• vom 23.07.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:13 Uhr

Astronomie

Unter fremden Sternen




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Von Christian Pinter

  • Nicolas de Lacaille und die Vermessung des Südhimmels

Im äußersten Westen der Welt wohnte der Titan Atlas. Er übertraf alle Menschen an Körpergröße. Selbst das ferne, unendliche Meer stand unter seinem Szepter, weshalb man es "Atlantik" taufte. Atlas wurde gezwungen, "aufrecht stehend, mit dem Haupt und nie ermüdenden Armen" den weiten Himmel zu tragen, erzählt Hesiod. In dieser Pose blickt er auch vom Dach der Nationalbibliothek auf den Wiener Josefsplatz hinab. Die Dame rechts von ihm richtet als personifizierte Astronomie ein kleines Fernrohr auf die Himmelskugel. Die Dame links von ihm stützt sich hingegen auf die Tierkreiszeichen: Sie soll die Sterndeutung verkörpern.


Als Phaethon, der Sohn des Helios, die Kontrolle über den Sonnenwagen verlor, da rauchten die beiden Pole des Himmels: "Selbst Atlas leidet Qualen und kann die glühende Himmelsachse kaum auf den Schultern halten", klagt Ovid. Der unglückliche Riese verweigerte dem Helden Perseus zudem auch noch das Gastrecht. Zur Strafe wurde Atlas versteinert und verwandelte sich ins gleichnamige Gebirge im Norden Afrikas.

Wolf und Zentaur

Die Griechen fügten die Sterne des Firmaments zu fantasievollen Figuren zusammen und umrankten sie mit einem reichen Legendenschatz. 48 dieser Sternbilder beschrieb Claudius Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. Der Gelehrte wirkte in der ägyptischen Stadt Alexandria. Dort hatte er einen wesentlich weiteren Blickwinkel auf die südlichen Regionen der Himmelskugel als in Griechenland. Zum Beispiel auf das Sternbild Wolf (offiziell und lateinisch: Lupus), das sich bei uns nur teilweise über den Horizont erhebt.

Es erinnert an den hochmütigen und grausamen König Lykaon. Zeus verwandelte ihn in ein Raubtier und setzte dieses als weithin sichtbare Warnung ans Firmament. Dort wird der Wolf vom Zentaur (Centaurus) in Schach gehalten. Halb Mensch, halb Pferd, erzieht das Mischwesen den Helden Jason. Dieser wiederum sticht in See, um das Goldene Vlies zu holen. Jasons Schiff Argo wird ans Sternenzelt gehoben. Im 18. Jahrhundert zersägen es Astronomen leider in die Bilder Schiffskiel (Carina), Hinterdeck (Puppis) und Segel (Vela).

Am Fuß des erwähnten Zentauren leuchtet ein kleines Quartett heller Sterne. Christliche Seefahrer sahen darin ein Kreuz. Das Kreuz des Südens (Crux) ist heute ein eigenständiges Sternbild. Es ziert nicht nur den Himmel, sondern auch die Nationalflaggen Australiens und Neuseelands.

Doch auch Ptolemäus musste sich mit einem "blinden Fleck" abfinden: Eine relativ kleine Kappe rund um den himmlischen Südpol blieb ihm verborgen. Sein unvollständiges Firmament genügte jedoch 1.300 Jahre lang. Dann drangen portugiesische Seefahrer entlang der afrikanischen Westküste Richtung Süden vor. Als sie den Äquator kreuzten, tauchte der Polarstern in den Wogen des Atlantiks unter. Dafür thronten Argo, Wolf oder Zentaur ungewöhnlich hoch am Himmel. Über dem Bug der Schiffe funkelten sogar ganz neue, bisher unbekannte Lichter.

Diese Metamorphose des Sternenzelts erlebte auch Bartolomeu Diaz, der 1487 das afrikanische Kap der Guten Hoffnung erreichte. Und Amerigo Vespucci: Er segelte um 1500 die Ostküste Südamerikas entlang und fertigte Skizzen der exotischen Sternenpracht an. Magellan stieß 1519 in den Südpazifik vor. Dabei erblickte er zwei seltsame Lichtflecke am Firmament, die mit den fremden Gestirnen getreulich auf- und untergingen.

1595 begann der niederländische Schiffsnavigator Pieter Keyzer, Ordnung in die fremden Himmelslichter zu bringen. Sein Landsmann Frederick de Houtman assistierte ihm dabei. Auf der Fahrt zu den Gewürzinseln musterte Keyzer 135 südliche Sterne und formte daraus 12 neue Bilder. In Augsburg bereitete Johannes Bayer gerade den Druck seiner "Uranometria" vor. Kurz zuvor war der Name des Riesen Atlas erstmals im Titel einer Kartensammlung aufgetaucht. Bayers Himmelsatlas erschien 1603; die Aufnahme der Keyzerschen Kreationen sicherte ihm allgemeine Anerkennung.

Vögel und Fische

Keyzer liebte Vögel. Der legendäre Phönix (Phoenix) stirbt in den Flammen. Der Pfau (Pavo), heiliges Tier der Göttin Hera, beobachtet ihn und schlägt ein großes Rad. Ähnlich prächtig sind die Schmuckfedern des Paradiesvogels (Apus), den Keyzer wohl auf den Gewürzinseln kennen lernte. Amerikanischer Provenienz ist der klobschnäblig anmutende Tukan (Tucana). Über seinem Kopf schwebt der Kranich (Grus). Des langen Halses wegen hat man übrigens die Hebevorrichtung "Kran" nach ihm benannt.

Selbst Keyzers Fliegender Fisch (Volans) erscheint in Bayers Kupferstich-Sammlung mit gefiederten Schwingen, als wäre er zur Hälfte ein Vogel. In Wahrheit nützt dieser Fisch seine breiten Brust- und Bauchflossen als Tragflächen, wenn er, verfolgt, in hohem Tempo aus dem Meer schnellt. Auch am Himmel jagt ein Raubfisch hinter ihm her: Dorado, ursprünglich wohl eine Goldmakrele, verwandelt sich in folgenden Atlanten in einen Gold- oder einen Schwertfisch. Die "Uranometria" zeigt ihn noch ohne schwertartig verlängertem Oberkiefer. Keyzers Chamäleon (Chamaeleon) lauert ebenfalls auf Beute: Bei Bayer ist das eine Biene. Sie mutiert jedoch bald zur Fliege (Musca).

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2004-07-23 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:13:00


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