• vom 13.08.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:13 Uhr

Astronomie

Fontänen am Neptunmond




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Von Christian Pinter

  • Vor 15 Jahren machte Voyager 2 das einzige Porträt von Triton

Am 23. September 1846 erspähte Johann Gottfried Galle an der Berliner Sternwarte einen bisher unentdeckt gebliebenen Planeten. Rasch drang die Nachricht nach Liverpool, wo der Bierbrauer und Amateurastronom William Lassell sein selbstgebautes Spiegelteleskop auf den Sensationsfund richtete. Er hielt nach einem etwaigen Planetenmond Ausschau. Der Plan ging bereits am 10. Oktober auf. Später taufte man Galles Planet "Neptun", Lassells Mond "Triton".


Ein Jahrhundert lang blieb Triton Single. Erst 1949 schenkte ihm Gerard Kuiper, USA, eine Partnerin: die Nereide. 1989 reichte die NASA-Sonde Voyager 2 noch sechs weitere, dunkle und kraterzernarbte Neptunmonde nach: darunter Proteus, Galatea und Naiade. Die Namen all dieser neuen Welten entliehen Astronomen der klassischen Mythologie.

Griechische Meeresgötter

Die alten Griechen bevölkerten das Meer mit einer Vielzahl von sagenhaften Wesen. Der Meeresgott Proteus war ein Verwandlungskünstler, konnte die Gestalt von Feuer, Wasser oder Stein annehmen. Der mild gesinnte Nereus hatte 50 Töchter, die Nereiden. Eine dieser Meeresnymphen war Galateia, die "Milchweiße". Poseidon, von den Römern mit Neptun gleichgesetzt, wühlte die See mit dem Dreizack auf. Das Pferd war ihm heilig. Mit einer Nereide zeugte Poseidon den Triton. Ihn beschreibt Hesiod als "furchtbare Gottheit", die, mächtig und groß, "die Tiefen des Meeres inne hat". Dort unten wohnte Triton in Poseidons goldenem Haus. Purpurschnecken wuchsen auf seinen Schultern.

Einst, so berichtet Ovid, grollte Jupiter dem sündigen Menschengeschlecht. Er wollte es in einer gewaltigen Sintflut ertränken und ließ vom Himmel Regengüsse niedergehen. Gleichzeitig rief sein Bruder Neptun die Flussgötter herbei;
sie sollten die Schleusen aller

Quellen öffnen und ihren Kräften freien Lauf lassen. Bald war die Welt ein einziges Meer ohne Küsten. Delfine wohnten in den Wäldern, Nereiden bewunderten die versunkenen Städte. Als nur noch ein einziges, gottesfürchtiges Menschenpaar übrig war, zerstreute Jupiter die Wolken. Neptun legte den Dreizack beiseite und befahl Triton, die tönende Muschel zu blasen.

Flüsse und Fluten hörten den Klang seines schneckenförmigen Horns. Gehorsam kehrten die Wasser des Festlands und des Meeres um und gaben das Land wieder frei. Seither nennt man die spindelförmigen Trompetenschnecken "Tritonshörner". Neptuns Sohn vermehrte sich nach dem Ende der großen Flut auf geheimnisvolle Weise: Vergil setzt ihn in den Plural, spricht von "schnellen Tritonen". Mindestens 13 der fischschwänzigen Meeresgötter tauschten ihre maritime Heimat zwischen 1780 und 1910 gegen ein Domizil in Wien: Hier werden sie fast immer von Nereiden oder Najaden - Quell-, Fluss- und Seenymphen - begleitet.

Im berühmten Schönbrunner Neptunbrunnen bändigen Tritonen die wilden Rosse ihres Vaters. Najaden erfrischen sich in den Fontänen der beiden kleineren Brunnen. Gemeinsam mit Nereiden stützen Tritonen die muschelförmige Brunnenschale im Garten des Belvedere. Je ein Triton und eine Najade verzieren das Brunnenquartett am Maria-Theresien-Platz. Im nahen Volksgarten existiert ebenfalls ein Tritonbrunnen. Der kniende Triton auf dem Haus der Kaufmannschaft am Schwarzenbergplatz symbolisiert den weltumspannenden Seehandel. Der jüngste verbirgt sich, als einziger einsam und in Ketten gelegt, im Alsergrund, im Haus Thurngasse 8.

Lichtschwaches Pünktchen

1977 brach Voyager 2 zur abenteuerlichen Reise ins äußere Sonnensystem auf. Die NASA-Sonde erforschte Jupiter, Saturn und Uranus. Dann hielt sie auf Neptun zu. Am Morgen des 25. August 1989 passierte sie den meeresblauen Planeten. Fünf Stunden später schoss sie in 40.000 km Abstand an seinem Mond Triton vorbei. In irdischen Teleskopen zeigte sich dieser bloß als lichtschwaches Pünktchen. Niemand wusste, wie seine Oberfläche aussah. Voyager steckte zunächst den Durchmesser ab: 2.700 km machten Triton zum siebentgrößten Trabanten im Sonnensystem. Nur die vier Galileischen Jupitersatelliten, Saturns Titan und unser eigener Mond überflügeln ihn. Dann ermittelte man Masse und mittlere Dichte. Auf Erden würde "ein Kubikzentimeter Triton" zwei Gramm wiegen. Er muss einen mächtigen Kern aus Silikatgestein besitzen. Darüber spannt sich ein Mantel aus Eis.

Wissenschaftler hatten mit einer dunklen, alten und somit kraterzernarbten Kruste gerechnet. Doch Voyager 2 funkte ganz andere Bilder zur Erde: Triton glänzte wie frisch gefallener Schnee. Einschlagsnarben waren spärlich. Da er wohl gleichzeitig mit den anderen Körpern des Sonnensystems entstanden ist, blieb für das recht jugendliche Antlitz nur eine Erklärung: Die Oberfläche musste mehrmals umgestaltet und erneuert worden sein.

Offenbar prägten innere Schmelzvorgänge Tritons Vita. Aus der Tiefe quoll ein Gemisch von Wasser und Wassereis, Stickstoff, Methan, Ammoniak und Kohlendioxid. Die kalte, zähflüssige Eislava ergoss sich in die Einschlagskrater, überspülte deren aufragende Wälle und ließ diese, wieder erstarrend, schlicht versinken. Die eisigen "Sintfluten" wiederholten sich ungezählte Male.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2004-08-13 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:13:00


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