• vom 04.05.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:01 Uhr

Raumfahrt

Die befraute Raumfahrt




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Von Christian Pinter

  • Der lange Weg zur Gleichberechtigung im All

Kurz bevor Susan Helms aus Portland, Oregon, im März 2001 als erste Frau Einzug in der Internationalen Raumstation hielt, stellte sie mit neunstündiger Außenbordarbeit im Raumanzug einen neuen Rekord für "Weltraumspaziergänge" auf. Die 43-jährige Militärpilotin wird bis Juli in der ISS bleiben. Sie wandelt gleichsam auf den Spuren von Walentina Tereschkowa, 1963 allererste Kosmonautin. Doch die Anfänge der "weiblichen Raumfahrt" reichen noch weiter zurück.


Der Start des ersten Satelliten, Sputnik, am 4. Oktober 1957 geriet für die USA zum Schock, zum "technologischen Pearl Harbor". Offensichtlich waren sowjetische Raketen schon stark genug, Amerika zu erreichen. Die USA zog am 1. Februar 1958 mit dem winzigen Explorer nach. Das nächste logische Ziel sollte sein, mit noch viel leistungsfähigeren Raketen einen Menschen in den Erdorbit zu hieven.

Schwer und schwerelos

Niemand wusste genau, was ihm dort bevorstand. Sicher war allerdings, dass er bei Start und Landung das sechs- bis neunfache des Körpergewichts, in der Umlaufbahn dagegen gar nichts wiegen würde. Erfahrungen mit solchen Extrembelastungen gab es teilweise aus der Flugmedizin. Testpiloten erzählten von gefährlichen "blackouts", wenn beim Abfangen des Düsenjets nach dem Sturzflug das Herz nicht genug Blut in den Kopf pumpte. Bei bestimmten Flugmanövern spürten sie andererseits wenige Sekunden lang Schwerelosigkeit, die Desorientierung und Übelkeit bewirkte. Hielte sie länger an, so mutmaßten manche Ärzte, würden Organe, Kreislauf und Gleichgewichtssinn versagen.

Bei Simulationsversuchen in Zentrifugen schnitten Jet-Piloten, mit rasch wechselnden Beschleunigungen vertraut, noch am besten ab. So formulierten Experten in Ost und West sehr ähnliche Kriterien für Raumflugkandidaten. Ihrem Rat folgend, wählte man 1959 ausgerechnet Militärpiloten mit reicher Erfahrung auf schnellen Düsenmaschinen: 20 in der UdSSR, 7 in der USA. Da die ersten US-Raumschiffe Mercury heißen sollten, erhielt die amerikanische Gruppe den Spitznamen "Mercury 7": Diese Männer waren Helden, noch bevor sie in ihren Kapseln saßen.

Der Mediziner Randolph Lovelace war an der Erstellung der Auswahlkriterien beteiligt. 1959 lernte er auf einem Luftfahrtkongress in Miami die berühmte Fliegerin Jerrie Cobb, geboren 1931 in Oklahoma, kennen. Ihr Vater, Offizier der Air Force, hatte sie schon im Alter von zwölf Jahren in den Doppeldecker gesetzt; mit 16 hielt sie die Pilotenlizenz in Händen. Um sich ihre Leidenschaft zu finanzieren, wusch und betankte sie Flugzeuge. Dann flog Jerrie mit einer Fairchild PT-23 aus dem Zweiten Weltkrieg Öl-Pipelines entlang, inspizierte sie aus der Luft. Schließlich überstellte sie auf gefährlicher Route Propellermaschinen nach Peru.

10.000 Flugstunden und drei internationale Rekorde gingen mittlerweile auf Jerrie Cobbs Konto. Die Presse fragte, wann sie heiraten würde, ob Karriere und Familie dann noch vereinbar wären. Dr. Lovelace lud sie 1960 zu geheimen medizinischen Untersuchungen nach Albuquerque, New Mexico. Er glaubte damals fälschlicherweise, die Russen würden auch Frauen in ihr Kosmonauten-Corps aufnehmen. Gemeinsam mit Cobb durchforstete er die Archive der US-Bundesluftfahrtbehörde und der Ninety-Nines, einer von 99 Pilotinnen gegründeten Luftfahrtorganisation, um weitere amerikanische Raumflug-Kandidatinnen zu rekrutieren.

13 Pilotinnen, darunter Cobb selbst, bestanden die anstrengenden Tests. Die Sache war inoffiziell, lief nicht als NASA-Programm. Den "Mercury 13" haftete ein Makel an: die Frauen waren keine Militär-Jets geflogen. Plötzlich flatterte ihnen der Abschiedsbrief ins Haus. Das Projekt war beendet.

Am 12. April 1961 machte die UdSSR Juri Gagarin in Wostok 1 zum ersten Menschen im Weltraum. Im Mai gelang dem Amerikaner Alan Shepard mit seiner Mercury ein Kurzzeitausflug ins All. Wenige Tage später versprach Präsident Kennedy, noch vor Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond abzusetzen. Jerrie Cobb, mittlerweile NASA-Beraterin, hörte das mit Freude. Sie hoffte noch immer auf einen Platz in der Kapsel. 1962 verstärkte man den Astronautenkader: doch für das Projekt Gemini kamen wiederum nur Männer in Frage.

Enttäuschte Pilotinnen schalteten den US-Kongress ein. Dieser schloss sich dem NASA-Standpunkt an: den Frauen fehle die entscheidende Qualifikation, die langjährige Übung auf Düsenjets. Jetzt erst gab Cobb auf. Von nun an flog sie Ärzte, Nahrungsmittel und Medikamente zu Indianervölkern nach Brasilien, Kolumbien, Bolivien, Peru, Venezuela und Ecuador. Deshalb wurde sie später für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Obwohl der Mond eigentliches Ziel des Wettlaufs war, wollten UdSSR und USA schon auf dem Weg dorthin möglichst viele Etappensiege erringen. Die spektakulärsten Teilerfolge gelangen zunächst den Russen. So schossen sie im August 1962 erstmals zwei bemannte Raumfahrzeuge zugleich hoch, führten sie im Orbit bis auf sechs Kilometer aneinander heran. Schon plante Moskau die nächste Sensation. Auf Chefkonstrukteur Sergej Koroljows Anregung hin hatte man im Mai 1962 fünf Frauen ins Sternenstädtchen geholt. Keine hatte Jet-Erfahrung.

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Dokument erstellt am 2001-05-04 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:01:00


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