• vom 02.11.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:57 Uhr

Friedhof

Ein Friedhof wie im Märchen




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Von P. R. Lang

  • Am Kahlenberger Josefsdorf gibt es eine idyllische letzte Ruhestätte

Am Kahlenberg liegt ein geschichtsträchtiges Fleckchen Land, das Josefsdorf. Einst lebten hier die Camaldulenser-Mönche, die auf dem Berg Gott huldigten, die Wälder rodeten und eine kleine Kirche erbauten. In ihren historischen Mauern wird auch heute noch des schicksalsschweren Tages gedacht, als der Polen-König Sobiesky von hier aus sein Heer zur Befreiungsschlacht gegen die Türken nach Wien führte.


Rund um die Kirche hat sich im Laufe der Zeit das kleine Josefsdorf angesiedelt, das in der Hauptsache aus den alten Mönchshäusern hervorging. In einem von ihnen soll Mozart an seiner "Zauberflöte" gearbeitet haben.

Im Jahre 1783 wurde dann an der heutigen Kahlenberger Straße ein Waldfriedhof eingeweiht. Hier befindet sich, in neugotischen Formen gestaltet, die Grabkapelle der Familie Finsterle. Leider sind nur wenige Grabsteine aus der Biedermeierzeit erhalten geblieben. Immerhin ist noch ersichtlich, dass 1814 im Waldfriedhof Fürst Karl de Ligne und ein Jahr später Caroline Traunwieser, die "schöne Wienerin", beerdigt wurden. Auch andere Grabsteine sind zum Teil einwandfrei erhalten.

Zu dieser Zeit wurde Österreich vom Josephinischen Zeitalter beherrscht, das kirchliche Angelegenheiten wie Wallfahrten, Prozessionen und Ablässe mit neuen Verordnungen versah. Ein besonders unglückliches Gebot bestand darin, unbekleidete Leichen in Säcken in Kalkgruben zu beerdigen. Joseph II., der in allen seinen Erlässen als "Aufklärer" erscheinen wollte, rief zumindest in seinen Andachts-Ordnungen heftigen Widerstand hervor. Demgemäß ruht auch im Josefsdorfer Waldfriedhof kein einziger Toter in einem groben Jutesack. Das mag auch damit zu tun haben, dass der idyllische Begräbnisort Privilegierten als letzte Ruhestätte vorbehalten blieb. Vor allem hat der hohe Klerus von diesem Vorrecht Gebrauch gemacht - und zwar bis in unsere Tage. So wurde hier der Caritas-Präsident Prälat Unger beigesetzt. Kardinal König nahm die Einsegnung vor.

Der romantisch-verwunschene Friedhof mit seinem alten Baumbestand und den noch immer ansehnlichen 3o Grabstätten wurde nach seiner Stilllegung im Jahre 1874 immer wieder vor dem Verfall bewahrt. Die letzte Instandsetzung erfolgte in den Jahren 1966 bis 1982. Eingestellt musste der Friedhof seinerzeit werden, weil der Zentralfriedhof um das Jahr 1874 vor seiner Fertigstellung stand und die Wiener Stadtväter in der Angst lebten, der kleine kirchliche Friedhof könnte ihnen zur Konkurrenz werden.

Die Zeiten haben sich geändert. Nunmehr ist die Gemeinde Wien an dem Josefsdorfer Friedhof sehr interessiert. Erwerben kann sie ihn freilich nicht, denn das Areal, auf dem sich die altehrwürdige Begräbnisstätte befindet, gehört dem Stift Klosterneuburg. Und dieses lehnt jede Gebietsabtretung ab.

So bleibt der Friedhof in der Betreuungsobhut der Kongregation der Resurrektionisten, einer streng papsttreuen Organisation, die das Kleinod von den Camaldulenser Mönchen übernommen hat. Um ihren Anspruch buchstäblich zu untermauern, haben die Resurrektionisten eine Gruft als private Begräbnisstätte angelegt.




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Dokument erstellt am 2001-11-02 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:57:00


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