• vom 11.06.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:14 Uhr

Autoren

Dylan Thomas: Dichter und Trinker




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Birgit Schwaner

  • Ein Hinweis auf den großen walisischen Lyriker Dylan Thomas

Wer so lebt wie er, wird keine 90 und selten berühmt. Zuviel Alkohol, täglich Bier und Whisky. Ein zu feines Gehör. Dazu noch ein Dichter - kommt das zusammen, scheitern die meisten. Nach einigen Jahren spätestens. Müßig, zu überlegen, was wäre, wenn zum Beispiel Dylan Thomas noch lebte. Heuer würde er 90; aber wäre er unter "gesünderen" Umständen einer der bedeutendsten Dichter der Moderne geworden, der Autor von "Unter dem Milchwald"? Es ist, wie es ist, wie man es kennt: Lebensdauer gegen Kunst.


"1. I am a Welshman, 2. I am a drunkard, 3. I am a lover of the human race, especially of women." Dylan Thomas, nach eigener Aussage also vor allem Waliser, Trinker und Liebhaber von Frauen, wird am 27. Oktober 1914 in Swansea, einer Industriestadt in Südwales, geboren. Der Erste Weltkrieg hat im Sommer begonnen. Doch das Kind, Sohn eines literaturbegeisterten Gymnasiallehrers und der Tochter eines Bahninspektors, bemerkt nichts davon. So erinnert sich Dylan Thomas - der vollständig Dylan Marlais Thomas heißt und dessen walisischer Vorname "Dylan" übrigens "Meer" bedeutet:

"Im Anfang war die einzige 'Front', die ich kannte, die Front unseres Hauses, zu der man hinaufsehen konnte, wenn man durch den kleinen Gang zur Haustür hinaustrat. Ich konnte nicht verstehen, wieso so viele Leute von dort nie mehr zurückkamen. Aber später wurde ich größer und wusste mehr, wenn ich es auch noch immer nicht verstand, und trug im Cwmdonkin-Park ein hölzernes Schießgewehr und schoss den unsichtbaren, unbekannten Feind nieder wie eine Schar von wilden Vögeln."

Meer, Park und Vögel

Das Haus, in dem Dylan Thomas heranwächst, liegt in einer der schönsten Gegenden der "großartig hässlichen Seestadt" Swansea. Von den hoch gelegenen Zimmern aus sieht der Junge im Süden, über Dächer hinweg, das Meer bis zum Horizont. Und auf der anderen Seite liegt ein Park, der erwähnte Cwomdonkin-Park, mit Schafen, Vögeln, vielen geheimen Nischen, prächtigen Verstecken zwischen Büschen und Bäumen, mit, wie Thomas' Biograph Bill Read schreibt, "Steingarten, Kasperletheater, Erfrischungsbude, Musikpavillon, Trinkbrunnen und einem Teich".

Wegen einer Lungenschwäche muss das Kind oft zu Hause bleiben, wenn andere draußen spielen. Zumal es in Swansea häufig regnet. Dylan Thomas, der durch seinen Vater schon früh mit der englischen Literatur vertraut gemacht wird, liest, wie er einmal schreibt "wahllos und ununterbrochen, bis mir die Augen fast aus dem Kopf fielen". Sein Sprachgefühl und sein dichterisches Können führt er zum Teil auf diese intensiven, kindlichen Leseerfahrungen zurück.

Aber es bleibt nicht beim Lesen. 1925 veröffentlicht der Elfjährige in der Schülerzeitung sein erstes Gedicht. Er will Schriftsteller werden, doch von den Klassikern hält er (mit Ausnahmen wie Shakespeare) genauso wenig wie von den Wissenschaften - das Misstrauen gegenüber allem Akademischen wird ihn sein Leben lang begleiten.

Das einsame Lesen (viel zeitgenössische Lyrik) hat ein Ende, als der 14-jährige Dylan durch eine Rauferei auf dem Schulhof einen Freund findet: Daniel Jenkin Jones, der sich als Komponist und Dichter vorstellt und behauptet, er habe schon mit elf Jahren mehrere historische Romane verfasst . . . Die beiden Freunde erfinden Radioprogramme und -sprecher; unter dem Pseudonym "Walter Bram" schreiben sie gemeinsam Prosa und Lyrik: jeder formuliert abwechselnd eine Zeile - die der andere nicht ändern darf. Der Plan einer gemeinsamen Zeitschrift verpufft, als Dylan Thomas 1929 Mitarbeiter der Schülerzeitung des Swansear Gymnasiums wird, und 1930 zu deren Chefredakteur, bis er 1931 die Schule verlässt.

Bereits in dieser Zeit sind also seinen beiden Berufe festgelegt: der des Dichters und der des Journalisten - zum Geldverdienen. Fortan wird Dylan Thomas immer wieder auch Texte für Zeitungen verfassen, für Radio und Film arbeiten (müssen). Aufschlussreich für sein schon in jungen Jahren ausgeprägtes Sprachgefühl, ja, für die wirklichkeitskonstituierende Rolle, welche die Sprache, und mit ihr: der Klang der Wörter, die Aussagequalität der Laute, für Dylan Thomas spielte, mag eine Bemerkung von Daniel Jenkins sein:

"Dylans Geist war so ausschließlich von Sprache erfüllt, dass nicht einmal mehr für die Dinge, mit denen sie verknüpft ist, Raum blieb: Dompfaff und Gimpel, derselbe Vogel, waren für ihn etwas ebenso Verschiedenes wie ein Vogel Strauß und ein Kolibri." Noch 20 Jahre später, als Dylan bereits ein berühmter Dichter ist, füllt er Notizbuch um Notizbuch mit Varianten des immer gleichen Satzes. Es ist ihm längst zur Gewohnheit geworden, mehrere Jahre an einem Gedicht zu arbeiten, bis es ihm gelungen scheint, bis Klang und Aussage auf die beste Weise zueinander passen.

1931 verlässt er - mit nur einem Abschluss, in Englisch - die Schule und wird Reporter bei der "South Wales Daily Post", seine Artikel erscheinen meist anonym. Hier lernt er, der nach eigener Aussage "den Alkohol, den König der Dämonen" bereits als Gymnasiast kennen gelernt hatte, trinken, abends im Pub, im Kreis der älteren - zum Teil bewunderten - Kollegen, die ihn mit dem Metier eines Lokalreporters vertraut machen, der sich im Leichenschauhaus ebenso auskennen muss wie beim Treffen des örtlichen Gesangsvereins oder in der Sonntagsschule. Nach einjährigem Volontariat ist klar, dass der Dichter nicht zum täglichen Berichterstatter taugt, das heißt: taugen will. Man entlässt ihn, Begründung: Er kann nicht stenografieren.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Schlagwörter

Autoren

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2004-06-11 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:14:00


Werbung




Werbung