• vom 14.12.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:56 Uhr

Weltraum

Außerirdische in der Wüste




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Von Christian Pinter

  • Reicher Nachschub von oben macht Meteorite zur Massenware

Statistisch betrachtet, müsste alle paar Jahre zumindest ein sehr kleiner "Außerirdischer" in Wien landen. Gefunden wurde hier aber nie einer. Selbst aus ganz Österreich sind bloß fünf bekannt. Denn in unübersichtlichen oder vegetationsreichen Gebieten macht man Meteorite kaum aus.


Nach langem Flug durch das All treffen die kosmischen Besucher mit mindestens 43.000 km/h auf unseren Planeten. Die Abbremsung in der Lufthülle ist enorm. Viele Geschosse halten dem Stress nicht stand, zerplatzen Kilometer über Grund in zahlreiche Fragmente. Fast ihre gesamte Bewegungsenergie wird in Wärme verwandelt. Die Oberflächen schmelzen. Schließlich gehen die Objekte in freien Fall über. Dabei erstarrt die erhitzte Haut wieder, bildet die eigentümliche millimeterdünne Schmelzkruste. Beim Aufprall mit etwa

160 km/h können die Massen nochmals zersplittern.

Anfangs verrät die dunkle Schmelzkruste gelandete Meteorite. Doch in feuchten Regionen verwittert sie rasch. Dann vermag nur das Auge des Experten die Exoten von irdischem Gestein zu unterscheiden. Irgendwann fallen nicht geborgene Exemplare der Vergessenheit anheim.

Schwierige Inventur

Der Meteoritenkatalog des Natural History Museum in London machte seit 1923 fünfmal weltweite Inventur. 1966 hatte er gerade 2.000 Einträge; im Herbst 2000 musste er jedoch schon 25.600 Meteorite unterbringen. Die Fundraten waren förmlich explodiert. Schuld trug zunächst der kälteste, windigste und unzugänglichste Kontinent der Erde: Seit den Siebzigerjahren brechen vor allem japanische und US-amerikanische Meteoritenfahnder immer wieder zu aufwendigen Expeditionen in die Antarktis auf. Dort ist die Luft noch trockener als in der Sahara.

Das antarktische Gletschereis schiebt sich jedes Jahr einige Meter Richtung Küste weiter. Trifft es auf eine natürliche Barriere, wird es aufgestaut und nach oben gedrückt. Der stetige Wind trägt es ab. Meteorite, seit zehn- bis hunderttausend Jahren eingeschlossen, werden an solchen Plätzen konzentriert freigelegt.

Der höchst willkommene Sammelmechanismus verwischt leider auch Spuren. Er verschleiert den eigentlichen Absturzort des Himmelssteins, mischt die Fragmente und Splitter jedes einzelnen mit denen anderer. Chemische Analysen zeigen: jeweils zwei bis zehn Fundstücke dürften zum selben Meteoritenfall gehören. Mittlerweile bilden die 30.000 Exemplare aus der Eiswüste schon einen tonnenschweren Schatz. Er bleibt zur Gänze in den Händen der Wissenschaft. Nichts davon landet am privaten Sammlermarkt.

Vor ein paar Jahren erhielt die Antarktis Konkurrenz. Kleine, private Suchteams machten sich mit ihren Geländewägen in die Sahara auf. Ihre Destinationen: vegetationslose, weithin überschaubare Ebenen, die nur von kleinen, hellen Steinen bedeckt sind; Flächen, die der Wüstenwind von Staub und Sand befreit hat. Nur wenige Gebiete in der Sahara sind so.

Manche der meist französischen Wüstenfahrer plaudern gerne aus der Praxis. Zunächst macht man sich mit den vorherrschenden Farben des Bodens vertraut. Dann hält man im steinigen Meer aus grauen und braunen Tönen Ausschau nach einem ungewöhnlich dunklen Objekt. Im idealen Gelände lässt sich ein solches aus bis zu 100 m Distanz erspähen. Aus der Nähe betrachtet, entpuppt es sich oft als Schatten, als Stück eines zerfetzten Reifens, als Blechkanister, als Kamelkot. Oder nur als dunkler irdischer Stein.

Erst nach einigen hundertmal Bücken ertönt der erste Jubelschrei. Der Wüstenmeteorit liegt dort, wo er vor tausend oder zehntausend Jahren gefallen ist. Möglich, dass ihm der lange Aufenthalt schon zugesetzt, ihm ein verwittertes Antlitz verpasst hat. In jedem Fall hält man die Koordinaten fest, macht Fotos und Notizen. Anschließend wird das Gebiet nach weiteren Fragmenten abgesucht. Ein sehr gutes Terrain lässt auf einen Treffer pro 20 Quadratkilometer hoffen. Mit viel Glück ist der Wagen am Ende des Tages um 30 Kilo schwerer.

So kehrten einige Expeditionen schließlich mit 200 Kilogramm aus der Sahara heim. Andere fanden dort bloß das Abenteuer. Ein kaputter Motor, eine Viper, Überfälle, mancherorts Minen - trotz Satellitenkarten und GPS-Navigation ist die Wüste gefährlich geblieben.

Der "Meteoriten-Rush" in der Sahara begann 1986 in Libyen, mit Funden in Daraj, Hammadah al Hamra und später Dar al Gani. Allein dieses Plateau brachte es bisher auf fast 900 Treffer. Einzelne Regionen des später vom Terror gequälten Algerien steuerten zwischen 1989 und 1993 noch 400 Exemplare bei. Seit 1998 gibt es zahlreiche Fundmeldungen aus Marokko - dort suchen vor allem Einheimische. Viele europäische Wüstenfahnder kehren Nordafrika bereits wieder den Rücken; seit 1999 wenden sie sich Wüstengebieten im Oman zu, an der Ostspitze der arabischen Halbinsel gelegen. Dhofar, Jiddat al Harasis und Sayh al Uhaymir heißen dort ihre Ziele.

Fazit: Kannte man bis 1985 aus Libyen, Algerien, Marokko und dem Oman gerade 30 Meteorite, so sind es heute mehr als 2.400. Im September 2001 wurde die jüngste offizielle Liste publiziert.

Von den letzten 1.376 Funden in aller Welt stammte fast die Hälfte, nämlich 48 Prozent, aus den vier genannten arabischen Staaten. Das sind ebenso viele Exemplare, wie im gleichen Zeitraum aus der Antarktis einlangten. Europa ist mit einem Anteil von 2 Promille geradezu bedeutungslos geworden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-12-14 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:56:00


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