• vom 05.09.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:16 Uhr

Philosophie

Butler, Judith: Ethik ohne Gewalt




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Von Stefan Broniowski

  • Über die feministische Philosophin Judith Butler

Als 1991 Judith Butlers Buch "Das Unbehagen der Geschlechter" (Gender Trouble, 1990) erschien, machte sich die Autorin damit das deutschsprachige feministische Establishment nicht gerade zur Freundin. Als "Frau ohne Unterleib" wurde sie von Barbara Duden verhöhnt, als Propagandistin eines künstlichen Idealkörpers à la Barbie von Gerburg Treusch-Dieter geschmäht und von Carol Hagemann-White wurde ihr Text als ein "höchst oberflächliches und ärgerliches Buch" abgetan.


Es mag sein, dass die Schärfe der Zurückweisung nicht nur mit Differenzen in der Sache, sondern auch damit zu tun hatte, dass Butler sich von Anfang an unter Studentinnen und Studenten großer Beliebtheit erfreute. Ihrer als keineswegs leicht verständlich geltenden Schreibweise zum Trotz wurden und werden Butlers Bücher auch außerhalb der akademischen Szene gelesen und heftig diskutiert. Und obwohl (oder gerade weil) im Bereich der Gender Studies, also der wissenschaftlichen Erforschung der Geschlechterverhältnisse, längst niemand mehr Butlers Arbeiten ignorieren kann, halten manche dem "Theorie-Star" den Erfolg vor, als ob es ein Makel wäre, wenn eine feministische Philosophin Aufmerksamkeit und Anerkennung findet.

Dessen ungeachtet pflegt Judith Butler sachlicher Kritik nicht auszuweichen, sondern ist stets freundlich, aber bestimmt bemüht, Missverständnisse aufzuklären, Fehldeutungen zurückzuweisen und Präzisierungen anzubieten. Unverdrossen sucht sie den Dialog mit ihren Kritikerinnen und Kritikern und arbeitet die Auseinandersetzung in ihre weiteren Texte ein.

Identität als Konstrukt

Was aber ist überhaupt das Besondere, das Neue, das manche Verstörende, das bei Judith Butler zu finden ist und das oft so leidenschaftliche Diskussionen auslöst? Zunächst wohl, dass Butler die Unterscheidung von "sex" und "gender", also von natürlichem, biologischem, körperlichem Geschlecht einerseits und kulturellem, sozialem, sprachlichem Geschlecht andererseits, nachdrücklich in Frage stellt.

Butler zufolge gibt es kein naturwüchsiges, vorsoziales Fundament der Zweigeschlechtlichkeit, und damit der Heterosexualität, sondern jeder Begriff eines "natürlichen" Geschlechts ist immer schon ein diskursives Konstrukt. Keineswegs wird aber auf diese Weise, wie manche argwöhnten, "alles Diskurs". Materialität verflüchtigt sich bei Butler nicht, sondern wird von ihr als Resultat von Materialisierungsprozessen verstanden, bei denen normierende Macht auf den nicht vorausgesetzten, sondern dadurch erst konstituierten Körper einwirkt.

Dass es kein nicht-konstruiertes Geschlecht gibt, bedeutet nun freilich weder, dass man seine sexuelle Identität nach Lust und Laune frei wählen könnte, noch auch, wie manche befürchtet haben, dass der feministischen Politik das Subjekt abhanden käme. Was konstruiert ist, ist ja deshalb weder willkürlich noch inexistent. Handlungsfähigkeit setzt zudem nicht eine "natürliche" Identität voraus, es genügt eine strategische: "Der Feminismus braucht ,die Frauen', aber er muss nicht wissen, ,wer' sie sind."

Für Butler ist Identität - auch und gerade die als Mann oder Frau, hetero- oder homosexuell - nicht etwas, das man einfach hat, sondern etwas, das man durch wiederholtes Tun verwirklicht. Dies geschieht nicht zuletzt durch "performative Sprechakte", also sprachliche Äußerungen, die Handlungen nicht so sehr beschreiben als vielmehr vollziehen: Das klassische Beispiel dafür sind die Trauungsworte des Standesbeamten, die eine Ehe rechtsverbindlich schließen.

Gelingende Sprechakte sind nun zwar immer Zitate, und insofern Wiederholungen einer Norm, doch "dass Sprechen eine Form von Handlung ist, bedeutet nicht, dass es tut, was es sagt". Identität als Performativität zu verstehen bedeutet nämlich auch, Handlungsfähigkeit gerade darin zu entdecken, dass in der Wiederholung abgewichen, verfehlt, verschoben wird. Dabei eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten anderen Handelns, von "Störpraktiken" und nicht zuletzt von Politik.

Theorie und Politik

Judith Butler ist Professorin für Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft an der kalifornischen Univesität in Berkley. Doch dass ihre Beschäftigung mit Konzeptionen, sprachlichen Handlungen und Diskursen deshalb bloß mit "Theorie" oder gar bloß mit "Ästhetik" zu tun hätte und dabei die harten Tatsachen des Lebens und die gesellschaftliche Wirklichkeit außer Acht ließe, ist ein Vorurteil.

Gewiss erscheinen Bücher wie "Körper von Gewicht" (Bodies that Matter, 1993) und "Psyche der Macht" (The Psychic Life of Power, 1997) in erster Linie als Auseinandersetzungen mit philosophischen und psychoanalytischen Theorien. Dass es dabei jedoch immer auch um etwas anderes geht, dürften spätestens "Hass spricht" (Excitable Speech, 1997) und "Antigones Verlangen" (Politics and Kinship, 2001) gezeigt haben. Wenn Butler dort Themen wie Pornographie und Zensur, das Recht, die eigene sexuelle Orientierung öffentlich zu bekunden, oder Nutzen und Nachteil einer Anrufung des Rechtsstaates aufgreift oder die Möglichkeit abweichender Formen der Verwandtschaft und der Familienbildung erörtert, dann wird offensichtlich, dass ihre theoretischen Bemühungen stets einen - oft brisanten - politischen Kontext haben und nur von diesem her wirklich zu verstehen sind. Auf Butler berufen sich darum beispielsweise auch die Vertreter und Vertreterinnen der Queer Theory, für die gesellschaftliche Emanzipation nicht mehr an Identitätspolitiken gekoppelt ist, sondern denen es um die Möglichkeit und Berechtigung nichtnormierter Lebensweisen geht.

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Dokument erstellt am 2003-09-05 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:16:00

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