• vom 11.05.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:01 Uhr

Gesellschaft

Von Tisch, Stuhl und Bett




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Von Karl Weidinger

  • Zur Geschichte der gängigsten Einrichtungsgegenstände

1. Zum Tisch!


Ein Tisch ist mehr als ein Gestell mit einer Platte obenauf. Die Geschichte des Tischs ist eine Geschichte der Missverständnisse. Zuerst brauchte man ihn gar nicht - höchstens als Altar. Später benötigte man ihn erst recht nicht, weil man im alten Rom beim Essen lieber zu Tisch lag, und er (der Tisch) dabei eher hinderlich war. Denn man weiß - historisch gesehen - gar nicht mehr, was früher da war: Altar oder Tisch?

Der älteste Opfertisch oder Tischaltar hat grob geschätzte vier Jahrtausende auf dem Buckel. Es handelt sich dabei um einen mit Hörnern versehenen Altar aus Lehmziegeln. Ausgegraben wurde das gute (alte) Stück in der Stadt Megiddo in Palästina.

Altäre waren in vielen Religionen gebräuchlich. Man findet sie dennoch kaum bei den alten islamischen und afrikanischen Kulturen. Dort spielte sich das meiste am Boden ab. Hingegen finden sich bei den präkolumbianischen Indianerstämmen Nordamerikas freistehende, oftmals verzierte Steinaltäre. Im alten Ägypten gab es neben Opfermatten sowohl mobile als auch in Tempeln fix montierte Altartische.

Zuerst waren da Erdaufschüttungen und Steinhaufen mit großen Steinplatten, noch lange vor dem Tisch aus Holz/Metall/Glas, der dem entwickelten Menschen mit bereits funktionierendem aufrechten Gang sehr gelegen kam.

Von da an dauerte es nicht mehr lange: Bis zu unserem heutigen Möbelstück aus zumeist vier Stützen und einer oben liegenden Deckplatte zur Präsentation von Speisen oder zum Arbeiten. Dieses Möbel ging aus dem Opfertisch - und somit aus dem religiösen Kult - hervor. Mittlerweile sind viele Tische selbst zu Kultobjekten geworden.

Anfangs war der Speisetisch aus Brettern und Stützen bzw. Böcken mobil aufschlagbar. Später wurde er durch verstrebte Beine als ortsfestes Mobiliar gebaut. Beide Typen sind aus der klassischen Antike bekannt; Ägypter und Römer kannten auch den Tripoden, den dreibeinigen Tisch aus Bronze.

Aus dem Mittelalter sind kaum Tische erhalten geblieben, die als alltägliche Gebrauchsgegenstände dienten. Lediglich bildliche Darstellungen sind überliefert. Die frühesten erhaltenen Tische datieren aus dem 15. Jahrhundert und waren "eigenständige" Möbelstücke im heutigen Sinne.

Im üppigen Barock kam die Intarsienverzierung der Tischplatte auf. Gleichzeitig wurde das Tischtuch erfunden - um die kostbaren Kunstwerke vor Gebrauchsspuren zu schützen. Im 18. Jahrhundert entstanden kleinformatige Sondertischchen und kamen zu Kultehren - für die Bedürfnisse der gehobenen Schicht zu Spiel-, Näh-, Lese- und Schreibzwecken.

Nach den überladenen Formen des Historismus setzte sich eine einfachere, zweckgemäßere Gestaltung durch. Das Beistelltischchen oder der im englischen Sprachraum abgöttisch verehrte coffee-table kamen damit auf.

Und noch etwas wurde bei uns so Sitte: der round table.

"Runder Tisch" ist die Bezeichnung für ein politisches Gremium, das aus mehreren gesellschaftlichen Gruppen zusammengesetzt ist und einen diskursiven Ausgleich mit der Staatsmacht sucht. In der heutigen Diskussion wird ein "Runder Tisch" angeregt, um kooperative Elemente in festgefahrene Situationen einzubringen.

Noch eins müssen alle Tische der Vollständigkeit halber haben - aber das ist schon wieder eine andere, die nächste Geschichte:

2. Nicht wegzudenken vom Tisch: Sessel

Der deutsche Satiriker Max Goldt schrieb unlängst in seiner humorigen Art, dass er immer gemutmaßt habe: Sessel wären die Kinder des Tisches! - Nun, so ist es nicht ganz, auch wenn dieser Idee ein faszinierender Gedanke innewohnt.

Ein Sessel oder ein Stuhl ist ein bewegliches Möbelstück für eine Person, das aus einer Sitzfläche, zumeist aus vier Beinen bestehend, einer Rückenlehne und gegebenenfalls aus Armlehnen zusammengefügt ist. Jahrtausendelang war so etwas Feudales ausschließlich den Königshäusern, dem Adelsstand, reichen Bürgern und Bauern sowie geistlichen Würdenträgern vorbehalten.

Erst im 16. Jahrhundert setzte sich dieses Mobiliar flächendeckend durch und wurde zu einem gängigen Einrichtungsstück. Geschichtlich betrachtet waren diese "Sitze" für die Herrschenden in fast allen Kulturen als Thron anzusehen - als Insignie der Macht. Regenten konnten über den gewöhnlichen Sterblichen thronen. Das unterstrich ihren auserwählten Status und hob die Vormachtstellung hervor, während das gemeine Volk wieder einmal auf dem Boden kauern musste.

Gründe der Bequemlichkeit dürften für den Gebrauch von Stühlen zunächst kaum ausschlaggebend gewesen sein, weil man damals immer noch lieber zwanglos herumlag.

Die ältesten bekannten Stühle waren niedrig, hatten gebogene Rückenlehnen und häufig Beine in geschnitzter Tiergestalt. Auf Gemälden und Wandreliefs sind solche Sessseltypen überliefert, die im antiken Ägypten benutzt wurden. In Babylonien setzte man auf Palmenholz, weil dieses leicht zu bearbeiten war.

Griechische Stühle aus Bugholz hatten häufig schräge vergrößerte Rückenlehnen zum Relaxen, die eine über den Dingen stehende Aura und den Eindruck der ruhenden Macht verströmten.

Die cathedra war ein tragbarer Stuhl, der ursprünglich von Frauen im antiken Griechenland und im Römischen Reich benutzt wurde. Später lehrten Professoren im Mittelalter und in der Renaissance von der cathedra, dem Stehpult, aus.

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Schlagwörter

Gesellschaft, Wohnen

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Dokument erstellt am 2001-05-11 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:01:00

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