• vom 12.01.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:02 Uhr

Malerei

Die Freiheitsliebende




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Von Silvia Matras

  • Christa Hauer-Fruhmann, Malerin und Galeristin

Ich war immer ein freiheitsorientierter Mensch. Deshalb reiste Christa Hauer in den 50er Jahren nach New York und Chikago, um dort action painting, wilde informelle Malerei kennen zu lernen und ihre ersten schüchternen abstrakten Malversuche zu starten.

In Bewegung war sie immer. Bewegt hat sie viel, wenn sie auch heute rückblickend meint, zu wenig. Die Gesellschaft wollte sie verändern, jungen, unbekannten Künstlern und vor allem Künstlerinnen eine Chance geben. Deshalb eröffnete sie 1960 die "Galerie im Griechenbeisl" im ersten Wiener Gemeindebezirk, deshalb gründete sie 1975 im Jahr der Frau die "Internationale Aktionsgemeinschaft für bildende Künstlerinnen", in der Hoffnung, die von Männern beherrschte Kunstwelt etwas aufzubrechen. Deshalb kauften sie und ihr Mann Johann Fruhmann 1970 das verfallene Schloss Lengenfeld bei Krems, um das Schloss zu retten und der Wiener Kunstszene nach der Schließung der Galerie einen neuen Treffpunkt zu geben.


Eine Kindheit mit Bildern

Bilder und Tiere - Esel, Hühner, ein Schaf und früher auch Pfaue - beherrschen das Schloss: Kein Raum, der nicht voll mit ihren eigenen Bildern und denen ihres Mannes ist. Ihre Kreisbilder: Gelbe Kreise auf blauem Grund, der Kreis im Kreis in einem roten Quadrat. Rote Kreise, manche dumpf erloschen, manche mit einem Lichthof umgeben. Die Bilder ihres Mannes: überdimensionale Schlingen, die an monumentale Tore erinnern. Tore, die in ein Nichts führen, Tore, die sich ineinander zu Riesenschlangen fügen. Schließlich sogar braune Torbogen in Sgraffito an der Außenwand des Schlosses. Der Denkmalschutz gab zähneknirschend seine Einwilligung zu dieser ungewöhnlichen Verschönerung.

"Schlossherrin von Lengenfeld" - das imaginiert Reichtum, eine Vorstellung, die sich nur schwer mit Christa Hauers Leben verbindet. Der einzige in ihrer Familie, der es einmal zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatte, war ihr Großvater, der als Griechenbeislwirt bekannte Franz Hauer. Seine Liebe zur Kunst entdeckte er mit 41 Jahren und in sechs Jahren hatte er viele Egger-Lienz-, Schiele- und Kokoschka-Bilder erworben. Als er 1914 starb, hinterließ er seinen sechs Kindern eine wertvolle Sammlung, die jedoch durch die Kriegswirren fast gänzlich verloren ging.

Die Liebe zur Kunst hatte sich nur auf eines seiner Kinder vererbt, den Vater Christas. Leopold Hauer wurde Maler und hatte nur einen Wunsch, dass seine Tochter denselben Weg gehen sollte.

In der Villa mit Garten draußen in Gersthof wuchs Christa behütet, "viel zu behütet", wie sie selbst sagt, ziemlich einsam auf. Bis eines Tages eine Cousine aus Amerika auf Besuch kam. Mit ihr spielte sie alle Hollywood-Storys durch. Diese Cousine erweckte in Christa Hauer die Liebe zur Schauspielerei, woraus Christas Schwärmerei für Marlene Dietrich, dunkelrote Fingernägel und eine tief übers Auge gezogene Locke geboren wurde. Eine zweite Marlene Dietrich wurde sie nicht, aber die roten Fingernägel blieben ihr Markenzeichen, ihr Freiheitsemblem.

Dem Vater war es nur recht, dass aus der Schauspielerei nichts wurde, hatte er doch ganz andere Pläne mit seiner 14-jährigen Tochter: "Du wirst Malerin und gehst auf die Kunstgewerbeschule!", befahl er ihr. Christa Hauer war jedes Mittel recht, der öden Schule zu entkommen. Auf der Kunstgewerbeschule, der späteren Hochschule für angewandte Kunst, konnte Christa Hauer mit 14 Jahren anfangen und musste nicht "Jahre in irgendwelchen Schulen bis zur Matura vertun". Die lockere Unterrichtsform und der freie Wind, der dort wehte, kam ihr sehr entgegen.

Die Liebe zum Widerstand

Den Kriegsbeginn nimmt Christa Hauer nur am Rande wahr. Erst später, als ihr Vater sie auf die Akademie schickt, entdeckt sie, dass es zwei Welten gibt: die der Nazis und die der Nichtnazis. Zu ihrem Pech ist ihr Professor sehr nationalsozialistisch orientiert und stößt sich an Christa Hauers "Marlene Dietrich-Outfit", ihren roten Fingernägeln, ihrer Malweise und ihrer Aufmüpfigkeit. "Die anderen Studenten kamen alle in weißen Stutzen und Trachtengewand auf die Akademie und tanzten in den Pausen Volkstänze." Sie wechselte zu den Professoren Fahringer und Böckl und rettete so die roten Fingernägel und die Freiheit zu malen, wie sie wollte.

Das Kriegsende erlebte die 20-Jährige mit allen Gefahren und Grausamkeiten: Sie sah die Stephanskirche brennen und die Wohnung am Kai - die Villa in Gersthof hatte der Vater schon vor Jahren verkauft - unter dem letzten Bombardement der Deutschen zu Schutt und Asche werden. Das größte Problem, die Lebensmittelknappheit, löste der Vater auf recht originelle Weise: Er und seine Tochter malten täglich in der russischen Kaserne Porträts von Lenin und Stalin und bekamen dafür ausreichend zu essen.

Weil das Portätzeichnen bei den Russen so gut ankam, probierte es Christa Hauer auch bei den Amerikanern. In Gmunden malte sie mit viel Erfolg ein Jahr lang Offiziere und deren Gattinnen. Wieder daheim, begannen die Auseinandersetzungen mit ihrem Vater, dem Christas Interesse für die moderne Malerei gar nicht gefiel. Ihre Kontakte zum Art Club, zu dem Gütersloh, Schmeller, Fuchs, Mühl, Hausner, Hundertwasser und viele andere gehörten, und ihre Freundschaft mit Johann Fruhmann, dessen abstrakte Bilder dem konservativen Landschaftsmaler Leopold Hauer als unverständliche Provokation erscheinen mussten, gaben Anlass zu schweren Konflikten.

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Schlagwörter

Malerei, Porträt

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2001-01-12 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:02:00

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