• vom 08.02.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:56 Uhr

Astronomie

Der himmlische Jäger




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Von Christian Pinter

  • Über Mythologie und Astronomie des Sternbildes Orion

Alte Sternkarten zeigen den bärtigen muskulösen Mann mit der schweren Keule in der Linken, dem Fell in der Rechten und dem Schwert am Gürtel. Oft weist er uns kniend den Rücken zu. An Winterabenden prangt der himmlische Jäger eindrucksvoll im Süden. Vielen Naturfreunden gilt Orion als schönstes Sternbild überhaupt. Folgt man den Griechen, verlief die Zeugung des Hünen allerdings wenig ästhetisch.


Der alte Bauer Hyrieus lud einst drei Wanderer zur Rast ein. Zunächst ahnte er nicht, wen er da mit Wein bewirtete. Dann jedoch erkannte er den mächtigen Zeus (in römischer Entsprechung: Jupiter), den Meeresgott Poseidon (Neptun) und den Götterboten Hermes (Merkur). Erbleichend schlachtete er seinen einzigen Stier. Zum Dank wollten ihm die Gäste einen Wusch erfüllen. Hyrieus hatte seiner verstorbenen Jugendliebe über den Tod hinaus Treue geschworen und war daher ohne Sohn geblieben.

Zeus, Poseidon und Hermes wussten Abhilfe. Gemeinsam traten sie an die Stierhaut. Den Rest verschweigt Ovid, der sich auf eine alte griechische Quelle stützt. In Erinnerung an den eigentümlichen Zeugungsakt taufte Hyrieus den Buben Urion (lat. urina, Harn, Urin).

Wir finden den Jüngling als "Oarion" oder "Orion" wieder - ein riesenhafter Jäger, der Frauen nachstellte und von Göttinnen begehrt wurde. Über sein gewaltsames Ende liegen widersprüchliche Berichte vor. Homer erzählt, er hätte die Leidenschaft der rosenfingrigen Göttin der Morgenröte erregt. Doch die Götter gönnten Eos den Sterblichen nicht; deshalb erlegte die Jagdgöttin Artemis (römisch Diana) ihn mit ihren "sanften Geschossen". Manche glauben hingegen, dass Artemis selbst in Liebe zum berühmten Jäger verfiel - was sich schlecht mit ihrem Keuschheitsgelübde vertrug. Ein kleiner Skorpion stach den Riesen in die Ferse und beendete so die Romanze. Vielleicht entsandte die Erdgöttin Gaia das giftige Tier aber, weil Orion prahlte, alles Wild auf Erden erlegen zu können. Odysseus sah ihn noch im Totenreich jagen, mit seiner "unzerbrechlichen, erzenen Keule". In jedem Fall wurde der Hüne ans Firmament versetzt; mit ausreichendem Sicherheitsabstand zum Sommersternbild Skorpion. Wenn dieses im Südosten hoch klettert, flieht Orion unter den Westhorizont.

Riese und Gigant

Für die Juden stellte die Konstellation den gewaltigen Jäger Nimrod dar, den ersten Machthaber auf Erden. Laut Genesis erstreckte sich seine Herrschaft über Babylon, Uruk und Akkad. Als Riese galt die Figur nicht nur in Griechenland, sondern auch bei den Arabern und bei den Römern. Letztere nannten ihn "Gigas" (vgl. unsere Worte "Gigant" und "gigantisch") oder "Venator" (lat., Jäger).

In Orions Nachbarkonstellation, dem Großen Hund, sahen die Griechen mitunter den mehrköpfigen Kerberos, der den Eingang zur Unterwelt bewacht. Oft machten sie dieses Sternbild aber bloß zum vierbeinigen Jagdgehilfen des Orion - obwohl es mit Sirius immerhin den hellsten aller Fixsterne besitzt und damit mehr als eine Nebenrolle verdient.

Im Reich der Pharaonen war das anders. Dort huldigte man dem Gott Osiris, der den Menschen Gesetze, Sternenkunde, Acker- und Weinbau schenkte. Seine Schwester und Gemahlin hieß Isis. Sie hatte unter anderem den Ehevertrag erfunden und die Länge der Schwangerschaft festgesetzt. Der machtgierige Wüstengott Seth lockte Osiris in die Falle und tötete ihn. Seth ließ den Sarg in den Fluss werfen.

Klagend suchte Isis ihren Gatten. Sie fand ihn, fächelte ihm in Gestalt eines Falken Luft zu und belebte ihn für kurze Zeit wieder. So empfing die Göttin seinen Samen; ihr Sohn Horus sollte den Vater später rächen. Zuvor aber entdeckte auch Seth Osiris' Leichnam und zerstückelte ihn. Gemeinsam mit Anubis, dem getreuen hunde- oder schakalköpfigen Begleiter, sammelte Isis 13 Leichenteile wieder ein. Den 14., das verschollen gebliebene Zeugungsglied, bildete sie aus Feigenholz nach.

Vegetationsgott Osiris

Der endlich gebührend bestattete Gott wurde Herrscher des Totenreichs und Richter über die Verstorbenen. Er erstand jedes Jahr gleichsam wieder auf, wenn der Nil die ausgetrockneten Felder "befruchtete". Die Fluten des Stroms verkörperten Osiris, das ufernahe Land Isis. In ihrem Schoß wuchs das Getreide, das man ebenfalls mit Osiris assoziierte. Er wurde somit auch als Vegetationsgott verehrt.

Papyrustexte belegen: Osiris' Abbild am Sternenhimmel war die Orion-Figur. Im benachbarten, glänzenden Sirius sah man die Isis. In der Frühzeit fiel das erste morgendliche Sichtbarwerden des Isis-Gestirns mit dem Beginn der lebenswichtigen Nilschwelle zusammen - das konnten die Ägypter schwerlich als Zufall betrachten. Der Kult um Isis durchdrang später sogar das römische Reich. So verehrte man sie im 1. Jahrhundert etwa am Ulrichsberg bei Klagenfurt; mehrere Kaiser fungierten als Priester der beliebten Frauengöttin.

Wie der Blick zum Firmament zeigt, ist Isis dem Osiris treu geblieben. Noch immer folgt Sirius dem Orion im täglichen Lauf von Ost nach West. Am schwarzen Firmament der Wüste zählt man allein in seiner Figur mehr als 60 Sterne. Am unnötig stark aufgehellten Himmel Wiens setzt sich kaum ein Dutzend durch. Der Zufall ordnet die sieben hellsten Orionsterne in außergewöhnlicher Geometrie an. Eine höchst merkwürdige Synthese aus Symmetrie und Verzerrung verleiht dem Sternbild besonderen Charakter. Orions Gürtelsterne bilden eine fast perfekte Reihe in der Körpermitte; die zwei äußeren formen dabei Trapeze mit den beiden Schulter- und Fußgestirnen.

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Astronomie

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Dokument erstellt am 2002-02-08 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:56:00

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