• vom 24.08.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:58 Uhr

Homosexuelle

"Erster Schwuler der Weltgeschichte"




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Von Andreas Brunner

  • Über einige Vorkämpfer für männerliebende Männer

Der Christopher Street Day, der offizielle schwul-lesbische Feiertag ist Anlass für Paraden und Festivitäten weltweit. Die Erinnerung an den denkwürdigen Aufstand einer Handvoll Transvestiten und Schwuler am 26./27. Juni in der New Yorker Christopher Street, als sich die kleine aufgebrachte Menge schlagkräftig gegen eine Polizeirazzia in der Bar Stonewall Inn zur Wehr setzte, gilt seither als die Geburtsstunde der so genannten zweiten Lesben- und Schwulenbewegung. Die erste (fast ausschließlich schwule) ging von Berlin aus. Seit der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert engagierte sich der sozialdemokratische, jüdische Arzt Magnus Hirschfeld mit seinen Mitarbeitern im "Wissenschaftlich-humanitären Komitee" gegen das Totalverbot schwuler Liebe und Sexualität. Einige wenige Einzelkämpfer begannen schon im 19. Jahrhundert den Kampf gegen die Ausgrenzung.


Die Constitution Criminalis Theresiana spricht noch - verhaftet in mittelalterlich-theokratischem Denken - von der "sodomitischen Sünd", die mit dem Tode durch Enthaupten und anschließendem Verbrennen zu bestrafen sei. Eine Überführung der Täter war aber relativ schwierig, da vollzogener Analverkehr mit erfolgtem Samenerguss nachgewiesen werden musste. Es ist aus dieser Zeit auch kein vollstrecktes Urteil nach dem theresianischen Sodomieparagrafen bekannt. Joseph II. streicht in seinem Gesetzeswerk die "Unzucht wider die Natur" aus dem Strafrecht, ordnet sie den politischen Verbrechen zu und schafft die Todesstrafe ab. Zu einer weiteren entscheidenden Wendung kommt es im Gesetzeswerk von Franz I., dessen Fassung des Strafrechts (1803) die Grundlage für den § 129 bildete, der bis zur Abschaffung des Totalverbots durch die Regierung Kreisky im Jahr 1971 in Kraft blieb.

Anhand der erhaltenen Akten und Registerbücher kann man zumindest für den Wiener Raum sagen, dass die Verfolgung von männerliebenden Männern kaum von strafrechtlicher Relevanz war. Es gab bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts kaum Verfahren gegen schwule Männer und nur eines gegen lesbische Frauen (1818). Nur in den Ländern, deren Strafrecht unter dem Einfluss des Code Napoleon stand, war der Tatbestand der "Unzucht wider die Natur" gänzlich gestrichen (so zum Beispiel im katholischen Bayern oder in Hannover). Mit der deutschen Reichseinigung unter Bismarck wird aber das preußische Strafrecht allgemeines deutsches Recht.

Entscheidender als die tatsächlichen strafrechtlichen Bestimmungen für das Schicksal männerliebender Männer wird aber die Entwicklung der Strafrechtsphilosophie seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Mit der Aufklärung verändert sich der Verbrechensbegriff entscheidend. Spätestens mit dem damals bahnbrechenden und viel diskutierten Werk des lombardischen Aufklärers Cesare Beccaria "Über Verbrechen und Strafe" (1766 erstmals auf deutsch) werden die von religiösen Vorschriften bestimmten mittelalterlichen Gesetzeswerke durch neue, die auf einer Trennung zwischen weltlicher und göttlicher Gerichtsbarkeit bestehen, ersetzt. Gleichzeitig vollzieht sich ein Übergang vom Tatstrafrecht zum Täterstrafrecht. In der theresianischen Rechtsordnung wird die Tat bestraft, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts tritt der Täter als Individuum ins Zentrum der strafrechtlichen Diskussion.

An der Definition des "Verbrechermenschen", ein Begriff des Gerichtsmediziners Cesare Lombroso, wirken die ersten Kämpfer für die Emanzipation schwuler Männer tatkräftig mit. Im 19. Jahrhundert werden die Grundsteine für eine schwule Identitätsbildung gelegt. Die eigene Homosexualität wird als ein konstitutives Moment der Persönlichkeit begriffen, wodurch die Notwendigkeit besteht, das als abweichend, pervers oder widernatürlich erfahrene eigene sexuelle Empfinden in einen größeren Kontext einzubinden. Es ist bezeichnend, dass mit der Formulierung einer sexuellen Identität die gezielte Verfolgung erst einsetzt. Der Sexualstraftäter ist geboren.

Männerliebe der Griechen

Das Werk von Heinrich Hössli stieß selbst zu Lebzeiten des Autors auf wenig Resonanz, aber es gebührt ihm die Ehre, der Erste gewesen zu sein, der sich in dem umfangreichen zweibändigen Werk "Eros. Die Männerliebe der Griechen, ihre Beziehung zur Geschichte, Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten" mit dem Phänomen der Männerliebe intensiv und unter dem Aspekt der Befreiung von den Ketten der Verfolgung auseinandersetzte. Hössli wurde 1784 in Glarus in der Schweiz geboren, erlernte das Handwerk des Putzmachers und besaß, wie es in der einzigen Hössli-Biografie von Ferdinand Karsch (aus dem Jahr 1903) heißt, "einen ausgebildeten weiblichen Geschmack, den so genannten Schick". Für seine Damenhüte und Dekorationen war er weithin bekannt. Verheiratet und Vater zweier Söhne, begann er aber bald ein unstetes Wanderleben durch die Schweiz und starb betagt 1864 in Winterthur. Die ersten beiden Bände seines "Eros" erschienen 1836 und 1838, der dritte wurde nie fertig. Fest steht, dass ihm die Ratsherrn von Glarus den Druck weiterer Bände verboten haben, vielleicht mit ein Grund, warum er die Familie verließ und sich auf Wanderschaft begab.

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Dokument erstellt am 2001-08-24 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:58:00

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