• vom 28.06.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:47 Uhr

Asien

Vierter Stock, Kapsel 459




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Von Helmut Kretzl

  • Zwischen Sushi und Shinkansen -Als Tourist in Japan

Es erschien mir immer wie ein Gemeinplatz, dass Japan dem Europäer fremd ist, nämlich wirklich fremd. Doch dieser Gemeinplatz hat seine volle Berechtigung. Die Tatsache, dass die Japaner sich nach dem Zweiten Weltkrieg US-Einflüssen gegenüber offen zeigten, kann den Eindruck erwecken, es handle sich um eine Zivilisation westlichen Zuschnitts. Doch das stimmt nur an der Oberfläche. Unter der weltoffenen Fassade verbergen sich Jahrhunderte alte Traditionen, deren Verständnis sich dem Fremden auch nach jahrelangem Aufenthalt im Land noch verschließt.


Japaner ordnen dem Wohl der Gemeinschaft alles unter - der Familie, der Firma, mit der man sich in hierzulande unüblicher Weise identifiziert, oder dem Staat. Besonders deutlich wird die unterschiedliche Einstellung zu Gemeinwesen und Individuum bei einer Übernachtung in einem so genannten Kapselhotel.

Kaum jemand kann Englisch

Es war spät am Abend, ich hatte zur Abwechslung Sushi gegessen, die einzige vertraute Ernährung, abgesehen von den auch in Japan allgegen- und widerwärtigen McFastFood-Lokalen. Ich befand mich am riesigen Hauptbahnhof von Tokio und suchte verzweifelt nach einer Unterkunft für die Nacht. Sie sollte nach Möglichkeit nicht weit entfernt vom Bahnhof liegen, da ich für den nächsten Tag bereits einen Sitzplatz im Shinkansen reserviert hatte, jenem japanischen Superschnellzug, der mit mehr als 300 km/h die großen Städte des Landes miteinander verbindet. Der Zug fuhr sehr zeitig, frühes Aufstehen war daher erforderlich, ein kurzer Anreiseweg wünschenswert.

Und hier ist ein kurzer Exkurs über die Schwierigkeit bzw. die Unmöglichkeit für einen Ausländer, sich in Japan zurechtzufinden, sofern er nicht Sprache und vor allem Schrift beherrscht, notwendig: Straßenschilder und Wegweiser sind meist nur in japanischen bzw. chinesischen Zeichen beschriftet, dem unbedarften Touristen bleiben sie ein Buch mit sieben Siegeln. Auch das Fragen von Passanten gestaltet sich überaus schwierig, da Japaner kaum oder gar nicht Englisch sprechen. Der Versuch, ihre Sprache aus einem Sprachführer abzulesen, scheitert häufig an einer einzigen falschen Betonung, die dem Wort einen völlig anderen Sinn gibt oder einen solchen gar nicht erst aufkommen lässt. Immerhin sind sich alle Beteiligten des Problems bewusst, die Kommunikation wird daher von vielen Gesten und Handbewegungen begleitet. Manchmal ertappte ich mich beim Versuch, Zustimmung mit japanisch klingenden Lauten auszudrücken - ein wohl unbewusster Versuch, Höflichkeit zu zeigen.

Ich hatte Glück, ein freundlicher Polizist verstand meinen Wunsch und zeigte mir den Weg zum nächsten günstigen "Kapselhotel". Diese typisch japanische Einrichtung verdankt ihren Namen der Tatsache, dass dem Gast kein Zimmer, sondern nur ein gerade ein Bett umfassender Alkoven zur Verfügung steht. Da ringsherum aus Platzgründen möglichst viele weitere solcher Einheiten angeordnet sind, entsteht der Eindruck von Waben oder eben "Kapseln".

Die Idee der Kapselhotels hatte mich fasziniert, seit ich das erste Mal davon gehört hatte. Als ich eine Japanerin dazu befragte, erntete ich nur ungläubiges Gelächter. Das könne doch nicht mein Ernst sein, das sei doch nur eine Notlösung für weit außerhalb der Stadt wohnende Pendler, die nach einer ausgiebigen Zechtour den letzten Abendzug versäumt haben. Eine reine Verlegenheitslösung, jedenfalls keine Option für westliche Ausländer, die Japan naturgemäß nur von der attraktivsten Seite kennenlernen sollten.

Zweiter Exkurs: Mit den so genannten "Love Hotels" hat Japan noch eine weitere Hotellerie-Innovation hervor gebracht. Sie erwecken die Illusion, sich in einem Märchenschloss, einem Luxusdampfer oder einem Raumschiff zu befinden. Alles darin ist auf die Lustbefriedigung der Gäste ausgerichtet, die sich hier ihre geheimsten Wünsche erfüllen sollen. Drehbare Massagebetten, Spiegel oder Videokameras sollen dazu beitragen, aber auch Videospiele oder Karaoke-Anlagen. Dennoch ist die Sache keineswegs anrüchig, sondern vor allem Ehepaare gönnen sich hier ungestörte Stunden gegenseitiger Zuwendung, für die sie in den hellhörigen eigenen Wänden keine Gelegenheit haben.

Zurück zum "kapuseru hoteru", wie die Japaner "capsule hotel" aussprechen, und das ich ohne Hilfe nie gefunden hätte. Die bläuliche japanische Neonschrift ließ für einen Europäer keinerlei Rückschlüsse auf die Funktion des Gebäudes zu. Der Eingang war verborgen hinter einer bunten Ansammlung hell erleuchteter Getränke- und Snack-Automaten. Sie waren bestückt mit allen erdenklichen Arten von Getränkedosen, -flaschen und -packungen, von Erfrischungsgetränken über Legionen von Sojamilch-Abarten bis zu einer unvorstellbaren Vielfalt von Grüntee-Mixgetränken mit Fruchtbeimischung.

Kein Bier nach 22 Uhr

Auch Bier-Automaten gibt es, aber leider sind sie meistens so intelligent, dass sie - einem nicht nachvollziehbarem Gesetz folgend - nach 22 Uhr keine Dosen mehr ausspucken mit Sorten wie Kirin, Sapporo oder Asahi - also gerade zu jener Zeit, wo man solch flüssigen Zuspruchs fern der Heimat am stärksten bedarf. Hopfendurstige finden dann nur noch Trost in länger geöffneten kleinen Selbstbedienungsläden.

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Asien, Japan

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-06-28 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:47:00


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