• vom 12.07.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:47 Uhr

Astronomie

Sommerliche Sphärenklänge




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Von Christian Pinter

  • Das Sternbild Leier und die Bezüge zwischen Musik und Astronomie

Noch am Tage seiner Geburt erfand der flinke griechische Götterbote Hermes, von den Römern später mit Merkur gleichgesetzt, die Leier. Er nahm den Panzer einer Schildkröte, setzte gebogene Hörner daran und komplettierte das neue Musikinstrument mit Darmsaiten. Dann stahl Hermes seinem Bruder Apollon die Rinder. Um den aufgebrachten Sonnengott wieder zu besänftigen, schenkte er ihm schließlich die erste Leier.


Orpheus

Mit dieser begleitete Apollon nun die neun Musen, wenn sie die Götterschar unterhielten. Zu ihnen zählte etwa Polyhymnia, die Liederreiche, oder Urania, die Himmlische. Kalliope, die Schönstimmige, gebar Apollon einen Sohn: Orpheus. In dessen Händen vollbrachte Apollons Leier Wunderdinge. Orpheus zog Tiere und Bäume, ja sogar Felsen in seinen Bann. Doch als der Sänger die Baumnymphe Eurydike freite, tötete der Biss einer Giftschlange die Geliebte.

In tiefer Trauer steigt Orpheus ins Totenreich hinab, wo Schatten ohne Fleisch und Gebein herumirren. Endlich steht er vor dem kalten Gott der Unterwelt und dessen Gattin. Orpheus stimmt ein Klagelied an, fleht um die Rückgabe Eurydikes. Nicht zum Geschenk will er sie, nur geborgt; in wenigen Jahren wird sie den Totengöttern sowieso gehören. Verweigert man ihm die Gnade, so will auch er das Schattenreich nicht mehr verlassen.

Die blutlosen Seelen weinen. Die Götter sind gerührt. Der Sänger bekommt Eurydike, darf beim Aufstieg zur Oberwelt aber keinesfalls zurück blicken. In Totenstille zieht das Paar hinauf, durch Dunkelheit und dichten Nebel. Die Bisswunde in Eurydikes Ferse schmerzt. Die Geliebte bleibt zurück. Besorgt wendet sich Orpheus nach ihr um. Sie streckt den Arm aus, dann entschwindet sie. Er hat sie endgültig verloren.

Viele Musiker haben das Orpheus-Thema aufgegriffen, darunter Monteverdi, Gluck oder Liszt. Die Leier des Apollon geriet sogar zum Symbol für die Musik schlechthin. Das griechische Zupfinstrument hatte zunächst vier-, dann sieben Saiten und hieß "Lyra". Daraus entwickelte sich unsere Bezeichnung "Leier". Im Mittelalter gebrauchte man diese allerdings primär für die Drehleier, später für den Leierkasten. "Leier" bezog sich nun auf die mechanische Drehvorrichtung, die auch "ausleiern" konnte. Die monotone Wiederholung der Kurbelbewegung stand zudem wohl bei Ausdrücken wie "alte Leier", "Geleier", "herleiern" oder "herunterleiern" Pate.

Muse

Die legendäre Leier des Orpheus trieb nach dessen Tod einsam durch Fluss und Meer, Klagetöne hervorbringend. Die griechische Mythologie versetzte sie endlich als Sternbild an den Sommerhimmel. Alte Bezeichnungen der Konstellation wie "Testudo" (lat., Schildkröte), "Mercurii" oder "Orphei" erinnern an ihre Herkunft. Im Englischen spricht man auch von "Harp", der Harfe. Die Leier ist das einzige der 88 international normierten Sternbilder mit musikalischem Hintergrund.

Bei den Griechen begleitete das Leier-Spiel einen Vortrag gesungener Dichtung. Von der Lyra leitet sich daher auch die "Lyrik" ab. Selbst wer Gedichtvorträge nicht allzu sehr liebt, ist heute ständig von Lyrik umgeben. Denn auch die Liedtexte der Populärmusik zählen ja dazu. Im Englischen heißen sie ganz direkt "lyrics". Das Lyra-Spiel wurde hier zwar von Gitarreklängen abgelöst, doch das braucht nicht zu stören. Schon Ovid nannte das Musikinstrument des Orpheus unter anderem "cithara" (lat., eigentlich Zither). Und davon leitet sich "Gitarre" ab.

Letztlich stammt auch das Wort "Musik" von den Griechen; es ist eng mit "Muse" verwandt. Die singenden Musen gelten bis heute als "Schutzgöttinnen" der Künste. Sie sollen Künstler inspirieren und beflügeln.

Wega

Auf alten Himmelsgloben und -karten findet man die Leier noch an die Brust eines Raubvogels geheftet. Die Araber sahen in ihrem prächtigen, leicht bläulich strahlendem Hauptstern nämlich einen herabstürzenden Adler. Nach diesem benannten sie das Gestirn: Wega, oder "Vega", zählt zu den prominentesten Lichtpunkten am Firmament. Sie schrieb mehrmals Geschichte, ist gewissermaßen ein "Star" am Sommerhimmel.

Bis ins 19. Jahrhundert war die Entfernung der Sterne unklar. Dann wagte man mit Hilfe spezieller Teleskope Messungen. Astronomen wussten, dass sie zunächst nur bei sehr nahen Sternen Erfolg haben würden. Wilhelm Struve wandte sich der hellen Wega zu. 1837 publizierte er ihre Distanz. Seine weiteren Untersuchungen ergaben jedoch abweichende Werte, sodass Struve dem korrekten Resultat misstraute und es revidierte. Deshalb wurde ein Jahr später ein Sternchen im Schwan zum ersten Fixstern mit sicher ermittelter Entfernung. Heute ist unumstritten: es sind 25 Lichtjahre, die uns von Wega trennen. In Wahrheit leuchtet sie 49-mal kräftiger als unsere Sonne.

1850 wurde Wega zum ersten Stern, dessen fotografisches Porträt gelang. 1983 stellte sie sich abermals mit einer Premiere ein: völlig unerwartet stieß der Infrarot-Satellit IRAS beim Eichen seiner Instrumente dort auf Wärmestrahlung. Sie stammt von einer Staubscheibe, die den Stern umgibt.

Ein ähnliches Gebilde muss einst auch unsere junge Sonne besessen haben. Sah man bei Wega erstmalig Indizien für die Existenz eines anderen, fremden Planetensystems?

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Astronomie

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2002-07-12 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:47:00

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