• vom 20.07.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:58 Uhr

Geschichte

Ein Mann des Ausgleichs




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Von Robert Schediwy

  • Graf István Széchenyi und sein Schloss Nagycenk bei Sopron

Ödenburg/Sopron war und ist eine vermittelnde "Stadt zwischen den Kulturen" und die heroische und tragische Geschichte Graf István Széchenyis, der in ihrer nächsten Umgebung sein Schloss hatte, passt in dieses Umfeld.


Heute ist der Kampf Ungarns um seine Modernisierung und Eigenstaatlichkeit im 19. Jahrhundert ebenso entfernte Vergangenheit wie die hitzigen Emotionen um die Abtrennung Ödenburgs vom Burgenland im Zusammenhang mit der umstrittenen Abstimmung nach dem Ersten Weltkrieg. Ökonomie und politische Opportunität wirken in Richtung einer Entspannung gegenüber dem westlichen Nachbarn. Bis 1960 war Sopron Teil eines militärischen Sperrgebiets - heute kaufen sich Österreicher dagegen östlich der Grenze an und die Soproner Zahnärzte schicken ihre Kinder gern in burgenländische Schulen. Es gibt sogar zweisprachige Aufschriften - nicht zuletzt deshalb, weil Ungarn mit seinen vielen Minoritäten in Nachbarländern Interesse hat, die eigene Großzügigkeit bei der Behandlung von Minderheiten zu dokumentieren.

István Széchenyis Schloss Nagycenk bei Sopron ist heute zum Schlosshotel mutiert - ein edler und gar nicht so teurer Platz zum Ausruhen, Radfahren und zum Feiern von Hochzeiten und anderen Familienfesten. Macht man aber einen Blick in das im Schloss befindliche Museum, dann kann man sich vergegenwärtigen, dass das heute so entspannte Verhältnis zwischen Österreich und Ungarn auch sehr tragische Momente erlebt hat. Der für Deutschsprachige fast unaussprechliche Name Széchenyi - man sagt ungefähr Ssee-tschee-nyi - ist, wie man auch im gebildeten Bekanntenkreis abtesten kann, für die meisten Österreicher völlig unbekannt.

Für die Ungarn aber ist er eine Art Nationalheiliger. Lajos Kossuth hat ihn 1840 den "größten Ungarn" genannt - und das Schlossmuseum in Nagycenk (Großzinken), wenige Kilometer von der österreichischen Grenze gelegen, dokumentiert das Schicksal dieser bedeutenden, in Österreich viel zu wenig gewürdigten Persönlichkeit. Paradoxerweise handelt es sich bei diesem berühmten Ungarn eigentlich um einen "echten Wiener". Der Sohn eines aufklärerisch gesinnten ungarischen Hocharistokraten wurde 1791 in der Kaiserstadt geboren und ist auch 1860 in Wien verstorben (als "halber Gefangener" des absolutistischen Regimes hat er im Sanatorium Döbling Selbstmord begangen). István Graf Széchenyi dürfte auch sein ganzes Leben lang besser Deutsch als Ungarisch gesprochen haben (und seine hochinteressanten Tagebücher hat er großteils auf Deutsch verfasst). Zwischen diesen beiden Geschehnissen in Wien liegt allerdings Széchenyis "Leben für Ungarn", das in den 1830er Jahren seinen Höhepunkt erreichte und 1848 einen tragischen Absturz erlebte.

Schon Ferenc Graf Széchenyi, Istváns Vater, war ein "gelehrter Aristokrat" im aufklärerischen Sinn, desgleichen der Bruder seiner Mutter, Graf György Festetics, der 1797 in Keszthely am Plattensee die erste Agrarhochschule Ungarns, das "Georgikon" gegründet hatte. Ferenc Széchenyi war es gelungen, in der Inflationsperiode der napoleonischen Kriege seine Schulden zu tilgen und ein bedeutendes Familienvermögen aufzubauen. Obwohl er eigentlich lieber Deutsch sprach, förderte er, wie sein Schwager, als großzügiger Mäzen die ungarische Kultur, wurde Namenspatron der Ungarischen Nationalbibliothek und Gründer des Nationalmuseums.

Ein Spätentwickler

István Széchenyi war somit in eine Führungsrolle hineingeboren. Man versuchte ihm auch eine hervorragende Erziehung zu vermitteln - aber das eher träge Kind war ein "Spätentwickler" und konnte mit 12 Jahren noch kaum lesen. István ging 1809 als 18-Jähriger zum Militär, wurde aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung auch sofort Offizier und nahm unter anderem an der Völkerschlacht bei Leipzig teil. In gewissem Sinne, so András Gerö, Verfasser einer zum 200. Geburtstag István Széchenyis erschienenen biografischen Studie, war der junge Hocharistokrat ein typischer Romantiker: Ausschweifende Lebenslust wechselte bei ihm mit Schwermut, "Spleen" mit dem Wunsch "Großartiges" zu leisten.

Der junge Mann begann 1814 eine umfassende Reisetätigkeit (bis 1835 unternahm er zwölf große Reisen). Die beiden Pole dieser Reisen waren England, das damals industriell und sozial fortgeschrittenste Land Europas und die Türkei (später würde Széchenyi die zivilisatorische Position Ungarns "in der Mitte zwischen England und Türkei" bestimmen). Zudem begann der junge Graf intensiv zu lesen: von Adam Smith bis Byron. Die englische Zivilisation empfand er als vorbildhaft, von den Pferderennen bis zur Industriewirtschaft. Das Tagebuch seiner "morgenländischen Fahrt" (1818 bis 1819, neu herausgegeben in Budapest 1999) zeigt den jungen ungarischen Magnaten als wachen Beobachter, der in liebenswürdigem "Schönbrunner Deutsch" Land und Leute beschreibt.

Das Sammeln von Altertümern interessierte ihn sichtlich wenig, aber er bekennt im Reisejournal: "Ich gestehe, ich liebe alles, was nur als ein Beweis dient, dass die Menschen von ihrem Verstand einen guten Gebrauch machten - ob es nun alt oder auch neu sei." Zugleich kommt ein leidensverliebter Zug zum Ausdruck: "Je schlechter es mir geht, desto zufriedener bin ich - denn nur nach Entbehrungen und Aufopferungen kann mein Leben auch wieder von einigem Wert sein" (Notat vom 11. 11. 1818). Neben seinen Reisen und als Resultat der dabei gewonnenen Anregungen, beginnt sich István Széchenyi auch praktisch zu betätigen. Der junge Husarenoffizier engagiert sich für den Pferdesport und richtet auf seinem Gut in Nagycenk eine Pferdezucht ein (die noch heute besteht): sein erstes Buch heißt auch "Über die Pferde" ("Lovakrul", 1828).

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Geschichte, Menschen

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Dokument erstellt am 2001-07-20 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:58:00

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