• vom 19.01.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:02 Uhr

Film

Ein liebenswerter Unterhalter




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Robert Schediwy

  • Louis Feuillade - das Genie des frühen Kolportagefilms

Wer als interessierter Laie an Stummfilm denkt, assoziiert vor allem die großen Stars und kaum die - nicht schauspielernden- Regisseure: Man erinnert sich an Namen wie Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harold Lloyd, die Keyston Cops - vielleicht auch an den eleganten französischen Komödianten Max Linder.


Es gibt allerdings viel an frühem Kinomaterial, das nicht mit der Magie oder der "vis comica" einzelner Schauspieler verknüpft ist, und das dennoch unglaublich interessant ist.

Louis Feuillade (1873 bis 1925), der etwa 20 Jahre für die Firma Gaumont als Regisseur tätig war, hat zwar etliche in ihrer Zeit beliebte Schauspieler "gemacht": die Kinderstars "Bébé", "Bout de Zan" und "Bouboule", den Komiker René Levesque und andere. Sie sind aber heute im großen und ganzen vergessen.

Dafür hat der von den Propagatoren des "Kunstfilms" der zwanziger Jahre viel gescholtene Kommerzregisseur Louis Feuillade in den letzten Jahren immer mehr an Interesse gewonnen. Dem Meister der in abenteuerlichem Tempo heruntergedrehten Kolportageserien wie "Fantomas", "Les Vampires" oder "Barrabas" wurde im vergangenen Herbst ein Schwerpunkt beim renommierten Stummfilmfestival von Pordenone-Sacile eingeräumt. Die Firma Gaumont konnte zudem von ihrer restaurierten Videoversion von "Fantomas" aus 1913 bereits 5.000 Stück am französischen Markt absetzen und plant als nächstes eine ähnliche Edition der "Vampire". Stummfilm ist, als Nischenprodukt für Cineasten, also durchaus auch kommerziell verwertbar.

Wer war Louis Feuillade? Er wurde in Lunel, einer kleinen Stadt in Südfrankreich geboren und kam 1898 in der Hoffnung auf literarischen Ruhm nach Paris. Die Realität hieß aber zunächst: die Hungerleiderexistenz eines erfolglosen Journalisten. Ende 1905 gelang es Feuillade allerdings, Drehbücher an die aufstrebende Filmfirma Léon Gaumonts zu verkaufen, und 1907 wurde er künstlerischer Direktor von Gaumont, eine Position, die er bis zu seinem Tod innehatte. Feuillade forderte 1910, im Prospekt seiner Serie "Le film esthetique" die Anerkennung des Film als "eigene und totale Kunst" - aber er verstand es vor allem, ein breites Publikum zu fesseln. Seine Filmfolgen mit den Kinderkomödianten "Bébé" (1910) und "Bout de Zan" (1912) machten Furore, "Fantomas" und "Les Vampires" wurden zu Kultserien - letztere vor allem wegen der Schauspielerin "Musidora" (Jeanne Roques) im eng anliegenden schwarzen Trikot, die die erotischen Fantasien der Halbwüchsigen von 1915 anregte.

Was ist nun das Eigentümliche, das Feuillades Werk auszeichnet? Wir sind es gewohnt, vielleicht in Erinnerung an manche Groteskkomiker und an die expressionistisch beeinflussten "hochkulturellen" Filme der zwanziger Jahre, den Stummfilm als "Reich der Übertreibung", der allzu "sprechenden" Gestik und Mimik zu sehen. Louis Feuillade ist aber gerade ein früher Verfechter möglichst "natürlichen" Agierens - was er insbesondere im Umgang mit seinen Kinderstars unter Beweis stellte. Komik und Dramatik entsteht hier aus der Situation, ohne dass die Schauspieler extrem "aufzudrehen" haben.

Die Situationen bei Feuillade haben es freilich "in sich". Ein paar Beispiele: da verdreht eine ausnehmend hübsche junge Dame den Männern im Spazierengehen im wörtlichsten Sinn den Kopf,("Une dame vraiment bien" 1908), so dass allerhand komische Katastrophen entstehen, wie sie heute noch ein "Mr. Bean" zu inszenieren pflegt. Ein Streit zwischen geschiedenen Eheleuten um das Sorgerecht fürs Kind wird zugunsten der Wiedervereinigung der Familie entschieden, da Tochter und Mutter auf Knien den Vater um Versöhnung bitten, als dieser mit 2 Detektiven sein "geraubtes" Kind von der Mutter holen will ("La Possession de l'Enfant" 1909). Grelle Effekte und große Gefühle waren also nicht gerade das, was Louis Feuillade sorgsam vermied. Freilich rühmten ihm seine Bewunderer stets nach, dass er auch noch die unwahrscheinlichsten Situationen psychologisch nachvollziehbar zu machen verstand.

Spektakuläre Dekors

1909 wandten sich Feuillade und sein Boss Léon Gaumont dem "ästhetischen Film" mit spektakulären Dekors und Motiven zu (wohl auch aus Gründen der internationalen Verkaufbarkeit des Produkts - der französische Film stand damals ja noch im Kampf mit Hollywood um die Welthegemonie, und da konnte allzu viel Lokalkolorit schaden). Der "Sohn Locustas" ist so ein Ausstattungsfilm: da bestellt sich Kaiser Nero bei der Giftmischerin Locusta einen schnell wirkenden "Giftwein" für seinen gehassten Rivalen Britannicus. Aber durch einen Zufall gerät der Sohn Locustas, ein fröhlicher Zecher, an die für Britannicus reservierte Amphore Wein: Er stirbt in den Armen der Mutter und Nero entfernt sich mit fettem Lachen ("Le Fils de Locuste" 1911, koloriert).

Die Gruppe der Filme "So ist das Leben" ("La vie telle qu'elle est" ab März 1911) scheint wieder aus den vergleichsweise hohen Kostüm- und Dekorkosten des "ästhetischen Films" zu erwachsen: Feuillade macht aus der Not eine Tugend und proklamiert Lebensnähe, reale Schauplätze etc. Da geht es dann etwa (wie in "Le Trust" aus 1911) um eine Erfindung synthetischen Kautschuks, die der Boss eines Gummikartells einem selbständigen kleineren Industriellen bzw. dessen Ingenieur abluchsen will. Reales Büroleben der Jahrhundertwende wird hier mit Kolportagehandlung (Entführung, Verhör vor einer maskierten Gaunerjury) verknüpft.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Schlagwörter

Film

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-01-19 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:02:00


Werbung




Werbung