• vom 22.01.2010, 14:29 Uhr

Kompendium

Update: 23.01.2010, 16:58 Uhr

Geschichte

Die verlorenen Kinder von Izieu




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Von Ingeborg Waldinger

  • Im April 1944 ließ Klaus Barbie, der Gestapochef von Lyon, 44 Kinder und deren Erzieher aus einem französischen Heim nach Auschwitz deportieren. Eine Wanderausstellung erinnert an ihr Schicksal.

Das Kinderheim "Maison d´Izieu" bot von 1943 bis 1944 jüdischen Kindern, die von ihren Familien getrennt waren, Zuflucht und Geborgenheit. Foto: Maison dIzieu

Das Kinderheim "Maison d´Izieu" bot von 1943 bis 1944 jüdischen Kindern, die von ihren Familien getrennt waren, Zuflucht und Geborgenheit. Foto: Maison dIzieu

"Es schneit aber es ist noch nicht sehr kalt. Es gibt hier eine große Terrasse wo man die ganze Landschaft sieht und das ist sehr schön alle Berge zu sehen, die alle mit Schnee bedeckt sind . . . Am Faschingsdienstag werden wir ein Fest haben", schreibt der achtjährige Georgy Halpern aus dem Kinderheim von Izieu an seine andernorts in Frankreich hospitalisierte Mutter. Der Brief trägt das Datum 9. Feber 1944.


Ein Dorf in dunkler Zeit

Gerade einmal 200 Einwohner hat das "klassifizierte Bergdorf" Izieu. Es liegt im südostfranzösischen Departement Ain, in der Region Rhône-Alpes. Nur 80 Kilometer sind es von hier nach Lyon, kürzer ist der Weg ins savoyische Chambéry. Längst hat dieses alte Transitland an der Grenze zu Italien und der Schweiz den Anschluss an die Moderne vollzogen, produziert Atomstrom in Bugey oder Kunststoffe im "Plastic-Valley" um Oyonnax.

In Izieu hingegen scheint die Zeit still zu stehen. Alte, schiefergedeckte Steinhäuser und eine schlichte Kirche prägen das Ortsbild. Vom Dorf aus sieht man auf die behäbig dahinströmende Rhône und eine waldreiche Gebirgslandschaft. Im Umland erstrecken sich herrliche Naturparks, wächst guter Wein, staksen glückliche Bresse-Hühner durch die Wiesen. Man wähnt sich in jene "Douce France" versetzt, die Chansonnier Charles Trenet so schön auf "Enfance" (Kindheit) und "Insouciance" (Unbeschwertheit) reimte. Allein, Trenets Chanson entstand im Jahr 1942, also inmitten der "années noires".

Das Kinderheim von Izieu ist seit 1994 eine nationale Gedenkstätte. Foto: Maison d´Izieu

Das Kinderheim von Izieu ist seit 1994 eine nationale Gedenkstätte. Foto: Maison d´Izieu Das Kinderheim von Izieu ist seit 1994 eine nationale Gedenkstätte. Foto: Maison d´Izieu

Diese dunkle Zeit hatte im Mai 1940, mit dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich, begonnen. Die Pariser Regierung war zurückgetreten, Marschall Pétain als neuer Regierungschef saß in Vichy, einem Kurort im Zentralmassiv. Sein Waffenstillstandsabkommen mit den Besatzern führte zur Teilung des Landes in eine nördliche, von den Deutschen okkupierte und in eine "freie" Zone im Süden, welche dem Verwaltungsdistrikt des Vichy-Régimes (offizieller Name "État français" anstelle von "République française") entsprach. Marschall Pétain strebte eine "Révolution nationale" an, den Umbau des republikanisch-laizistischen Frankreich in einen autoritär-klerikalen Ständestaat, und setzte auf Kollaboration mit den Deutschen.

Die tödliche Falle

Im Juni 1942 führte die Polizei in Paris eine Großrazzia durch und sperrte 13.000 Juden (davon 4000 Kinder) in die Radsporthalle "Vélodrome d´Hiver", die bald darauf von dort in das nahe Transitlager Drancy überstellt wurden, einen Wartesaal für die Fahrt nach Auschwitz. Das "Vél d´Hiv" ist heute eine Gedenkstätte. Die Ausforschung der Juden war leicht, zumal das Vichy-Regime deren Namen und Adressen, Berufe und Staatszugehörigkeit im Rahmen von "Judenzählungen" bereits erfasst hatte. Wohl fand so manch französischer Polizist einen Weg, Verhaftungen zu vereiteln. Auch wuchs die Bereitschaft der Bevölkerung, verfolgte Juden zu schützen. Und überdies erstarkte die Widerstandsbewegung "Résistance".

Dennoch wurden zwischen 1942 und 1944 an die 76.000 Juden aus Frankreich in Vernichtungslager deportiert. Nur etwa ein Drittel von ihnen waren französische Staatsbürger, rund 800 der deportierten Kinder stammten aus Deutschland und Österreich. Das vermeintlich sichere Frankreich war für die hierher geflüchteten Juden zur Falle geworden. Die meisten wurden schon 1939/40 in Arbeitskolonien oder Sammellagern interniert. Im Juli 1942 verließ der erste Zug mit Juden das Land Richtung Auschwitz.

Einer jüdischen Familie entstammt auch Sabine Chwast. Der wachsende Antisemitismus in ihrer Heimatstadt Warschau veranlasst sie zur Emigration nach Frankreich. Sabine absolviert ein Kunststudium in Nancy. Dort lernt sie ihren Mann kennen, den russischen Agronomiestudenten Miron Zlatin. Die beiden werden französische Staatsbürger und betreiben einen Bauernhof. Bei Ausbruch des Krieges lässt sich Sabine Zlatin vom Roten Kreuz zur Krankenschwester ausbilden, nach der Invasion der Deutschen flieht das Paar nach Montpellier. Sabine arbeitet in einem Militärspital, doch schon 1941 zwingen sie die Rassengesetze des Vichy-Regimes zur Aufgabe des Dienstes.

Über Vermittlung von Léa Feldblum, die unter einem Decknamen agiert, wirkt Sabine fortan für das jüdische Kinderhilfswerk OSE ( uvre de Secours aux Enfants , 1912 in Russland gegründet). Dabei wird sie vom Präfekten des Departements Hérault, M. Bénédetti, oder vom engagierten Abt Prévost unterstützt. Sie holt zahlreiche Kinder aus den Transitlagern Südfrankreichs, insbesondere aus jenem in Rivesaltes, und bringt sie in Häusern des Hilfswerks, bei Privaten oder in kirchlichen Institutionen unter.

Als die Deutschen im November 1942 auch den "freien" Süden okkupieren, flieht das Ehepaar Zlatin Richtung Osten - mit 17 Kindern und einem Empfehlungsschreiben an Pierre-Marcel Wiltzer, den Unterpräfekten von Belley (Departement Ain). Denn nur der äußerste Südosten des Landes war vom deutschen Bündnispartner Italien okkupiert. Und Italien verfolgte die Juden nicht.

Ein Ort der Zuflucht

Im Kanton Belley findet sich ein passender Ort: Izieu. Dort gründen die Zlatins Ende April 1943 ihr Kinderheim und schleusen einige jüdische Waisenkinder in die Schweiz. Das Haus hat starken Zulauf. Die "Maison d´Izieu" bietet den wehrlosen, von ihren Familien getrennten Geschöpfen Zuflucht und Geborgenheit. Hier erhalten sie Schulunterricht, finden Trost im Spiel, schöpfen neue Hoffnung. Nur wenige haben noch Kontakt zu den Eltern: "Ich esse gut. Ich schlafe gut. Ich bin gesund", lautet die Kernbotschaft der vielen Briefe, die Georgy Halpern an seinen Vater in einer südfranzösischen Arbeiterkolonie und an die Mutter im Sanatorium von Hauteville schreibt.

Das Kinderheim "Maison d´Izieu" bot von 1943 bis 1944 jüdischen Kindern, die von ihren Familien getrennt waren, Zuflucht und Geborgenheit. Foto: Maison dIzieu

Das Kinderheim "Maison d´Izieu" bot von 1943 bis 1944 jüdischen Kindern, die von ihren Familien getrennt waren, Zuflucht und Geborgenheit. Foto: Maison dIzieu Das Kinderheim "Maison d´Izieu" bot von 1943 bis 1944 jüdischen Kindern, die von ihren Familien getrennt waren, Zuflucht und Geborgenheit. Foto: Maison dIzieu

Georgy Halpern, eines der Kinder von Izieu. Foto: Maison d´Izieu

Georgy Halpern, eines der Kinder von Izieu. Foto: Maison d´Izieu Georgy Halpern, eines der Kinder von Izieu. Foto: Maison d´Izieu

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2010-01-22 14:29:00
Letzte Änderung am 2010-01-23 16:58:00



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