• vom 24.01.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:17 Uhr

Porträt

Sehnsucht nach dem Orient




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Von Stefan Broniowski

  • Das wechselvolle Leben des jüdisch-muslimischen Grenz-gängers Leopold Weiss alias Muhammad Asad

Er muss eine faszinierende Persönlichkeit gewesen sein. Hineingeboren ins altösterreichische jüdische Bürgertum, wurde er zum muslimischen Weltbürger, lebte in Arabien, Pakistan, der Schweiz, Marokko, Portugal und Spanien, arbeitete als Journalist, Politikberater, Diplomat, theologischer Schriftsteller und als Vermittler islamischer Glaubenseinsichten an den Westen. Wer war dieser Leopold Weiss, der sich nach seinem Übertritt zum Islam Muhammad Asad nannte?


Erste Einblicke in eine bisher noch weitgehend unerforschte Lebensgeschichte gewährt der in Wien lebende Ethnologe Günther Windhager in einer akribisch recherchierten Biographie. Windhager hat Unmengen von Material aufgearbeitet und vieles davon erstmals zugänglich gemacht. Sein sehr lesbar geschriebenes Buch, dessen Darstellung hier zunächst gefolgt wird, beschränkt sich zwar auf die Jahre von 1900 bis 1927 (auf eine Fortsetzung darf gehofft werden!), aber das ist immerhin jene Zeit, in welcher der noch junge Leopold Weiss sich von Europa ab- und dem Orient zuwandte, seine tiefe Liebe zu Arabien und den Arabern entdeckte, und in der deshalb auch die Gründe dafür zu suchen sind, dass aus dem europäischen Juden schließlich der kosmopolitische Moslem wurde.

Geboren wurde Leopold Weiss am 2. Juli 1900 in Lemberg, der Hauptstadt des Königreichs Galizien und Lodomerien. Sein Vater war Rechtsanwalt, dessen Vater Rabbiner in Czernowitz. Der junge Leopold wuchs in behüteten und gesicherten Verhältnissen auf, lernte Deutsch und Polnisch, und obwohl sein Elternhaus durchaus als aufgeklärt und liberal gelten konnte, war seine religiöse Erziehung traditionell. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges zog die Familie nach Wien. Leopold besuchte dort nacheinander verschiedene Gymnasien, maturierte schließlich in Lemberg und schrieb sich 1918 an der Universität Wien ein, wo er Lehrveranstaltungen über Physik und Chemie, aber auch Kunstgeschichte und Philosophie besuchte.

Das Wien kurz nach Ende des Krieges war gewiss nicht mehr das legendäre Wien der Jahrhundertwende. Aber immer noch pflegten junge und nicht mehr ganz so junge Intellektuelle ihre Zeit mit Vorliebe im Kaffeehaus zu verbringen, nicht zuletzt, um dort mit Freund und Feind ausgiebig über Kunst und Wissenschaft, Literatur und Politik zu debattieren. Psychoanalyse und Sozialismus, Antisemitismus und Zionismus waren einige der umstrittenen Themen.

Auch Leopold Weiss dürfte mehr Zeit in Cafés als in Hörsälen verbracht und dort mehr als aus Büchern gelernt haben. 1920 schließlich brach er seine eher lässig betriebenen Studien überhaupt ab und übersiedelte kurzerhand nach Berlin. Auch in der deutschen Metropole führte der junge Mann ein eher bohemienhaftes Leben und soll dabei unter anderem Max Reinhardt, Bert Brecht und Marlene Dietrich begegnet sein. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, zum Beispiel auch als Hilfsregisseur bei Friedrich Wilhelm Murnau. Bald danach entstanden die ersten journalistischen Arbeiten, Weiss wurde Mitarbeiter der Nachrichtenagentur "Telegraphen-Union".

Die recht ähnlichen Erfahrungen, die Leopold Weiss in den damals ungleichen Großstädten Wien und Berlin machte, waren prägend für ihn und bestimmend für das "Unbehagen in der europäischen Kultur", das er damals zu verspüren begann. Weiss' eigene innere Unzufriedenheit ließ ihn das moralische Ungenügen des optimistischen Fortschrittsglaubens jener Zeit, der "wilden 20er Jahre", besonders nachdrücklich erleben.

"Hinter der Fassade Ordnung und Organisation des Abendlandes herrschte ethisches Chaos; es verriet sich in der vollkommenen Abwesenheit aller Übereinstimmung der Bedeutung von Gut und Böse und in der Selbstverständlichkeit, mit der man alles soziale und wirtschaftliche Streben dem Nützlichkeitsprinzip unterwarf", fasste Weiss/Asad später seine Kritik zusammen. "Unersättliche Selbstsucht im Einzelnen und Machtgier in der Gesamtheit: Und die unvermeidliche Folge dieser Gier und Sucht war die Zerspaltung der abendländischen Welt in feindselige völkische und ideologische Gruppen, die, bis zu den Zähnen bewaffnet, nur darauf lauerten, einander zu vernichten, wann und wo auch immer ihre vielgesichtigen Nützlichkeitsbegriffe miteinander in Streit gerieten."

Sollte Weiss diese Sicht der Dinge tatsächlich schon in den 20er Jahren gehabt haben, besaß er außer einer Sensibilität für die geistige Leere der damaligen Betriebsamkeit offenbar auch ein Gespür für das Anwachsen jener Kräfte, die Europa - und nicht nur es - knapp zwei Jahrzehnte später in ein Schlachtfeld verwandeln sollten.

Neues Lebensgefühl im Orient

Die europäische Zivilisation erschien Weiss jedenfalls kalt und berechnend, technizistisch und aggressiv, anonym und unmenschlich. Etwas radikal Anderes erlebte er bei seiner ersten Reise in den Orient, die ihn in den Jahren 1922 und 1923 nach Ägypten, Palästina, Syrien und in die Türkei führte. Er entdeckte mit einem Male die islamisch geprägte Welt und damit ein "gänzlich neues Lebensgefühl": "Ein warmer menschlicher Hauch schien aus dem Blute der arabischen Menschen in ihre Gedanken und Gebärden zu strömen; da war nichts von jenen schmerzhaften Seelenspaltungen zu sehen, jenen Gespenstern der Angst, Gier und innerer Verdrängung, die das europäische Leben so hässlich und hoffnungsarm machten."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2003-01-24 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:17:00


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