• vom 01.06.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:00 Uhr

Museum

Überraschungen im Grätzel




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Von Wenzel Müller

  • Schaukästen und virtuelle Museen am Wiener Karmelitermarkt

Die Wendeltreppe im Sigmund-Freud-Museum scheint überhaupt kein Ende zu haben. Immer tiefer steigt der Besucher hinab. Ein Abstieg zugleich ins eigene Unbewusste? Dem Besucher wird in jedem Fall etwas schwindlig. Endlich ist er unten angekommen. Eine Klappe öffnet sich, er springt in ein tiefes Loch und findet sich in einem röhrenförmigen Tunnel wieder, gefangen wie in einem bösen Traum. Nur schnell wieder hinaus, ganz weit hinten signalisiert ein schwaches Licht den Ausgang. Wieder draußen, atmet der Besucher erst einmal erleichtert auf. Der Spuk ist vorüber, endlich wieder in Freiheit.


Der Besucher hat eine ähnliche Odyssee hinter sich wie ehedem Alice im Wunderland. Doch keine Bange, das Sigmund-Freud-Museum in der Berggasse kann man nach wie vor unbesorgt aufsuchen, ohne an Leib oder Seele Schaden zu nehmen. In ihm führt auch keine neue Wendeltreppe in die Tiefe. Wir haben vielmehr das virtuelle Sigmund-Freud-Museum besucht, das die Medienkünstler Matthias Fuchs und Sylvia Eckermann in ihrer Computer-Installation "Expositur - ein virtueller Wissensraum" errichtet haben.

Auch dieser Besuch ist im Grunde gefahrlos. Es handelt sich um eine Art Abenteuer im Kopf. Wir sitzen in einem aufgelassenen Marktstand am Wiener Karmeliterplatz, um uns herum ein türkisches Kebabhaus, ein Blumengeschäft und ein Gemüseladen. Von hier, dem Präsentationsraum des digitalen Projekts, unternehmen wir unsere Reise - die möglichen Destinationen sind zehn Wiener Museen. Dabei bewegen wir uns tatsächlich nicht vom Fleck, bleiben immer auf der harten Bank sitzen, vor uns eine große Leinwand. Mit der einen Hand bedienen wir die Tastatur, mit der anderen die Maustaste. So geben wir Tempo und Richtung vor, wie sich die Museumsbesucher-Figur bewegen soll, in die wir nun für Momente schlüpfen.

Per Klick durch die Museen

Pathetische Klänge empfangen uns im Heeresgeschichtlichen Museum. Von der Wand blickt Väterchen Stalin. Die rot ausgelegten Gänge schweben seltsam in der Luft. Man kann von einer Ebene in die andere springen. Dann ein Besuch im Naturhistorischen Museum: An beiden Seiten des Ganges ein großes Aquarium, in dem der inzwischen fast völlig ausgerottete Donaufisch "Hausen" schwimmt. Wir steigen höher und kommen an eine Stelle, von wo wir selber ins Wasser springen können. Der Museumsbesucher taucht durch das Becken. Mit einem Klick wechseln wir ins Theatermuseum. Wir sehen an den Wänden Porträts von Nestroy und Raimund, dazu historische Aufnahmen vom Theater in der Leopoldstadt und dem Carltheater.

Dieser Museumsbesuch bringt die scheinbar disparatesten Dinge zusammen. Was hat Stalin schon mit Nestroy oder gar dem Fisch Hausen zu tun? Mehr, als man zunächst glauben könnte. Alle haben einen mehr oder minder direkten Bezug zum 2. Wiener Gemeindebezirk. Der war nach dem Zweiten Weltkrieg sowjetische Besatzungszone, hier erlebte das so genannte Wiener Vorstadttheater Ende des 18. Jahrhunderts seine Blütezeit, und in der angrenzenden Donau hatte der Fisch noch in der Biedermeierzeit seine Laichplätze.

Eine recht gewaltsam konstruierte Verbindung!, mag nun mancher einwenden. Christoph Steinbrener (41) würde ihm sicher gar nicht widersprechen. Er hatte die Idee, im Rahmen seines Projekts "Unternehmen Capricorn" (benannt nach einem englisch-amerikanischen Expeditionsfilm zum Mars aus dem Jahr 1978) verschiedene Wiener Museen um einen Beitrag zu dem nicht näher eingegrenzten Thema 2. Wiener Gemeindebezirk zu bitten. Der Ausstellungsort: leer stehende Geschäftslokale rund um den Karmelitermarkt.

Das digitale Kunstwerk von Fuchs und Eckermann hat also sozusagen ein physisches Äquivalent. Zwischen Billa und Schneiderwerkstatt haben die Museen temporäre Dependancen eingerichtet. Für das Stadtteilprojekt sind sie quasi auf die Straße gegangen. Tagsüber muss der Betrachter geradezu die Nase an die Scheibe drücken, um etwas erkennen zu können: Den freien Blick behindert eine UV-Folie, die aus konservatorischen Gründen vor die Ausstellungsobjekte gespannt ist. Doch umso eindrucksvoller erstrahlen die Schaukästen in der Nacht (Sponsor: Zumtobel - "Partner für Lichttechnik") und bekommen etwas von Wunderkammern. Der zufällig des Weges kommende Passant sieht plötzlich hinter Glas das Präparat eines dreieinhalb Meter langen Hausen. Oder in einem anderen Schaufenster die symmetrisch strenge Nachbildung einer sowjetischen Wachstube samt Propagandamaterial. Seltsame Überraschungen im vertrauten Grätzel, das nur einen Steinwurf vom Zentrum entfernt liegt und doch eher ein Schattendasein führt.

Etwa 30 m² haben die Museen in den vormaligen Geschäftslokalen zur Verfügung, um nicht zuletzt sich auch selber zu präsentieren. Welche wunderbaren Erfindungen hätte das Technische Museum aus seinen Beständen zeigen können! Aber nein, ganz unspektakulär stellt es mehrere Beinprothesen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs aus. Ein sympathischer Zug! In ihrem Haupthaus ließen sich mit diesen Exponaten kaum Besucher anlocken, da ziehen eher Ausstellungen mit PS-starken Autos. Das "Unternehmen Capricorn" bietet den Museen auch die Möglichkeit, Sammlungsgegenstände zu präsentieren, die sonst kaum aus den Depots ans Licht der Öffentlichkeit kommen.

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Dokument erstellt am 2001-06-01 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:00:00

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