• vom 14.12.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:57 Uhr

Essen

Die brotloseste aller Künste




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Von Peter Payer

  • Eine kleine Geschichte der Hungerkunst

Es war eine ungewöhnliche Wette, die Dr. Henry Tanner im Sommer 1880 abschloss: 40 Tage lang wollte er ohne zu essen auskommen, nur Wasser zu trinken sollte ihm erlaubt sein. Der amerikanische Arzt, der in Ohio eine Praxis und eine elektrothermische Badeanstalt betrieb, war der festen Überzeugung, dass eine befristete Nahrungsenthaltung die richtige Behandlung für zahlreiche Leiden sei. Im Selbstversuch ging es ihm nun darum, "die Kraft des menschlichen Willens zu demonstrieren und den Materialisten zu beweisen, dass es außer Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlensäure noch etwas anderes im menschlichen Hirn gibt".


Am 28. Juni begann Tanner in der Clarendon Hall in New York City sein Experiment. Tag und Nacht bewacht, verbrachte er seine Zeit zumeist mit Schlafen, Zeitunglesen oder im Gespräch mit seinen Besuchern, die zu tausenden kamen, um - gegen Bezahlung einer Eintrittsgebühr - den freiwillig darbenden "Hungerdoktor" zu sehen. Zwar musste Tanner mehrmals kritische Phasen überwinden, doch nach 40 Tagen hatte er glücklich die Würde eines "Champion-Hungerers" errungen. Später wiederholte er noch mehrmals derartige Vorführungen, sodass er binnen kurzer Zeit eine ungeheure Popularität erlangte.

Nicht zuletzt aufgrund des auch in finanzieller Hinsicht beachtlichen Erfolgs, verbreitete sich das Schauhungern bald auch in Europa. Hier versuchte sich erstmals der italienische Reisende Giovanni Succi an einer "Hungertour". Am 18. August 1886 begann er in Mailand mit einer 30-tägigen Fastenperiode, und das Interesse war auch in dieser Stadt enorm. Unzählige in- und ausländische Besucher reisten an, um sich persönlich vom Wohlbefinden Succis zu überzeugen.

Umgehend war er zum "berühmtesten Mann des Augenblicks" geworden. Als er eines Abends - unter ärztlicher Begleitung - im Opernhaus erschien, unterbrachen die Sänger sogar ihre Vorstellung, da die Aufmerksamkeit des Publikums nur auf die Loge des Hungerkünstlers gerichtet war.

Wie bei Tanner warf auch diese Schaustellung einen beträchtlichen Gewinn ab. Succi unternahm in der Folge Tourneen in fast alle Großstädte Europas und wurde damit zum bekanntesten und berühmtesten Hungerkünstler seiner Zeit. Allerdings hielten ihn, der von sich selbst behauptete, übermenschliche Fähigkeiten zu haben und vom "Löwengeist" durchdrungen zu sein, auch manche für verrückt oder schlicht - für einen Betrüger.

Giovanni Succi in Wien

In Wien, der Stadt mit der "ewigen Schaulust" (Stefan Zweig), konnte man den exzentrischen Hungerkünstler im Frühjahr 1896 bestaunen. Ende März begann Succi im noblen Hotel Royal in der Singerstraße seine mittlerweile bekannte 30-tägige Hungertour. Man hatte ein Überwachungskomitee zusammengestellt, dem unter anderem Primarius Dr. Ritter von Limbeck sowie zahlreiche weitere renommierte Ärzte angehörten. Sie kontrollierten täglich Succis Gewicht, nahmen Kraftmessungen vor und protokollierten die Menge des getrunkenen Wassers. Die ärztlichen Bulletins wurden dem anwesenden Publikum mitgeteilt und auch in den Zeitungen veröffentlicht. Populäre Massenblätter wie das "Illustrirte Wiener Extrablatt" berichteten jeden Tag ausführlich über den Verlauf des Experiments.

Schon bei seinen früheren Hungervorstellungen hatte Succi demonstriert, wie gewandt er mit seinem Publikum umzugehen verstand. Im Frack, die Brust mit Auszeichnungen geschmückt, empfing er seine Gäste. Stets gut gelaunt, erzählte er von seinen früheren Abenteuern, hielt er Turn- und Fechtübungen ab oder tanzte er bei einem für ihn gegebenen Konzert mit einer Besucherin. Zwischendurch rauchte er behaglich Zigarren und beantworte die zahlreichen postalischen Anfragen. Auf den Zweck seiner Darbietung angesprochen, bezeichnete er sich als "Mann des Lichts", der mit seinem Hungerexperiment die Aufmerksamkeit der Physiologen, vor allem aber der Psychologen auf sich lenken wolle.

Das wissenschaftliche Interesse an seiner Person war für Succi nichts Neues. Bereits acht Jahre zuvor war er in Florenz während einer Hungertour von einem Ärzteteam unter der Leitung des Physiologen Luigi Luciani genauestens untersucht worden. Die Ergebnisse dieser - wie man betonte - einmaligen Gelegenheit, die Auswirkungen des Hungerns am "menschlichen Versuchsobjekt" zu studieren, wurden in der medizinischen Fachwelt eingehend diskutiert und schließlich sogar in einem eigenen, auch ins Deutsche übersetzten Buch publiziert ("Das Hungern. Studien und Experimente am Menschen").

Die Wiener Hungerveranstaltung avancierte zum gesellschaftlichen Ereignis, bei dem sich zahlreiche Prominenz einfand. Allerhöchster Gast war Erzherzog Leopold Salvator, der sich Succis Erläuterungen "mit vielem Interesse" anhörte und vor Schluss des Fastens wieder zu kommen versprach. Am Abend des 27. April beendete Succi seine Vorstellung. Auf dem Weg zum Abschlussfest im Hernalser Unterhaltungsetablissement Stalehner empfingen ihn hunderte Neugierige mit stürmischen Ovationen. Welch große Popularität der die Wiener und insbesondere die Wienerinnen durch seine Willenskraft und sein südliches Temperament beeindruckende Entertainer erlangt hatte, zeigte sich auch daran, dass ein Herrenmodengeschäft eigene "Succi-Cravatten" zum Verkauf anbot.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-12-14 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:57:00


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