• vom 19.01.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:02 Uhr

Astronomie

Der zertrümmerte Planet




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Von Christian Pinter

  • Vor 200 Jahren fand die "himmlische Polizey" den Asteroidengürtel

Die Entdeckung der Kleinplaneten vor genau zwei Jahrhunderten ist ein Beispiel für die Zusammenarbeit von Gelehrten über Landesgrenzen hinweg: Unsere Geschichte beginnt 1772, als der deutsche Astronom Johann Elert Bode eine sechs Jahre alte Fußnote in einem Buch des Wittenberger Professors Johann Titius ausgräbt. Dieser hat eine verblüffend einfache mathematische Reihe gefunden, mit der sich die Sonnenabstände der Planeten recht genau und sogar im Kopf berechnen lassen. Sie wird als "Titius-Bode-Reihe" bekannt.


Damals weiß man nur von sechs Planeten: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn. Doch am 13. März 1781 durchmustert der aus Hannover stammende Wilhelm Herschel mit einem selbstgebauten Teleskop den Himmel über dem englischen Kurort Bath. Im Grenzbereich der Sternbilder Stier und Zwillinge stößt er auf ein schwaches, grünliches Gestirn, das sich jede Nacht ein kleines Stück weiter bewegt. Zuerst glaubt der Musiker an einen Kometen; solche Himmelsvagabunden tauchen ja immer wieder auf. Doch bald wird klar: das ist ein ferner, siebenter Planet, der weit hinter Saturn um die Sonne zieht. Der Fund, für den Johann Bode den Namen "Uranus" vorschlägt, macht Herschel berühmt; er wird Königlicher Astronom.

Der Kongress beobachtet

1783 hält sich der 29-jährige Baron Franz Xaver von Zach in London auf. Der Sohn eines angesehenen Budapester Arztes hatte als Major an der Vermessung Österreichs teilgenommen und sein Domizil später in Paris aufgeschlagen. In England freundet er sich mit Herschel an. Außerdem lernt er den Gesandten von Sachsen-Gotha kennen. Dieser bringt ihn zwei Jahre später mit Herzog Ernst II. in Kontakt. Die Residenzstadt Gotha soll ein Observatorium bekommen. Zach wird mit dessen Errichtung beauftragt.

Unter seiner Regie entsteht ein astronomischer Musterbau auf dem Seeberg. 1798 lädt Sternwartedirektor Zach dort zu einem Treffen, das später gern als "erster astronomischer Kongress der Geschichte" bezeichnet wird. Zehn Tage lang diskutieren 14 Gelehrte über Zeitmessung, metrisches System und die Grenzziehung bei Sternbildern des Südhimmels.

Noch ist der Gedankenaustausch zwischen Astronomen schwerfällig, beschränkt sich auf persönliche Briefe und die Publikationen der Akademien in Paris, London oder Leipzig. Von Neuentdeckungen erfahren Wissenschaftler nur mit Verspätung. Die aktuellste Schrift, das von Bode in Berlin herausgegebene Astronomische Jahrbuch, erscheint eben nur einmal im Jahr.

Zach sucht Abhilfe. 1798 gibt er die Geografischen Ephemeriden heraus, ab 1800 die Monatliche Correspondenz. Rasch ist sie die führende astronomische Zeitschrift.

Wie die anderen Planeten auch, bewegt sich Herschels Uranus durch die Sternbilder des Tierkreises. Sein Sonnenabstand passt gut in die Titius-Bode-Reihe, wenn man diese über die Saturnbahn hinaus extrapoliert. Die Reihe scheint nun fast so verlässlich wie ein "Naturgesetz". Allerdings sieht sie einen weiteren Himmelskörper zwischen Mars und Jupiter vor, wo Astronomen bislang nur eine weite Lücke vorgefunden haben. Sollte, wie Bode vermutet, dort noch ein Planet seiner Entdeckung harren ?

Baron Zach macht sich auf Suche. Dazu muss er Lichtpünktchen finden, die nicht bereits in Sternkarten verzeichnet sind, und sie Nacht für Nacht auf etwaige Bewegung prüfen. Doch die Karten sind mangelhaft. Die Fahndung soll organisiert werden.

So kommt es im September 1800 zu einem weiteren Treffen, diesmal in der großzügig ausgestatteten Privatsternwarte des hohen Verwaltungsbeamten Johann Schröter in Lilienthal bei Bremen.

Wie Johann Bode, jetzt Leiter der Berliner Sternwarte, besitzt auch Schröter Teleskopspiegel aus Herschels englischer Werkstatt. Sogar ein Riesenfernrohr mit 49 cm Durchmesser zählt zu seiner Sammlung. Gastgeber Schröter, sein Gehilfe Karl Ludwig Harding, Baron Zach sowie der Amateurastronom Heinrich Olbers gründen eine Fachgesellschaft, die als "Himmlische Polizey" bekannt wird. Schröter ist Präsident, Zach Sekretär.

Man will die Tierkreissternbilder in 24 Sektoren aufteilen und systematisch nach dem "fehlenden" Planeten absuchen. Dazu werden Kollegen in England, Dänemark, Schweden, Russland, Italien, Frankreich, Polen und Österreich brieflich zur Mitarbeit eingeladen. Eines dieser Schreiben macht sich auf den langen Weg nach Palermo.

Südlich von Rom erstreckt sich das Königreich Neapel, seit 1735 mit jenem von Sizilien in Personalunion verbunden. Der Herrscher des "Königreichs beider Sizilien" thront in Neapel. In Palermo residiert ein Vizekönig. Seit die einflussreichen Jesuiten verbannt und ihr Orden vom Papst aufgelöst wurde, mangelt es in ganz Süditalien an Lehrern. Abhilfe soll unter anderem die 1779 gegründete Akademie von Palermo schaffen; man hofft dort sogar, bald eine Universität gründen zu können.

Die Akademie wirbt Gelehrte in halb Europa an, doch kaum jemand möchte in die "wissenschaftliche Provinz" Sizilien übersiedeln. Auch nicht der Mailänder Astronom Barnaba Oriani. Anders sieht das der am 16. Juli 1746 geborene Giuseppe Piazzi aus Ponte im Veltlin. Sein feuriges Temperament, sein unvorsichtiges Auftreten und die religiöse Intoleranz seiner Zeitgenossen haben den Mailänder Mönch ein unstetes Wanderleben führen lassen. In Genua, Rimini, Rom, Malta und Ravenna hat er Philosophie, Theologie oder Mathematik unterrichtet. Jetzt folgt er Siziliens Ruf, nimmt einen Lehrstuhl an der Akademie an.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-01-19 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:02:00


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