• vom 09.08.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:47 Uhr

Astronomie

Die Söhne des Kriegsgottes




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Von Christian Pinter

  • Vor 125 Jahren wurden zwei Marsmonde entdeckt

Geboren am 15. Oktober 1829 in Goshen, Connecticut, beginnt der Uhrmachersohn Asaph Hall zunächst eine Zimmermannlehre. 1856 wendet er sich der Astronomie zu, obwohl man ihm weissagt, er werde dabei verhungern. Er nimmt eine schlecht bezahlte Stelle am Observatorium in Harvard, Massachusetts, an. 1862 kommt er nach Washington. Dort hat die Marine 1830 zunächst ein Depot zum Eichen und Pflegen von Schiffs-Chronometern eingerichtet, zumal acht von zehn Schiffen ohne korrekte Navigationsinstrumente auslaufen. Die präzise Uhrzeit wird aus Himmelsbeobachtungen ermittelt. 1843 zieht man einen zweigeschossigen Ziegelbau westlich des Weißen Hauses hoch. Später wird darauf eine mächtige Kuppel für das beim Optiker Alvan Clark bestellte Riesenfernrohr gesetzt. Mit 66 cm Öffnung ist es ab 1873 das mächtigste Linsenteleskop der Welt. Sieben Jahre später wird Wien mit dem Großen Refraktor diesen Rang übernehmen.


Die Versuchung ist groß, das Rekordinstrument des Naval-Observatoriums sofort für neue Entdeckungen im Sonnensystem zu nützen. Direktor Simon Newcomb und Astronom Edward Holden versuchen das zwei Jahre lang. Dann endlich darf Asaph mit dem Gerät arbeiten. 1876 mustert er den Ringplaneten Saturn. Ein helles Gebilde ist in seiner Atmosphäre erschienen. Hall verfolgt es fast einen Monat lang, errechnet so die exakte Dauer der Saturnrotation. Das Ergebnis weicht um mehrere Minuten vom publizierten Wert ab. Hall beginnt, die in Büchern abgedruckten Daten kritisch zu hinterfragen; er zweifelt bald auch an der Behauptung, der Planet Mars besäße keinen Mond.

Damals kennt man 18 Planetenmonde: Je einen bei der Erde und Neptun, je vier bei Jupiter und Uranus. Um Saturn sieht man acht. Merkur, Venus und offenbar auch Mars sind ohne Begleiter. Die letzten Mondentdeckungen liegen 26 Jahre zurück: 1851 hat William Lassell die Uranussatelliten Ariel und Umbriel aufgestöbert. Seine Versuche, auch Marsmonde zu finden, sind gescheitert. Genauso wie die Bemühungen von William Herschel 1783, Johann Heinrich Mädler oder Heinrich d'Arrest 1864. Mädler zog 1867 Bilanz über Mars: "Ihm selbst fehlt ein Mond, oder dieser müsste von einer Kleinheit sein wie kein anderer Weltkörper. Hätte ein Marsmond auch nur 3 Meilen Durchmesser, er könnte uns in günstigen Oppositionen nicht verborgen bleiben". Die drei genannten deutschen Meilen entsprechen 22 km.

Lichtpunkte

1877, drei Jahre nach Mädlers Tod, steht eine besonders günstige Mars-opposition ins Haus. Nur 56 Mio. km werden den Nachbarplaneten von der Erde trennen. Hall weiß: Wenn es einen Mond gibt, muss dieser ganz eng um Mars kreisen. Ansonsten hätten ihn die anderen, renommierten Astronomen längst entdeckt. Obwohl die Chancen auf Erfolg denkbar schlecht stehen, ermutigt Angeline Hall ihren Gatten zur Suche. Dieser richtet nun das mächtige Teleskop bei 400-facher Vergrößerung auf Mars, der hell im Sternbild Wassermann glänzt; Saturn leistet ihm dort Gesellschaft.

In Mailand stellt Giovanni Schiaparelli das kleine Marsscheibchen exakt in die Mitte des teleskopischen Bildfelds, um die Marsoberfläche zu kartieren. Er wird dabei die vermeintlichen "Kanäle" entdecken, die später wilde Spekulationen über intelligente Lebewesen auf der fremden Welt auslösen. Anders Hall. Er muss Mars "loswerden", weil dieser Hunderttausende Mal kräftiger leuchtet als ein etwaiger Mond. Der gesuchte Trabant würde in seiner Lichtfülle glatt "ertrinken". So rückt Hall den Planeten aus dem Blickfeld, hält ihn haarscharf außerhalb. Dann sucht er den entsprechenden Bildrand nach einem extrem schwachen Lichtpunkt ab.

Der 47-Jährige will die Kuppel dabei ganz für sich allein. Er ist sicher, dass Newcomb und Holden bereits nach Marsmonden gefahndet haben. "Gerade noch rechtzeitig", stellt er zufrieden fest, ist Holden nach New York eingeladen worden. Am 10. August 1877 findet Asaph nichts. In der nächsten Nacht erahnt er um 2.30 Uhr ein Lichtpünktchen knapp beim Planeten. Ist es nur einer der vielen Fixsterne - oder doch mehr ?

"Ein schwacher Stern nahe Mars", trägt Hall in das Beobachtungsbuch ein. Dann vereitelt aufsteigender Nebel jede weitere Beobachtung. Erst am 16. sieht er das Objekt wieder. Am 17. stößt er, noch knapper bei Mars, auf ein zweites. Asaph ist aufgeregt. Er kann nicht anders, als die Neuigkeiten Newcomb mitzuteilen. In den nächsten Nächten macht man genaue Positionsmessungen. Das bringt Klarheit. Hall hat tatsächlich zwei Marsmonde entdeckt.

Kampfgetümmel

Newcomb relativiert in einem Artikel der "New York Tribune" die Rolle Halls beim Fund der beiden Monde. Holden meldet sich aus New York mit einem 3. Marsmond, dem er später noch einen 4. nachreicht. Doch das sind bloß Fixsterne, vor denen Mars gerade vorbei gezogen ist.

Halls Monde geraten zur Sensation. Der "Scientific American" wertet sie als wahren "Triumph" für Hall und den Instrumentenbauer Alvan Clark. Das britische Journal "Nature" spricht von einer "außergewöhnlichen Entdeckung", die der amerikanischen Wissenschaft zur "höchsten Ehre" gereiche. Neptun-Entdecker Le Verrier rühmt sie in Paris gar als "eine der wichtigsten" der modernen Astronomie.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-08-09 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:47:00


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