heute erfrischend provokant sind.


Oscar Wilde darauf zu reduzieren, dass er nur ein Witzbold war, heißt ihn zu verharmlosen, man sollte ihn vielmehr gerade dann ernst nehmen, wenn er einen zum Lachen bringt. Sein irischer Landsmann James Joyce nannte Wilde einmal den "Hofnarren der Engländer"; doch ein Hofnarr ist traditionell eben kein unverbindlicher Spaßmacher, er ist vielmehr einer, der den Mächtigen ins Gesicht lacht und vor einer in Gewohnheiten, Vorurteilen und Ressentiments erstarrten Zuhörerschaft manch unbequeme Wahrheit ausplaudert.

Ausnahmeerscheinung

Oscar Wilde wurde 1854 geboren und starb 1900, lebte also inmitten jenes Zeitalters, das man gerne das Viktorianische nennt und das zu Recht als Inbegriff der Prüderie, der Bigotterie, des Manchesterkapitalismus und des in geschmackloser Behaglichkeit verschanzten Spießertums gilt. Die damalige englische Gesellschaft pflegte den Kult des Nützlichen mit einer zwanghaften Neigung zur Behübschung von allem und jedem zu verbinden. Man glaubte an den Fortschritt durch Wissenschaft und Technik und verklärte die Ausbeutung der menschlichen und materiellen Ressourcen des Kolonialreiches zur "Bürde des weißen Mannes".

Alles im bürgerlichen Leben war durch Konventionen geregelt, jedermann wusste um seinen gesellschaftlichen Rang und darum, was er im Zweifelsfall zu denken, zu empfinden und zu tun hatte; aber eigentlich gab es gar keinen Zweifel darüber, was als schön, anständig oder natürlich gelten durfte - und selbstverständlich auch nicht darüber, was als unpassend, unmoralisch oder gar umstürzlerisch zu verabscheuen war. Jeder Verstoß gegen die herrschenden Wertvorstellungen und Verhaltensvorschriften wurde umgehend sanktioniert.

In diesem von Geschäftssinn und Sentimentalität, Unrecht und Konformismus geprägten sozialen Gefüge unternahm nun Oscar Wilde den Versuch, gerade als Ausnahmeerscheinung allgemeine Anerkennung zu finden. Die Gesellschaft war für ihn, so Peter Funke in seiner Wilde-Biographie, "Widersacher wie Verbündeter, Publikum und Geldgeber. Erst allmählich erkannte er, dass sie ihn am ehesten zu ertragen bereit war, wenn er sie unterhielt, und dass sie am leichtesten zu unterhalten war, wenn er sie belustigte, und dass er sie am besten belustigen konnte, wenn er ihr den Spiegel vors Gesicht hielt und sie verspottete".

Wilde wollte unbedingt öffentlichen Erfolg als Künstler, und er bekam ihn auch, doch um den Preis, dass die Gesellschaft, der er seinen Aufstieg abgetrotzt hatte, ihn jederzeit wieder fallen lassen konnte. "Je mehr sie ihm zujubelte, desto mehr machte er sich über sie lustig, je mehr er an ihr verdiente, desto mehr verachtete er sie - bis sie sich rächte und ihn vernichtete."

Nicht dass er homosexuell war, brachte Oscar Wilde ins Gefängnis, sondern der damalige gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität. Der Paragraph, nach dem Wilde zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, war dabei keineswegs ein Relikt des finsteren Mittelalters, sondern erst 1885 in Kraft gesetzt worden. Dass zur Sicherung der Moral per Gesetz einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern unter Strafe gestellt wurden, während es weiterhin als völlig normal galt, wenn Junggesellen und Ehemänner die Dienste weiblicher Prostituierter in Anspruch nahmen, war durchaus charakteristisch für die alle gesellschaftlichen Verhältnisse durchdringende Unaufrichtigkeit.

Es sei der schlimmste Fall, den er je verhandelt habe, erklärte der Richter, der Wilde verurteilte. Sein Ingrimm und der der öffentlichen Meinung galt dabei keineswegs nur dem homosexuellen Verhalten. Noch schwerer wog, dass Wilde bei der Wahl seiner Liebhaber die Klassenschranken nicht beachtet hatte, dass er auch Männer der Unterschicht wie Seinesgleichen behandelte, sich von ihnen mit seinem Vornamen anreden ließ und ihnen teure Geschenke machte.

Weil Wilde seine sexuellen Bedürfnisse nicht in billigen Absteigen ausgelebt, sondern mit unstandesgemäßen jungen Männern in den vornehmsten Restaurants und Hotels Londons verkehrt hatte, weil er seine Neigungen nicht schamvoll versteckt, sondern sich in aller Unschuld zur Verehrung der Schönheit und Jugend bekannt hatte, brachte er alle anständigen Bürgerinnen und Bürger gegen sich auf.

Hätte Wilde, wie damals unter (heute würde man sagen) "geouteten Homosexuellen" üblich, rechtzeitig den Nachtzug nach Calais genommen und sich auf dem Kontinent vor der Justiz Ihrer Majestät in Sicherheit gebracht, wäre er zwar gleichfalls geächtet, aber nicht vernichtet worden. So aber war die Rache der Anständigen grausam und nachhaltig: zwei Jahre Kerker, Zwangsarbeit, Bankrott, Zwangsversteigerung des verbliebenen Eigentums, Trennung von der Ehefrau, die mit den gemeinsamen Kindern einen anderen Namen annahm; nach der Entlassung dann Exil in Frankreich und Italien, unter falschem Namen, ständig in Geldnöten und gemieden von allen, die sich mit dem verfemten Dichter nicht sehen lassen wollten.

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Dokument erstellt am 2004-10-08 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:13:00

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