• vom 19.09.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.06.2012, 16:53 Uhr

Literatur

Nach außen lebendig - innen tot?




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Von Peter Landerl

  • 30 Jahre "Grazer Autorenversammlung" - eine kritische Bilanz

Autorenvereinigungen spielen im literarischen Leben eine wichtige Rolle. Zum einen propagieren sie bestimmte literarische Strömungen, veranstalten Lesungen und Symposien, fördern den Informationsaustausch zwischen den Autoren und dienen den Medien gegenüber als Sprachrohr. Außerdem übernehmen sie oft die Aufgabe der Definition, wer bzw. was ein Autor ist - man denke etwa an Jurybesetzungen, Preis- oder Subventionsvergaben, an die Festlegung von Kriterien, die die Aufnahme in eine Autorenvereinigung voraussetzen. So verwundert es nicht, wenn die Literaturgeschichte einer Epoche oft mit der einer Autorenvereinigung gleichzusetzen ist. Bestes Beispiel dafür ist die Gruppe 47, deren Protagonisten die deutsche Nachkriegsliteratur in hohem Ausmaß bestimmt haben.


Die Geschichte des österreichischen Literaturbetriebs der letzten 30 Jahre wurde von der Auseinandersetzung zwischen dem österreichischen P.E.N.-Club und der Grazer Autorenversammlung geprägt. Es lohnt sich, einen Blick in die wilden 1970er Jahre zurückzuwerfen.

Schande für Österreich

Man muss sich das literarische Feld Anfang der 1970er Jahre als ein sehr enges vorstellen. Wenige Veranstalter, Verlage und Funktionäre (Rudolf Henz und Wolfgang Kraus hießen die zwei Sonnenkönige, ohne die nichts, mit denen aber vieles ging) bestimmten das literarische Leben. Literarischen Pluralismus gab es damals nicht, auch ein strukturiertes Literaturfördersystem auf Bundes- und Länderebene, wie man es heute kennt, war damals nicht existent. Die österreichische Nachkriegsliteratur wurde bis in die 1970er Jahre von Mitgliedern des P.E.N.-Clubs dominiert. Diese saßen in den maßgeblichen Jurys, nahmen Funktionen im ORF, den Kulturredaktionen der Presse und in der Kulturverwaltung wahr. Die Literatur, die sie propagierten, stand in einer konservativen, klassisch-realistischen Tradition, mit den experimentellen, avantgardistischen Schreibweisen der jungen Autoren konnten sie nichts anfangen - auch dann nicht, als die Wiener Gruppe und der Kreis der Grazer Autoren um die Zeitschrift "manuskripte" in der BRD längst geschätzt und bewundert wurden. In der österreichischen Heimat fanden die Jungen so gut wie keine Resonanz. Sie wurden im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen, bis sich Ernst Jandl zum Sprachrohr der jungen Autorengeneration machte. Er verfasste eine Erklärung, in der er den österreichischen P.E.N.-Club als "eine Schande für den internationalen P.E.N.-Club und als eine Schande für Österreich" bezeichnete. Die Erklärung wurde u. a. von H. C. Artmann, Wolfgang Bauer, Alfred Kolleritsch, Friederike Mayröcker, Gerhard Roth und Michael Scharang unterschrieben. Jandl und die Unterzeichner forderten eine Reorganisation des P.E.N.-Clubs und seine Öffnung für alle literarischen Strömungen. Der Fehdehandschuh war geworfen. Als sich im Dezember 1972 bei der Wahl zum P.E.N.-Präsidium wider Erwarten die konservative Liste um Ernst Schönwiese gegen die liberale Liste um Hilde Spiel, der die jungen Autoren eine Öffnung des P.E.N.-Clubs zugetraut hatten, durchsetzte, lief das Fass über.

Klaus Hoffer und Alfred Kolleritsch zählten in den "manuskripten" die Funktionen der P.E.N.-Mitglieder auf und schlossen mit dem provokanten Satz: "Fast alle haben Rang, wenige haben Namen." Am 24. und 25. Februar 1973 trat schließlich in Graz die erste Autorenversammlung zusammen (daher der Name, Sitz der GAV ist aber Wien). 38 Autoren waren gekommen. SIe fassten den Beschluss, sich um die Anerkennung als zweites österreichisches P.E.N.-Zentrum zu bewerben. Am 11. Mai 1973 wurde die Grazer Autorenversammlung, kurz GAV, schließlich als Verein bewilligt. H. C. Artmann wurde zum Präsidenten, Klaus Hoffer und Alfred Kolleritsch zu den beiden Vizepräsidenten bestellt. Die Spaltung des literarischen Feldes in zwei verfeindete Blöcke war manifest geworden.

Protestklub

Der P.E.N.-Club reagierte auf den neuen Konkurrenten mit der Aufnahme zahlreicher Autoren. Hatten 1970 lediglich drei neue Mitglieder die Aufnahmekriterien des P.E.N.-Clubs erfüllt, waren es 1971 acht und 1972 sechs. 1973, im Jahr der Gründung der GAV, wurden aber 86(!) neue Mitglieder aufgenommen. Auch die GAV versuchte, ihre Mitgliederzahl rasch zu steigern und verfügte 1975 bereits über mehr als 100 Mitglieder. Einigen Autoren missfiel dieser rasche Mitgliederanstieg. H. C. Artmann, Helmut Eisendle und Peter Rosei verließen 1978 die GAV. In ihrer Austrittserklärung heißt es: "Die Entwicklung der Vereinigung missfällt uns seit längerer Zeit, unter anderen (sic!) die bizarre Methode der jeweiligen Neuaufnahmen, die in geradezu diametralem Gegensatz zu den ursprünglichen Zielen steht. Ein Qualitätsverlust war die traurige Konsequenz, die uns nach diesem Schritt nicht mehr beschämen soll." Der hermetische Literaturbegriff, der hinter dieser Erklärung steht, diente auch dazu, die eigene Position hervorzuheben und sich von den Jungen, Nachkommenden, den noch nicht so bekannten Autoren abzugrenzen. Damit spielten die drei Unterzeichner kurioserweise selbst das Spiel, gegen das sie fünf Jahre zuvor angetreten waren.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2003-09-19 00:00:00
Letzte Änderung am 2012-06-01 16:53:36



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