• vom 11.06.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:14 Uhr

Literatur

"Ulysses" in Feldkirch




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Von Andreas Weigel

  • Drei Neuerscheinungen zur Biographie von James Joyce

James Joyce, the complete Recordings - Marc Dachys trotz einiger Mängel empfehlenswerte Edition vereint auf einer Audio-CD die zwei verbliebenen Tondokumente von James Joyce: Seine 1924 in Paris aufgenommene, stark rauschende Lesung der Moses-in-Ägypten-Episode aus dem "Äolus-Kapitel" des "Ulysses" und die 1929 in Cambridge aufgenommene, nahezu völlig rauschfreie Lesung von "Anna Livia Plurabelle" (ALP) aus "Finnegans Wake". Die beiden legendären Aufnahmen dauern knapp 13 Minuten (Äolus-Episode: 4'12", ALP: 8'32") und bilden das akustische Vermächtnis von Joyce.


Leider bietet das 116 Seiten starke, englischsprachige Booklet keine Information über die Entstehungsgeschichte der beiden Aufnahmen. Dabei hat die "Ulysses"-Verlegerin Sylvia Beach, die Joyces Stimme für die Nachwelt aufbewahrt hat, in ihrer Autobiographie "Shakespeare and Company. Ein Buchladen in Paris" festgehalten, mit welchen Schwierigkeiten diese "Zwei Schallplattenaufnahmen" verbunden waren:

"1924 ging ich zum Pariser Büro von His Master's Voice und fragte, ob sie eine Lesung von James Joyce aus dem Ulysses auf Platten aufnehmen wollten. Man schickte mich zu Piero Coppola, der die musikalischen Aufnahmen betreute, aber His Master's Voice war nur dann bereit, die Joyce-Lesung aufzunehmen, wenn es auf meine Kosten geschah. Die Platte würde nicht ihr Zeichen tragen und auch nicht in ihren Katalogen geführt werden."

Vermutlich fehlt Silvia Beachs Text in der CD-Dokumentation, weil sie auch die schlechte Tonqualität der "Ulysses"-Aufnahme erwähnt. Aber selbst auf die unwahrscheinliche Gefahr hin, dass ihre unverblümte Selbstkritik den erhofften Verkaufserfolg schmälert, hätte ihr Bericht über die Entstehung der beiden Aufnahmen berücksichtigt werden müssen. Schon aus Gründen der Redlichkeit: schließlich verdanken wir die beiden Aufnahmen vor allem ihrem Engagement.

Im Booklet fehlen zudem der Abdruck der beiden vorgelesenen Textpassagen, zwei Seiten aus dem "Ulysses" und drei Seiten aus "Finnegans Wake", sowie der Hinweis auf die entsprechenden Seitenzahlen. Wegen dieser Lieblosigkeit muss, wer den Text mitlesen will, erst einmal den Beginn der beiden Passagen im englischsprachigen "Ulysses" bzw. in "Finnegans

Wake" suchen, so diese beiden Werke überhaupt zur Hand sind.

Hörenswerte Rarität

Für seine erste Plattenaufnahme hat Joyce, der zuerst einen Teil des "Sirenen"-Kapitels vortragen wollte, schließlich John F. Taylors Moses-in-Ägypten-Rede aus der "Äolus-Episode" auswendig gelernt. Als Silvia Beach wissen wollte, wieso er ausgerechnet diese unscheinbare Passage ausgewählt habe, erklärte er, dass sie die einzige sei, die sich leicht aus dem "Ulysses" herauslösen lasse, sehr deklamatorisch und daher für den Vortrag gut geeignet sei.

Für die Äolus-Aufnahme waren zwei Termine erforderlich, weil der erste Mitschnitt durch ein schmerzhaftes Augenleiden Joyces beeinträchtigt wurde, das seine Konzentration gestört hat.

Nachdem die Aufnahme wiederholt und 30 Schallplatten gepresst und bezahlt worden waren, hat "His Master's Voice" im Lauf der Jahre die Original-Matrizen beider "Ulysses"-Aufnahmen verschlampt, weshalb spätere Kopien nur von stark abgespielten Schallplatten angefertigt werden konnten. Auch aus diesem Grund lässt die akustische Qualität der Äolus-Lesung ein wenig zu wünschen übrig. Aber Rauschen hin und Rumpeln her - die historische Aufnahme ist und bleibt Joyces einzige Lesung aus dem "Ulysses", kurz: eine hörenswerte Rarität.

Darüber blieb die Aufnahme nicht folgenlos. Ihre mangelhafte Tonqualität missfiel dem mit Silvia Beach befreundeten Schriftsteller Charles Kay Ogden, der zuvor schon Georg Bernard Shaw auf Schallplatte aufgenommen hatte, so sehr, dass er selbst eine bessere Joyce-Aufnahme anfertigen wollte. Er lud daher im August 1929 Joyce in das Tonstudio der Orthological Society nach Cambridge ein, wo jener tadellose Mitschnitt von Joyces ALP-Vortrag entstand, dessen faszinierend musikalischer Sing-Sang so bezaubert, dass man ihn gerne wieder und wieder hört.

Von den zuvor erwähnten Lücken abgesehen, enthält das schön gestaltete Büchlein, das ein paar illustrierende Fotografien vertragen hätte, Marc Dachys Einleitung über die intensive Freundschaft zwischen Eugene Jolas (1894 bis 1952) und James Joyce. Dachy rückt dabei Jolas und die besondere Bedeutung seines englischsprachigen Top-Avantgarde-Magazins "transition" für die Moderne in den Mittelpunkt.

Denn bis heute ist Jolas trotz seiner zahlreichen Verdienste als Übersetzer (etwa von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz") sowie als Gründer und Herausgeber von "transition", das zwischen 1927 und 1938 das maßgebliche englischsprachige Forum für die Crème de la crème der europäischen

Moderne war, nahezu unbekannt geblieben, was sich dank Dachys Edition hoffentlich bald ändern wird.

Auf Dachys Einführung folgt Jolas' autobiographischer Rückblick auf seine langjährige, enge Freundschaft mit Joyce, dessen "Work

in Progress" namens "Finnegans

Wake" dank der Vermittlung von Silvia Beach in "transition" häppchenweise vorveröffentlicht wurde:

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Dokument erstellt am 2004-06-11 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:14:00


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