• vom 26.01.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:02 Uhr

Geschichte

Die Marionetten-Republik




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Rudi Palla

  • Salo -ein Lokalaugenschein mit Reminiszenzen

Nur ein einziger, immer wieder mit schriller Begeisterung ausgestoßener Ruf brach sich an diesem Abend an den steinernen Fassaden der römischen Innenstadt: "Mussolini arrestato!" Es war Sonntag, der 25. Juli 1943, die Italiener waren in ihrer Mehrheit des Krieges und des Faschismus überdrüssig und die Alliierten bereits 15 Tage zuvor auf Sizilien gelandet, als der Große Faschistische Rat in einer dramatischen Nachtsitzung einem scheinbar resignierenden Mussolini das Misstrauen aussprach. Ein Zeichen für König Viktor Emanuel III., Mussolini zum Rücktritt zu zwingen und "zum Schutz seiner eigenen Person" verhaften zu lassen, vier Tage vor seinem 60. Geburtstag. Der Staatsstreich war offenbar seit langem in allen Details festgelegt, allerdings ohne Wissen der Mehrzahl der faschistischen Parteileiter, von denen sich ein Teil gleich nach Deutschland absetzte. Zum neuen Regierungschef berief der König Marschall Pietro Badoglio, den ehemaligen Generalstabschef, der bereits am 3. September im Namen Italiens einen Sonderwaffenstillstand mit dem amerikanischen General Dwight D. Eisenhower unterzeichnete. Hitler tobte über den Verrat und ließ die Suche nach dem in ein geheimes Versteck gebrachten Mussolini verstärken.

Von Hitlers Gnaden


Benito Amilcare Andrea Mussolini, der Sohn eines Schmieds und einer Volksschullehrerin aus der Provinz Forlí, der sich nach 20 Jahren Diktatorenherrschaft selbst für erledigt hielt und von quälender Furcht beherrscht war, in die Hände der Angloamerikaner zu fallen, hatte noch seine letzte Rolle zu spielen: als fantoccio, als Marionette von Hitlers Gnaden, an der Spitze einer "nationalen faschistischen Regierung Italiens". Am 12. September landeten deutsche Fallschirmjäger unter SS-Hauptsturmführer Skorzeny mit motorlosen Gleitfliegern unweit eines kleinen Berghotels auf dem Gran Sasso in den Abruzzen, befreiten den von der Niederlage sichtlich gezeichneten Duce aus der Gefangenschaft und brachten ihn geradewegs ins Führerhauptquartier nach Berlin.

Nur widerstrebend war Mussolini bereit, die Führung eines neuen faschistischen Staates in den von den Deutschen besetzten Teilen Italiens zu übernehmen. Mit der Bildung einer neuen Regierung am 22. September 1943 begann die Existenz der Repubblica Sociale ltaliana. Wer freilich die wahren Machthaber des neuen Staats waren, stellte sich unmissverständlich schon bei der Wahl des "Regierungssitzes" heraus. Nicht Rom, das noch in deutscher Hand war, sondern einige Orte am Westufer des Gardasees wurden von den Deutschen ausersehen, den Duce und sein Kabinett zu beherbergen. Das hatte seine guten Grunde. Die schmale Uferstraße wird einerseits vom See, andererseits von steil aufragenden Felswänden und Berghängen begrenzt, und nur wenige Kilometer nördlich der Ortschaft Gargnano - wo Mussolinis "Staatskanzlei" untergebracht war - verschwindet sie bis Riva immer wieder in Felstunnels. Eine klug gewählte Falle also, die den unverlässlichen Verbündeten in Wirklichkeit zum Gefangenen und zur Geisel Hitlers degradierte. Zudem konnte angenommen werden, dass die Engländer und Amerikaner nicht so bald nach Norditalien vorstoßen würden. Als Sitz der Ministerien für Äußeres und Kultur wählte man den einzigen Ort am Gardasee, den man zu Recht eine Stadt nennen könnte, Salo.

Salo, südlich von Gargnano, windgeschützt in einer ausgedehnten, hufeisenförmigen Bucht gelegen, ist die historische Hauptstadt des Gebiets. Schon in der Römerzeit als Salodium bekannt, wurde Salo 1377 zum Verwaltungssitz der Riviera Bresciana, der westlichen Ufergemeinden, erhoben. Aber auch unter der späteren venezianischer Herrschaft, die nach dreieinhalb Jahrhunderten 1797 zu Ende ging, behielt Salò seine Selbständigkeit und blieb Zentrum der Comunità della Riviera. Zwischen dieser Epoche großen politischen Einflusses wie auch kultureller Blüte und der zweifelhaften Ehre, als Repubblica di Salo - so wurde die Republikfarce auch genannt - in die Geschichte einzugehen, lag noch ein anderes, weniger bekanntes und dennoch folgenschweres Ereignis.

Salo wurde 1901 von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht, dem ein großer Teil der Stadt zum Opfer fiel. Besonders betroffen waren die am Seeufer stehenden Häuser, unter ihnen der Palazzo del Podestà, das von dem bedeutenden Bildhauer und Architekten Jacopo Sansovino entworfene alte Rathaus aus dem 16. Jahrhundert, das einstürzte, aber vier Jahre später wieder aufgebaut wurde. Ein Arkadengang verbindet den Palazzo del Podestà mit dem eleganten Palazzo della Magnifica Patria, der, 1524 erbaut, den venezianischen Statthaltern als Residenz diente. Jetzt amtieren dort Stadtverwaltung und Stadtpolizei.

Im Schatten der Arkaden des Palazzo della Magnifica Patria baut der Buchhändler Luigi Gozza jeden Tag seinen Büchertisch auf. Ich blättere bei einem Besuch in den aufgeschichteten Bildbänden und Büchern über Salò und den Gardasee und suche - vergebens - nach Bildern oder schriftlichen Erinnerungen der Scheinrepublik. Schließlich frage ich den stets lächelnden Gozza nach lebenden Zeugen der "sechshundert Tage von Salo". Gozza führt mich in die etwas außerhalb des Stadtkerns gelegene Via Orti. In der Bar "Circolo Arci" lerne ich Luciano Galante, den Barbesitzer, kennen. Ein paar Männer sitzen in dem schmucklos eingerichteten und in grünliches Neonlicht getauchten Lokal bei ihrem Espresso oder bei einem Glas Gropello oder Chiaretto und lesen Zeitung.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Schlagwörter

Geschichte, Orte


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-01-26 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:02:00


Werbung




Werbung