• vom 25.07.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:16 Uhr

Astronomie

Blick zum roten Planeten




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Von Christian Pinter

  • Der Mars nähert sich heuer außergewöhnlich stark der Erde an

Have you heard? It's in the stars - next July we collide with Mars! sangen Bing Crosby und Frank Sinatra 1956 in der Verfilmung von Cole Porters Musical "High Society". Keine Angst: "Kollidieren" werden wir auch heuer nicht mit dem Mars. Dennoch kommt uns der Nachbarplanet näher als während der letzten 60.000 Jahre. Entsprechend hell ist sein Glanz - er dominiert die späten Sommernächte und ist als kräftigster Lichtpunkt kaum mit anderen Gestirnen zu verwechseln.


Von allen Planeten bekennt Mars am deutlichsten Farbe. Sein Glanz erinnert an Rost. Das bewog Alchemisten dazu, ihn mit Eisen zu verquicken. Tatsächlich sind es oxidierte eisenhaltige Verbindungen im Marsboden, die für die rötliche Tönung sorgen. Auch für die typische Farbe des menschlichen Bluts ist ja Eisen verantwortlich. Ohne Eisen strahlte Mars in neutralerem Ton. Doch rötlich wie er nun einmal ist, weckte er bei den Alten Assoziationen mit Brand und fließendem Blut, Begleiterscheinungen des Kriegs.

So machten ihn die Griechen zum Sinnbild ihres wahllos wütenden Kriegsgottes Ares, der Streit, Kampf und Schlachtgetümmel liebte. Die Römer setzten Ares mit dem Schutzgott Mars gleich. Priester weihten in seinem Namen Waffen. Man widmete ihm den Dienstag (vgl. ital.: martedi) und den März (ital.: marzo).

"März" erinnert auch im Deutschen an "Mars". Unser "Dienstag" stammt hingegen von der germanischen Männerversammlung und ihrem Gericht "Thing" bzw. "Ding" (vgl. "dingfest machen"). Kriegsgott Tyr fungierte hier als Beschützer. Kämpfer schnitten sein Zeichen ins Schwert, riefen ihn dabei zweimal an. Dadurch wähnten sie sich behütet. Der germanische Tyr wurde als "Mars Thingsus" später auch mit seinem römischen Pendant verschmolzen.

Ruhiger Glanz

Den ebenfalls rötlichen Hauptstern des Skorpions empfand man früher als "Gegenstück" zu Mars bzw. Ares. Man taufte ihn "Antares". Doch der Blick zu Mars belegt: Planeten funkeln weniger als Sterne. Fixsterne wie Antares sind ferne Sonnen. Ihrer gigantischen Distanz wegen bleiben sie selbst im Großteleskop nur Lichtpunkte. Hingegen lassen die nahen Planeten schon im Amateurfernrohr Scheibchengestalt erkennen. Salopp gesagt, erreicht uns von Sternen ein einfacher Lichtstrahl, von Planeten ein schmales Strahlenbündel. Dieses Bündel vermag Turbulenzen in der Erdatmosphäre besser auszugleichen, reagiert toleranter auf Luftunruhe. Der geübte Sternfreund erkennt Mars und seine Planetenkollegen sofort am ruhigen Glanz.

Fixsterne verändern ihre Stellung zueinander praktisch nicht. Seit Jahrtausenden formen sie die alten, vertrauten Sternbilder. Auch jene des Tierkreises. Durch diese wandern aber fünf helle Lichtpunkte. Die Griechen nannten sie "Umherschweifende". Davon leitet sich der Begriff "Planeten" ab. Der rote Planet zieht jetzt durch den an hellen Sternen armen Wassermann. In Bezug zum Fixstern Delta Aquarii gesetzt, fällt seine Bewegung auf.

Mars kreist in 1,88 Jahren einmal um die Sonne. Doch das Wort "kreisen" ist eigentlich falsch. Könnte man aus der Vogelperspektive auf das Planetensystem schauen, würde es rasch offenbar: Die Marsbahn weicht stark von der Kreisform ab. Deshalb war es gerade dieser Himmelskörper, der Johannes Kepler 1609 zu den ersten beiden Planetengesetzen führte. Der schwäbische Astronom beschrieb die mühevollen Berechnungen rückblickend als "Krieg" gegen den Mars, der mit der Vorführung des "hochedlen Gefangenen" endete. Der solcherart Bezwungene verriet Kepler, dass er und die anderen Planeten nicht in Kreisbahnen, sondern elliptisch um die Sonne ziehen. Erst diese Erkenntnis ermöglichte den Siegeszug der kopernikanischen Lehre.

Mars ist die "Nummer Vier" im Reigen der Planeten und damit unser äußerer Nachbar. Auf ihrer engeren Bahn überholt ihn die Erde im Schnitt alle 26 Monate. Dann schrumpft der Abstand zwischen den beiden Welten auf ein Minimum. Mars gerät zum interessanten Fernrohrobjekt. Doch nicht alle der so genannten "Oppositionen" fallen gleich günstig aus. Während die Sonnendistanz der Erde im Jahreslauf mit 147 bis 152 Millillionen km ziemlich konstant bleibt, schwankt die des Mars zwischen 207 und 250 Millionen - der Grund dafür ist natürlich sein stark elliptischer Orbit.

Rekordopposition im August

Überholen wir Mars in seinem sonnennächsten Bahnabschnitt, schiebt er sich fast doppelt so eng an die Erde heran, wie bei ungünstigen Oppositionen im sonnenfernen Teil seiner Ellipse. Somit wächst auch das Marsscheibchen im Teleskop auf beinahe zweifache Größe. Langfristig verformen Störungen der anderen Planeten die Marsbahn, machen sie noch elliptischer. Alle Effekte zusammen genommen, kommt es Ende August 2003 zu einer wahren Rekordopposition. Sie wird erst im Jahr 2287 übertroffen. Am 27. August 2003 trennen uns nur 56 Mill. km von der Nachbarwelt. Ihr Licht braucht dann etwas über drei Minuten, um die Erde zu erreichen.

Überall nehmen Fernrohrbesitzer jetzt den roten Planeten ins Visier. Viele versuchen, Oberflächendetails zeichnerisch festzuhalten. Schauen wir ihnen über die Schulter, um zu erfahren, welche Sehenswürdigkeiten Mars bereit hält!

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2003-07-25 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:16:00


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