• vom 30.10.2009, 14:52 Uhr

Kompendium

Update: 30.10.2009, 15:02 Uhr

Berufe

Tröstende Worte zum Abschied




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Von Ingeborg Waldinger

  • Weltliche Grabredner ersetzen immer häufiger die Geistlichen bei Begräbnissen - Franz Weichenberger ist einer dieser professionellen Trauerbegleiter.

"De mortuis nil nisi bene" lautet ein alter ethischer Grundsatz: Über die Toten nur Gutes . . . Foto: Robert Bressani

"De mortuis nil nisi bene" lautet ein alter ethischer Grundsatz: Über die Toten nur Gutes . . . Foto: Robert Bressani

"Manchmalhilft es, sich daran zu erinnern, dass die Trauer ein Ausdruck unserer Liebesfähigkeit ist." Franz Weichenberger spricht zu einer großen Trauergemeinde, die sich in der Aufbahrungshalle des Döblinger Friedhofs versammelt hat. Ein Teppich aus Rosen und Gerbera umgibt den Sarg. Die mit fester, ruhiger Stimme vorgetragenen Worte des Redners vermitteln eine klare Botschaft: Trauer darf gezeigt werden. Sie ist Ausdruck individuellen Schmerzes, aber auch Bekundung einer allgemeinen Verbundenheit mit dem Verstorbenen.


Abschiedszeremoniell

Für Trauer ist überall Raum - auch beim großen Abschied. Das Zeremoniell gibt den Angehörigen zugleich Halt in der Auseinandersetzung mit dem Unabänderlichen, dem Unplanbaren - mit dem Tod, der uns stets mit der Hinfälligkeit irdischen Daseins konfrontiert. Der Redner spricht weder von Gott, noch von Erlösung in der Ewigkeit. Dennoch deutet er einen Horizont an, eine Hoffnung jenseits der schwer verkraftbaren Zäsur.

Der Vortragende kennt die Biografie des Verstorbenen, verwebt dessen Lebenswerk, Persönlichkeit und Ableben zu einem würdevollen Bild des Erinnerns. Niemals klingt die Rede schematisch, nach nüchterner Professionalität.

Franz Weichenberger: Jurist, Schauspieler, Trauerredner. Foto: Robert Bressani

Franz Weichenberger: Jurist, Schauspieler, Trauerredner. Foto: Robert Bressani Franz Weichenberger: Jurist, Schauspieler, Trauerredner. Foto: Robert Bressani

Franz Weichenberger gehört zur Zunft der weltlichen Trauerredner. Seine Dienste sind gefragt, wenn der Verstorbene keiner Religionsgemeinschaft angehört hat. Doch selbst in konfessionell gebundenen Kreisen steigt das Bedürfnis (und der Bedarf) nach "freien" Begräbnis-Rednern.

Denn einerseits fehlt es an Priestern, etwa in der orthodoxen oder altkatholischen Kirche; andererseits mangelt es vielfach an individuellem Zuspruch durch den Geistlichen: Gerade im großstädtischen Raum kennen diese ihre Kirchenmitglieder selten persönlich - und beschränken die Begräbnisfeier auf die reine Liturgie. Der freie Trauerredner hingegen würdigt den Verstorbenen auf eingehende, persönliche Art, unter Berücksichtigung von dessen Weltanschauung oder Konfession.

De mortuis nil nisi bene lautet ein alter ethischer Grundsatz: Über die Toten nur Gutes. Das Vorgespräch mit den Angehörigen erlaubt dem Redner bisweilen tiefe Einblicke in die Biografie des Verstorbenen. Die "Sichtung" dieser Daten erfordert viel Fingerspitzengefühl, desgleichen eine hohe Bereitschaft, sich in unterschiedlichste Lebensläufe einzufühlen und selbst die schwierigen Charakterzüge des Hingeschiedenen zu würdigen.

"De mortuis nil nisi bene" lautet ein alter ethischer Grundsatz: Über die Toten nur Gutes . . . Foto: Robert Bressani

"De mortuis nil nisi bene" lautet ein alter ethischer Grundsatz: Über die Toten nur Gutes . . . Foto: Robert Bressani "De mortuis nil nisi bene" lautet ein alter ethischer Grundsatz: Über die Toten nur Gutes . . . Foto: Robert Bressani

Franz Weichenberger ist seit zwei Jahren als Trauerredner tätig und hat seine eigene Berufsphilosophie entwickelt: Trauer, davon ist er überzeugt, müsse ausgelebt werden. Auch tränenreich.

Ausgebürgerte Trauer

Das klingt nach dem wohlmeinenden Rat eines Psychologen. Und nach Protest: gegen die Ächtung von Tod und Trauer durch die moderne Leistungsgesellschaft, die der britische Sozialhistoriker Geoffrey Gorer bereits 1955 in seinem provokanten Traktat "Die Pornographie des Todes" kritisiert hat. Eine anschauliche Darstellung der ausgebürgerten Trauer bietet, gut zwanzig Jahre später, auch der französische Historiker der soziologisch orientierten "Annales"-Schule Philippe Ariès in seiner "Geschichte des Todes": "Heutzutage werden die Tränen der Trauer den Ausscheidungen der Krankheit gleichgestellt. Beide sind gleichermaßen abstoßend." Trauer gelte als morbide und unschicklich, resümiert Ariès, und ortet in deren Verbot eine Ursache für den pathologischen Zustand der modernen Gesellschaft.

Gegen die Tabuisierung von Trauer bezieht auch Franz Weichenberger Stellung. Er reflektiert den Tod aus metaphysischer Sicht wie als kulturgeschichtlich-soziologisches Phänomen, doch besonders interessiert ihn der existenzielle Ausnahmezustand der Angehörigen: Wie kann man den Schock der endgültigen Trennung mildern? Dieses Problem hat ihn dazu bewogen, eine familientherapeutische Schulung zu durchlaufen. Zunächst jedoch hatte der gebürtige Linzer ein Studium der Rechtswissenschaft absolviert.

Doch sehr bald wandte sich der Doctor iuris von der "emotional unterversorgten" Juristerei ab und einem Fach zu, in dem ganz große Gefühle gezeigt werden: Franz Weichenberger schloss an der Linzer Anton Bruckner-Privatuniversität ein Schauspiel-Studium ab. Seine Bühne war fortan nicht der Gerichtssaal, sondern das Tiroler Landestheater sowie eine Reihe anderer heimischer Schauspielhäuser. Dazu kamen Engagements in Deutschland, Italien und der Schweiz. Zuletzt, im Sommer 2009, wirkte der Mime etwa im Dramen-Zyklus "tirol hoch9" mit: als Andreas Hofer in Wolfgang Hermanns Stück "Gespenster". Auch in Filmen hat er mitgespielt, und manches Kabarettprogramm verfasst.

Wahrhaftigkeit

Für die Schauspielerei bleibt Franz Weichenberger mittlerweile nur noch wenig Zeit. Der Zweitberuf ist wirtschaftlich tragfähig geworden. Denn der Trauerredner kommt im Monat auf gut 30 Einsätze, einige davon außerhalb Wiens. Weichenberger übt diese Tätigkeit freiberuflich aus und wird von Bestattungsunternehmen vermittelt. Aber was vermisst einer, der die nüchterne Juristerei mit der expressiven Bühnenarbeit eingetauscht hat, nun eigentlich im Theater? "Die Verankerung in der Realität", erklärt der Befragte. Denn anders als das Hineinleben in fremde Texte, ermögliche der Vortrag eigener Reden - im "wirklichen Leben" - jenen Grad an Wahrhaftigkeit, den Weichenberger anstrebt. "Dramaturgische Kompetenz" erweise sich dabei als hilfreich.

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Schlagwörter

Berufe, Tod

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Dokument erstellt am 2009-10-30 14:52:14
Letzte Änderung am 2009-10-30 15:02:00


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