• vom 02.03.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:02 Uhr

Drogen

Kinder der Sorge




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christine Dobretsberger

  • Der Ursprung von Sucht aus der Perspektive der Philosophie

Kann Freude ein Zustand sein? Eine Frage, die wohl ebenso alt ist wie der dahinter verborgene Wunsch an sich. Da es allerdings zu einem Erfahrungswert des Lebens zählt, dass die zeitliche Dimension der Freude auf punktuell empfundene Momente des Glücks zurückgestutzt wird, muss Freude - optimistisch betrachtet - in der Mehrzahl und im Verhältnis zur Zeit gesehen werden. Freude als dauerhafter Zustand existiert nicht, was wiederum das Verlangen danach schürt und - ähnlich jedem unerfüllten Wunsch - die Fantasie entweder beflügelt oder lähmt. Irgendwo zwischen diesen Polen dürfte die dritte Option angesiedelt sein, die mit dem kurzen Wort "Drogen" umschrieben wird und eine ebenso lange Geschichte aufweist wie die antike Philosophie.

Denn die Frage nach dem Glück ist das Herzstück einer jeden Ethik, wenngleich sich die Gewichtung je nach moralischer Gesinnung entweder in Richtung Diesseits oder Jenseits verlagert. Wie man Glück nun definiert - ob als Vermeidung von Unlust und Schmerz oder als größtmöglichen Lustgewinn - bleibt hedonistisch orientierten Strömungen vorbehalten, von denen der Epikureismus die subtilsten Antworten parat hat, gleichzeitig den einzigen Zweig der Philosophie darstellt, der das Prinzip der Freude ohne Vorbehalte als Basisbedingung für ein erfülltes Leben akzeptiert.


Epikur contra Platon

Die epikureische Moral bildet somit einen krassen Kontrapunkt zu Platon, welcher Glück in Beziehung zur Idee des Guten bzw. in Hinblick auf die ewige Seligkeit im Jenseits sieht. Dieses Ziel zu erreichen wird im Platonismus allerdings nur der Philosophen-Riege zugestanden, da sie allein der notwendigen Einsicht über das Weltganze mächtig sein soll. Ein elitärer Denkweg, den Epikur mit seinem im Diesseits erreichbaren Glücksideal vehement durchkreuzt.

Nach Epikur kann der Mensch mit Hilfe der Freude sehr wohl verschiedene Arten der Bedürfnisbefriedigung erlangen und durch die Möglichkeit der Wiederholung zu einem lang anhaltendem Zustand "umpolen". Während für Platon Freude unbegrenzt und somit irrational ist und weder mit Tugend noch mit Gerechtigkeit im Einklang steht, definiert Epikur Freude als rationales Phänomen, das sich im Zustand des Wohlbefindens manifestiert und dahin gehend messbar wird, als man das Ausmaß an Freude, das man durch eine Handlung oder ein Verhalten erlangt, mit anderen Optionen vergleicht und bewertet. Und genau hier liegt der Punkt des großen Missverständnisses in Bezug auf den sagenumwobenen epikureischen Lustgewinn.

Denn der Vorwurf, dass der Epkureismus bedenkenlos Ausschweifungen und unbeschränkten Sinnesgenuss predigt, ist dahin gehend schlichtweg falsch, als "Lust" nicht im Sinne des Hedonismus zu verstehen sei, sondern die Vermeidung all dessen meint, was auf lange Sicht mehr Leid als Lust erzeugt.

Und eben dieses Argument ist es auch, das die italienische Drogenexpertin Giulia Sissa wissenschaftlich und therapeutisch in der Suchtgiftbekämpfung einsetzt. Wie Sissa gegenüber der "Wiener Zeitung" skizzierte, könne man eine Prävention insoweit gestalten, "als man sie im Namen einer besseren Art von Freude macht. Es ist nicht die Gesundheit, die man hier verkauft, sondern man könnte zu einem Latent-Süchtigen sagen: Vergleiche das, was du glaubst zu gewinnen, mit dem, was du tatsächlich verlierst. Wie hoch ist der Preis? Wie viele andere Arten der Freude entgehen einem durch den Drogenkonsum?"

Der zweite Kernbegriff in Giulia Sissa Theorie steht in engem Zusammenhang mit Martin Heideggers Definition von "Sorge", welche sich auf die so treffliche 220. Fabel des Hyginus über die lebenslange Verkettung von Sorge und Mensch beruft:

Als einst die "Sorge" über einen Fluss ging, sah sie tonhaltiges Erdreich: Sinnend nahm sie davon ein Stück und begann es zu formen. Während sie bei sich darüber nachdenkt, was sie geschaffen, tritt Jupiter hinzu. Ihn bittet die "Sorge", dass er dem geformten Stück Ton Geist verleihe. Das gewährte ihr Jupiter gern. Als sie aber ihrem Gebilde nun ihren Namen beilegen wollte, verbot das Jupiter und verlangte, dass ihm sein Name gegeben werden müsse. Während über den Namen die "Sorge" und Jupiter stritten, erhob sich auch die Erde (Tellus) und begehrte, dass dem Gebilde ihr Name beigelegt werde, da sie ja doch ihm ein Stück ihres Leibes dargeboten habe. Die Streitenden nahmen Saturn zum Richter. Und ihnen erteilte Saturn folgende anscheinend gerechte Entscheidung: "Du, Jupiter, weil du den Geist gegeben hast, sollst bei seinem Tode den Geist, du, Erde, weil du den Körper geschenkt hast, sollst den Körper empfangen. Weil aber die ,Sorge' dieses Wesen zuerst gebildet, so möge, solange es lebt, die ,Sorge' es besitzen. Weil über den Namen Streit besteht, so möge es ,homo' heißen, da es aus humus (Erde) gemacht ist."

Ausgehend von dieser zutiefst existentiellen Verknüpfung von Cura (Sorge) und Mensch prägte Heidegger in seinem Hauptwerk "Sein und Zeit" die Doppelbedeutung des Begriffs "Sorge" als "Fürsorge" und "Besorgnis". Giulia Sissa: "Die Theorie, die Heidegger aus diesem semantischen Ansatz ableitet, lautet, dass der Mensch unmöglich dieser Doppelbedeutung des Wortes Sorge entfliehen kann. Weil sich der Mensch eben immer in den Händen der Sorge befindet, was letztendlich eine klassische Double-Bind-Situation darstellt: Man kann nicht lieben, ohne sich Sorgen zu machen. Man kann nicht besitzen, ohne selbst in Besitz genommen zu werden. Jede Art des Lebens ist somit eine Variation von Sorge."

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Drogen

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-03-02 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:02:00

Werbung




Werbung