• vom 21.09.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:57 Uhr

Astronomie

Argusaugen bewachen Io




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Von Christian Pinter

  • Die angejahrte Galileo-Sonde beendet ihre Mission mit einer letzten Foto-Safari zum buntesten aller Jupiter-Trabanten

In seiner kühnsten Phantasie hätte sich Galileo Galilei nicht ausmalen können, was für eine wilde Welt er da entdeckt hat. Als er im Jänner 1610 das eben erst erfundene Fernrohr zum Jupiter richtete, erblickte er unerwartet drei, dann vier Lichtpunkte. Sie umkreisten den Planeten so wie der Mond die Erde. Der Deutsche Simon Marius schlug für das Quartett die Namen von vier Liebschaften des Gottes Jupiter vor: "Kallisto", "Ganymed", "Europa" - und "Io".


In der Mythologie ist Io die Tochter des Gottes Inachus. Als Jupiter sie erblickt, weiß er: dieses Mädchen ist zu schön, um das Bett eines Sterblichen zu teilen. Doch Io flieht vor dem liebestollen Donnergott. So hüllt Jupiter das Land in Nebel, hält Io auf und raubt ihr, so erzählt Ovid in den Metamorphosen, die Ehre. Seine Ehefrau Juno ahnt ob der plötzlichen Nebelschleier nichts Gutes. "Täuscht mich nicht alles, so werde ich hier getäuscht", argwöhnt sie.

Um Io vor der eifersüchtigen Gattin zu verbergen, verwandelt Jupiter sie in eine strahlend weiße Kuh. Juno durchschaut den Zauber und fordert das Tier als Geschenk. Sie lässt es fortan vom hundertäugigen Argus bewachen, um weiteren Seitensprüngen ihres Gemahls vorzubeugen.

Jupiter bittet seinen Sohn Merkur, Io zu befreien. Der Götterbote lullt Argus mit dem Spiel auf der selbstgebastelten Rohrflöte ein, bis der Bewacher in Schlummer fällt. Merkur stürzt ihn über den Abhang. Juno versetzt die Augen des Ermordeten in die glänzende Schleppe des Pfaus. Wenn immer er diese balzend zum Rad aufrichtet, kann man Argus' Augen darin bewundern. Die vierbeinige Io aber treibt Juno erbost bis an die Ufer des Nils. Dort erst gibt Jupiter ihr Menschengestalt zurück.

Ein Pizzamond

Bereits das Fernglas zeigt Jupiters größte Begleiter. Doch selbst die stärksten konventionellen Teleskope lassen auf den vier winzigen Scheibchen bestenfalls diffuse Flecken erkennen. So konnten Astronomen über das Antlitz der fernen Monde jahrhundertelang nur spekulieren. Io glaubten sie von Einschlagskratern übersät, ähnlich wie die alte Oberfläche des Planeten Merkur und des Erdmonds.

Umso größer war die Überraschung, als man im März 1979 erstmals Nahaufnahmen der Io in Händen hielt, zur Erde gefunkt von der an Jupiter vorbeirasenden NASA-Sonde Voyager 1. Die erwarteten Krater fehlten völlig. Statt dessen erschien Ios Oberfläche unglaublich jugendlich, jünger als eine Million Jahre. Und im Gegensatz zu den anderen Jupitermonden war sie auch nicht von weitgehend farblosem Wassereis bedeckt - vielmehr fesselte sie mit rätselhaften braunen, roten, orangen, gelben und grünlichen Landschaften. Diese Farben sollten sich später als dezenter entpuppen, als die ersten Fotos glauben machten - doch der Name "Pizzamond" ist Io geblieben.

Auf einer der Voyager-Aufnahmen tauchte eine schirmförmige, 280 Kilometer hohe Eruptionswolke auf: man hatte den ersten aktiven Vulkan fern der Erde erspäht! Vier Monate später folgte die Schwestersonde Voyager 2. Immer mehr aktive Gebiete wurden kartiert. Man schenkte ihnen die Namen von Sonnen-, Feuer-, Vulkan- und Donnergottheiten. So treffen wir heute etwa den hawaiischen Vulkangott Pele auf Io, ebenso wie den georgischen Feuergott Amirani, den indianischen Donnergott Pillan, Indiens mythischen Schmied Tvashtar oder seinen listenreichen nordischen "Kollegen" Loki.

Io ist klein wie der Erdmond. Wir brächten dort nicht einmal ein Fünftel unseres irdischen Gewichts auf die Waage. Während der Mond Jupiter in weniger als zwei Tagen umkreist, hält er ihm stets dieselbe Seite hin. Weilten wir also auf der Jupiter zugewandten Hemisphäre Ios, hinge der Riesenplanet als mächtiges Ungetüm über der Vulkanlandschaft; gewaltig groß, hell und fast wie angenagelt.

Vulkanismus dürfte es auf Io eigentlich gar nicht geben. Ginge es nur nach der Dimension, müsste der Jupitermond längst ausgekühlt sein wie der Erdtrabant. Doch als innerster der vier großen Jupiterbegleiter befindet sich Io in unglücklicher Lage: Die Gezeitenkräfte des Planeten und jene der weiter außen kreisenden Monde Europa und Ganymed walken sie durch - salopp gesagt so, als bestünde sie bloß aus zähem Teig. Alle paar Stunden wird ihr Körper um 100 Meter gestreckt.

Die entstehende Reibung erhitzt das Innere dramatisch. In der Tiefe schmilzt Gestein, bildet einen versteckten Ozean aus Magma. Dieses drängt Richtung Oberfläche, schafft an zahlreichen Stellen den Durchbruch. In seiner Heftigkeit ähnelt Ios Vulkanismus jenem, der einst die junge Erde prägte. Heute produziert unser Planet nur ein Hundertstel jener Lavamenge, die aus der kleinen Io hervorbricht. Allein mit der heißen Gesteinsschmelze des Vulkans Amirani könnte man jede Minute zwei Sportschwimmbecken füllen. Und anders als auf unserem Planeten sind auf dem Jupitermond stets mehrere der allermächtigsten Vulkane gleichzeitig aktiv.

Seit 1995 studiert die NASA-Sonde Galileo die hyperaktive Welt, die im Sonnensystem ihresgleichen sucht. Hunderte vulkanische Calderen zeichnen dunkle Flecken auf Ios Antlitz. Sie muten auf Fotos fast wie kleine schwarze Oliven auf der Pizza an. Doch viele dieser Gebilde sind in Wahrheit größer als Wien. In der Caldera von Loki, dem kräftigsten Vulkan, würde ganz Niederösterreich verschwinden. Sein Kessel scheint mit heißer, dunkler Lava gefüllt zu sein; er strahlt mehr Hitze ab als alle irdischen Vulkane zusammen.

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Dokument erstellt am 2001-09-21 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:57:00

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