• vom 20.09.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:18 Uhr

Astronomie

Pariser Himmelsmechaniker




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Vor 125 Jahren starb Urbain Le Verrier, der Entdecker des Neptun

Er ist der Einzige, der je einen Planeten unseres Sonnensystems am Schreibtisch entdeckt hat: Urbain Le Verrier, der brillante Himmelsmechaniker. Geboren wird er am 11. März 1811 in St. Lo in der Normandie. Seine außerordentliche Begabung für Mathematik fällt früh auf. Der Vater, ein mittlerer Beamter, verkauft das Haus, um Urbains Studium in Paris zu finanzieren. An der Ecole Polytechnique trifft Le Verrier auf den berühmten Chemiker Louis Gay-Lussac. 1837 heiratet Urbain und erhält auf Gay-Lussacs Empfehlung den frei gewordenen Posten eines Hochschuldozenten für Astronomie.


Le Verriers Metier ist die Himmelsmechanik. Sie berechnet die Bewegungen der Planeten mit großer Exaktheit. Entsprechend der Newton'schen Gravitationstheorie bestimmt nicht nur die Anziehungskraft der Sonne ihre Bahnen. Da Planeten selbst Masse besitzen, üben sie auch untereinander Schwerkraft aus. Sie stören einander im Lauf. Will man möglichst präzise Resultate, muss man das berücksichtigen. Der Rechenaufwand steigt gigantisch.

Urbain bereitet das Auflösen komplizierter Gleichungen Freude. So analysiert er den Planetenlauf über Hunderttausende Jahre hinweg und belegt, dass das Sonnensystem trotz der Störungen langfristig stabil bleibt. Dann lenkt François Arago, Direktor der Pariser Sternwarte, Le Verriers Aufmerksamkeit auf den fernsten bekannten Planeten. Er hält sich scheinbar nicht ganz an die Gravitationstheorie.

Der Uranus

Völlig unerwartet hat William Herschel 1781 in England beim Blick durch sein Teleskop einen siebenten Planeten entdeckt. Zu Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn gesellt sich nun Uranus. Benannt ist er nach dem griechischen Himmelsgott Uranos, der als Vater des Kronos (in römischer Entsprechung: Saturn) und Großvater des Zeus (römisch: Jupiter) gilt.

Schon Jahrzehnte vor Herschel hatten Fernrohrbenützer Uranus gesehen, ihn jedoch für einen der vielen schwachen Fixsterne gehalten. Seltsamerweise passen die alten und neuen Beobachtungen nicht gut zusammen. Irgendetwas scheint Uranus' Geschwindigkeit beeinflusst zu haben. Es gibt verschiedenste Überlegungen; unter anderem denkt man an einen gewaltigen Kometeneinschlag. Vielleicht gilt aber auch das Gravitationsgesetz in derart ferner Sonnendistanz nicht mehr ganz so, wie es Newton 1687 formuliert hat.

Le Verrier glaubt das nicht. Er ist überzeugt, dass Uranus von einem weiteren, bisher unentdeckten Objekt beeinflusst wird. In mühevoller Rechenarbeit versucht er, aus den Abweichungen der Uranusbewegung auf Orbit und aktuellen Aufenthaltsort des Störenfrieds zu schließen. 1846 legt er die Resultate der französischen Akademie der Wissenschaften vor. Damit, so gibt sich der selbstsichere Franzose überzeugt, sei das Uranus-Problem "hervorragend" gelöst.

Urbains Berechnungen umfassen schließlich 10.000 Seiten. Sein "Transuranus" muss aber erst gefunden werden. Bei sehr hoher Teleskopvergrößerung sollte ihn sein winziges Scheibchen von den Fixsternen unterscheiden und verraten. Doch Le Verriers Welt bildet den vermeintlichen Außenposten des Sonnensystems. Angesichts seiner gewaltigen Erddistanz wird das Scheibchen extrem klein ausfallen. Das erschwert die Suche. Bleibt die Bewegung: Ein Planet muss seine Position zwischen den Fixsternen ein wenig verändern, wenn man ihn im Abstand von einigen Tagen anvisiert. Doch die Fixsternwelt ist ungenügend kartiert. Es gibt Anfang 1846 keine Himmelsatlanten, die alle Sterne bis zur vermuteten Helligkeit des Transuranus zeigen.

Die systematische Fahndung ist somit kompliziert. Zunächst wären alle Sterne in der Nähe des errechneten Planetenorts zu erfassen. Später müsste man den Vorgang wiederholen und die einzelnen Positionen vergleichen. Jenes Gestirn, das seinen Ort entsprechend verändert hat, wäre der gesuchte Planet. Doch niemand weiß, wie genau Le Verriers Vorhersage ist und wie lichtschwach sein Gestirn. Eventuell bliebe ein ganzes Sternbild abzusuchen, Tausende Sterne zu vermessen. Und das könnte mehr als ein halbes Jahr dauern.

Kein Sternwartedirektor will seine Forschungsarbeiten für das aufwändige Suchprojekt, dessen Erfolg zudem fraglich scheint, unterbrechen. Auch nicht George Airy in Greenwich oder Arago in Paris. Schließlich wendet sich Urbain brieflich an einen deutschen Astronomen. Johann Gottfried Galle hat ihm vor einem Jahr seine Dissertation zugesandt. Nun endlich dankt ihm Le Verrier, lobt Galles Arbeit und bittet den "unermüdlichen Beobachter" dann, "einige Augenblicke" der Durchforschung einer bestimmten Himmelsregion zu widmen. Le Verrier hofft wohl, Galle würde mit dem leistungsfähigen Teleskop der Berliner Sternwarte das Planetenscheibchen sofort erkennen können.

Der Brief trifft am 23. September 1846 in Berlin ein. Galle fühlt sich geehrt und verpflichtet, Le Verriers Wunsch nachzukommen. Sternwartedirektor Johann Encke feiert an diesem Abend seinen 55. Geburtstag und überlässt Galle das Hauptinstrument: ein hervorragendes, 23 cm durchmessendes Linsenfernrohr aus der Werkstatt des bayerischen Optikers Joseph Fraunhofer.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Schlagwörter

Astronomie

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-09-20 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:18:00

Werbung




Werbung