• vom 02.10.2009, 14:44 Uhr

Kompendium

Update: 02.10.2009, 14:48 Uhr

Kunst

Emanzipierte Universalistin




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Martin G. Petrowsky

  • Edith Wellspacher-Emery floh vor den Nazis nach Australien. Die Ärztin, Architektin und Künstlerin wurde vor 100 Jahren in Schottwien geboren.

Vor 100 Jahren, am 9. Oktober 1909, wurde in Schottwien in Niederösterreich ein Mädchen geboren, das sehr rasch aus der Geborgenheit einer wohlhabenden bürgerlichen Familie herausgerissen werden sollte, und dem dennoch ein ungewöhnlich selbstbestimmtes Leben bevorstand: Edith Wellspacher.


Nach dem frühen Tod des Vaters bemühte sich die Mutter, den Gutsbetrieb weiterzuführen, musste diesen jedoch bald verkaufen; der Erlös reichte gerade zum nackten Überleben. Überraschenderweise wurde Edith dennoch nicht in die lokale Volksschule geschickt, sondern vorerst von ihrer Mutter selbst, später auch von einer pensionierten Schuldirektorin unterrichtet. Sie lernte leicht, las viel und kam erst mit elf Jahren in eine Klosterschule. Mit dreizehn übersiedelte sie zu einer Tante nach Wien, ging in eine staatliche Schule und besuchte Malkurse für Jugendliche beim legendären Prof. Franz Cizek an der Kunstgewerbeschule. Während der Schulferien bekam sie von einem Pfarrer Lateinunterricht, in einer Abendschule machte sie die Matura; danach inskribierte sie Medizin an der Wiener Universität.

"Toledo" - ein Reisebild der musischen Globetrotterin.

"Toledo" - ein Reisebild der musischen Globetrotterin. "Toledo" - ein Reisebild der musischen Globetrotterin.

Als die Schriftstellerin Erika Mitterer sich Ende der Zwanzigerjahre mit der um drei Jahre jüngeren Edith anfreundete, deutete nichts mehr auf deren einst begütertes Elternhaus hin: Sie lebte und lernte in einem unheizbaren Untermietzimmer, gönnte sich aber den Besuch vieler Theateraufführungen, berichtete Mitterer später. Während des Studiums perfektionierte die vielseitig begabte junge Frau ihre Sprachkenntnisse durch Aufenthalte in England und Frankreich; 1934 erwarb sie ihr Doktorat und begann als Turnusärztin im Elisabethspital in Wien. Sie interessierte sich für Politik, bewunderte den sozialen Wohnbau, fühlte sich zu den Sozialisten hingezogen und lehnte die Nationalsozialisten vehement ab. Edith Wellspachers 1995 erschienene Autobiografie "A Twentieth Century Life" vermittelt einen sehr lebendigen Eindruck von ihrer Stimmung in den Tagen rund um Hitlers Einmarsch in Österreich, die in dem verzweifelten Satz kulminiert: "Jetzt sind wir ein Nazi-Land."

Da Edith aus ihrer Gesinnung nie ein Hehl gemacht hatte, verlor sie ihren Job und ihr Dienstzimmer im Spital; sie bezog eine Kammer bei Erika Mitterer und wollte so schnell wie möglich ihre Heimat verlassen.

Nach Wochen vergeblicher Suche nach einem Staat, der sie aufnehmen würde, stieß Edith auf ein Inserat, das ganz auf sie zugeschnitten schien: ein Mädchen-College in Tasmanien suchte eine von Cizek ausgebildete Zeichenlehrerin. Mit einem Trick erhielt sie tatsächlich das Ausreisevisum; Edith bestieg - nach einem Zwischenstopp in Paris, wo inzwischen ihre Schwester lebte - ein Schiff nach Australien.

Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Auf dem Schiff lernt Edith den englischen Kolonialbeamten John Emery kennen, der sich in die um zehn Jahre jüngere, temperamentvolle Frau verliebt, und seinerseits großen Eindruck auf Edith macht.

Krieg, Ehe und Studium

Obwohl die politische Realität Edith tausende Kilometer entfernt vom Deutschen Reich einholt - sie hat ihre Abneigung gegen Hitler zu sorglos kundgetan und erhält bei ihrer Ankunft in Australien bereits warnende Telegramme -, fühlt sie sich im College äußerst wohl. Sie korrespondiert mit John und erhält von ihm einen Heiratsantrag. Nach einem Jahr stimmt sie zu - und weiß sehr bald, dass sie sich falsch entschieden hat. Die kurze Hochzeitsreise führt durch Tasmanien, das Edith später als das schönste Land der Welt bezeichnen wird.

In Europa bricht der Zweite Weltkrieg aus. Edith ist schwanger und reist am 8. April 1940 nach Paris, um in der Nähe ihrer Schwester niederzukommen. Während sie nach der Geburt ihres Sohnes in der Klinik betreut wird, umgehen die deutschen Truppen die uneinnehmbare Maginot-Linie, besetzen die Atlantikküste und bombardieren Paris. Im Dezember kommt Edith in ein Lager; als britische Staatsbürgerin ist sie eine "Feindin" der deutschen Besetzer. Im Februar 1941 kehrt sie nach Paris zurück.

Erst Ende Oktober 1942 wird ihr im Rahmen eines Gefangenenaustausches die Ausreise gestattet - via Wien! Endlich gibt es ein Wiedersehen mit der Mutter, mit Freunden. Die Begeisterung über den "Anschluss" scheint verraucht, die Stimmung völlig verändert. In ihren Erinnerungen schreibt sie: Unzufriedenheit und Verzweiflung machen sich hier breit - aber (. . .) Erika [wollte] auf meine Fragen nicht antworten . . .; fürchtet sie, dass durch mich etwas nach außen dringt und sie gefährden könnte? - Ich weiß, wie beide [Erika und ihr Mann] die Nazis hassen. Was haben die Nazis mit ihnen getan?"

Jahre später hat Erika Mitterer ihre Zurückhaltung damit erklärt, dass ihr ein aus dem Konzentrationslager entlassener Mann auf die Frage nach seiner Behandlung nur geantwortet hatte: "Bitte frag mich nicht; ich darf darüber nicht reden - ich würde Dich und mich gefährden!" Doch sein Gesicht erzählte vom erlittenen Grauen.

Am 8. November 1942 beginnt für Edith eine abenteuerliche Reise über den Balkan bis in den Sudan. Die Wiederbegegnung mit John wird zur großen Enttäuschung - die Erwartungen an das Leben können unterschiedlicher nicht sein. Dennoch will Edith ein zweites Kind; im April 1944 reist sie nach England, um dort zu entbinden. Vergeblich bemüht sie sich um Anerkennung ihrer ärztliche Ausbildung.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Kunst, Geschichte, Porträt

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-10-02 14:44:49
Letzte Änderung am 2009-10-02 14:48:00


Werbung




Werbung