• vom 06.09.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:18 Uhr

Weltraum

Der Fremde von Ybbsitz




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Von Christian Pinter

  • Vor 25 Jahren wurde in Österreich ein Meteorit gefunden

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, in Österreich über einen "Außerirdischen" zu stolpern? Leider praktisch null. Wenn man Geologe ist, stehen die Chancen besser. Dennoch bleibt die Entdeckung eines kosmischen Besuchers hierzulande Zufall. Ein solcher geschah - vor genau 25 Jahren.


Glücksfall

September 1977: Eine Karte der Region um Ybbsitz in Niederösterreich wird neu bearbeitet. Dr. Wolfgang Schnabel von der geologischen Bundesanstalt untersucht das Gestein des 1.123 m hohen Prochenbergs, gut 2 km südöstlich der Marktgemeinde. Am Abend des 17. bricht er die Arbeit unterhalb des Gipfels ab. Zunächst marschiert er auf einem alten Jägersteig talwärts, dann entschließt er sich für eine Abkürzung.

Dr. Schnabel wäre keine Geologe, hätte er den Blick nicht prüfend auf das Gestein zu seinen Füßen geheftet. Plötzlich taucht inmitten der umherliegenden Kalksteine ein dunkelbraunes Objekt auf. Scheinbar ultrabasisches Gestein, wie es 200 m tiefer, unten bei der Waldkapelle, häufig vorkommt. Doch wie soll es den steilen Abhang hinauf gekommen sein? Neugierig wird es ausgegraben. Um den Vergleich mit den Ultrabasiten zu ermöglichen, schlägt der Geologe ein knapp 1,5 kg schweres Handstück ab. Das ist mühsam. Zahlreiche kleine Fragmente splittern ab.

Ein Dünnschliff dieser Probe gelangt im Herbst 1979 ans Institut für Geowissenschaften der Universität Salzburg, wo ihn Prof. Dr. Elisabeth Kirchner mustert. Nicht lange zuvor hat sie in Albuquerque, New Mexico, Meteorite studiert. Sie erkennt die Ähnlichkeit sofort. Kein Zweifel: Das ist kein irdisches Material, sondern solches aus dem Weltall. Man hat einen neuen Meteoriten entdeckt - den erst fünften in Österreich. Ein Glücksfall.

Odyssee

Unsere Sonne wurde vor 4,6 Milliarden Jahren aus einer interstellaren Wolke geboren. Zunächst umgab eine rotierende Gas- und Staubscheibe den jungen Stern. Darin formten sich Billionen kleiner Bausteine von Kilometergröße. In wenigen Jahrmillionen fügten sich diese zu Planeten zusammen. Den Löwenanteil der Materie riss Jupiter an sich. Aus ihm könnte man alle anderen Welten noch zweimal erschaffen.

Mit seiner übermächtigen Anziehungskraft verhinderte der Riese die Geburt eines weiteren Planeten in seiner Nähe. Zwischen Jupiter und unserem Nachbarn Mars blieben Zigtausend Himmelskörper bescheidener Dimension zurück, die sogenannten "Kleinplaneten".

Gelegentlich kommt es zwischen diesen zu fatalen Zusammenstößen mit etwa 18.000 km/h. Die fortgeschleuderten Splitter geraten zum Teil in sehr gefährliche Regionen des Kleinplaneten-Gürtels: In Resonanzzonen, wo Jupiters Gravitation besonders stört. Der Riesenplanet manipuliert die Orbits der Bruchstücke, drückt ihren sonnennächsten Bahnpunkt immer weiter ins innere Planetensystem hinein. Manche Bahnellipsen schneiden dann die Erdbahn. Mitunter steht unser Planet solchen Trümmern im Weg. Diese Erfahrung machte auch der Meteorit von Ybbsitz.

Nach Jahrmillionen langer Irr-

fahrt tauchte der unregelmäßig geformte Brocken mit mindestens 43.000 km/h in die Erdatmosphäre ein. Bei diesem Höllentempo geriet die Luft fast zur Wand. Die enorme Bewegungsenergie wurde vor allem in Hitze verwandelt; rund um das Geschoss leuchtete atmosphärisches Gas hell auf, bildete eine weite Feuerkugel.

In diesem Inferno schmolz die Oberfläche des dahinrasenden Himmelskörpers. In jeder Sekunde schrumpfte er wohl um einen halben Zentimeter. Der Stress war enorm. Bruchstücke spalteten sich ab. Ihrer geringeren Masse wegen wurden sie rascher gebremst. Niemand weiß, wo sie zu Boden stürzten.

Die Hauptmasse wurde weiter geglättet und gerundet. Luftwirbel drückten napfartige Vertiefungen hinein. Die immer dichtere Atmosphäre verstärkte die Abbremsung noch. Einige Kilometer über Grund war die Bewegungsenergie weitgehend verbraucht. Die Leuchterscheinung verschwand. Der Stein stürzte nun, für irdische Betrachter praktisch unsichtbar, im freien Fall herab. Die kurz zuvor noch heiße Oberfläche erstarrte zur glasigen, papierdünnen Schmelzkruste.

Ein dumpfer Aufschlag auf dem Waldboden beendete die Odyssee. Zunächst verriet die dunkle Schmelzkruste den Fremden am Prochenberg noch. Doch die Verwitterung setzte ihr zu. Bald waren bloß Reste davon übrig. Auf den ersten Blick unterschied sich der Exot nun kaum mehr von irdischem Gestein.

Die Bergung

Der Dünnschliff ist in Salzburg eindeutig als Probe eines Himmelsgeschosses identifiziert worden. Doch die Hauptmasse liegt Anfang 1980 noch immer im Wald. Ungeduldig wartet man auf die Schneeschmelze, um sie bergen zu können. Im April ist es soweit. Dr. Schnabel steigt mit einem Mitarbeiter den Hang hinauf. Anhand der Aufzeichnungen findet man den Absturzort wieder. Doch was für eine Enttäuschung: Mittlerweile ist eine Trasse in den Hang gesprengt, eine Forststraße errichtet worden. Zunehmend mutlos suchen die Männer den Waldboden ab.

Nach einer Stunde endlich Erfolg. Acht Meter oberhalb der Straßenböschung stößt man tatsächlich auf den Meteoriten. Auch alle 1977 abgeschlagenen Splitter werden geborgen. Das Hauptstück ist mit rund 19 cm Durchmesser etwa so groß wie ein Handball - aber natürlich viel schwerer. Es wiegt fast 12 kg. Die geologische Bundesanstalt überreicht es dem Naturhistorischen Museum in Wien. Sie erhält dafür, ebenso wie die Marktgemeinde Ybbsitz, einen naturgetreuen Abguss.

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Dokument erstellt am 2002-09-06 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:18:00


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