• vom 14.08.2009, 15:10 Uhr

Kompendium

Update: 14.08.2009, 16:17 Uhr

Islam

Anstrengend und segensreich




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Von Ingrid Thurner

  • Wenn demnächst die Neumondsichel am Abendhimmel erscheint, beginnt für die Muslime der Fastenmonat Ramadan - eine religiöse Übung, die Europäern schwer verständlich ist.

Casablanca - zur Zeit des Fastenbrechens menschenleer. Foto: Thurner

Casablanca - zur Zeit des Fastenbrechens menschenleer. Foto: Thurner Casablanca - zur Zeit des Fastenbrechens menschenleer. Foto: Thurner

Fasten, das heißt: Vom Morgengrauen bis Sonnenuntergang ist alles verboten, was das Leben schön und angenehm macht, da gibt es kein Essen, kein Trinken, keine Zigaretten, keine Sexualität, kein Parfum, keine Medikamente. Das ist etwas anderes als bei den Katholiken, die bloß das Fleisch durch Fisch ersetzen, und selbst das ist nicht immer obligatorisch. Einen ganzen Monat lang dauert die Prüfung für Körper und Geist, aber für die Seele erweist sie sich als wohltuend, und deswegen lieben die Muslime den Ramadan.

Was dieses Fasten tatsächlich bedeutet, können Nichtbetroffene nur schwer erahnen, und auch wer im Ramadan ein islamisches Land bereist, erlangt nur eine vage Idee. Um es wirklich zu verstehen, muss man mithalten, und Hochachtung ist jedem Europäer gewiss, der es versucht, und sei es auch nur für einen Tag.


Der Ramadan schneidet das Jahr in zwei Hälften. Schon mindestens einen Monat zuvor dient er als Maß der Zeit, und die Leute teilen das Leben ein in davor und danach . Es gibt Dinge, die man unbedingt noch erledigen will und andere, die nachher anstehen, der Zahnarzt etwa wird noch vorher eingeplant, und auch das Auto muss noch in die Garage, Reisen, Prüfungen, längere Arbeiten werden verschoben. Während des heiligen Monats selbst sind alle Kräfte, Sinne und Gedanken auf den Körper konzentriert, jede Strapaze wird vermieden, nur das Notwendige erledigt.

Die besondere Zeit

Der Fastenmonat verändert ein muslimisches Land von Grund auf. Da sind zunächst die Äußerlichkeiten: Es wird weniger gearbeitet, Öffnungszeiten und Dienststunden sind im Allgemeinen nur von 9 bis 15 Uhr. Spät öffnen Geschäfte und Supermärkte, erst am Nachmittag beginnen Bäckereien zu backen, erst nach Sonnenuntergang nehmen Restaurants und Cafés ihren Betrieb auf. Tagsüber halten nur jene Läden und Gaststätten offen, deren Kundschaft Christen, Ausländer oder Touristen sind. Aber viele Läufer sind unterwegs, beim Sport denkt man nicht ans Essen, die Kinos und Internetcafés sind übervoll, wer kann, rettet sich ins Vergessen, arbeitet lieber nachts und schläft tagsüber. Die Menschen sind anders, verhalten sich anders, die Sanftmütigsten werden nervös, rastlos, reizbar, vergesslich.

Morgens schläft man so lange wie möglich, erst am späten Nachmittag beleben sich die Straßen. Etwa eine halbe Stunde vor dem Fastenbrechen herrscht überall hektisches Getriebe, denn jeder hat noch schnell etwas zu besorgen für die wichtigste Mahlzeit des Tages. Und wenn dann endlich der Zeitpunkt gekommen ist, wenn endlich die Kanone oder Trompete oder Sirene - je nach Region - ertönt, dann sind die Straßen für 20 Minuten menschenleer. Man muss es gesehen haben, um glauben zu können, dass selbst eine Dreimillionenstadt wie Casablanca ausgestorben daliegt, kein Fahrzeug fährt, nichts bewegt sich. Höchstens ein verlorener Tourist spaziert durch die Gegend, denn sonst kann er wenig tun, niemand wird ihm etwas verkaufen, etwas servieren oder ihn auch nur eine Rechnung bezahlen lassen.

Der effizienteste Straßenfeger, den man sich denken kann, ist das Fastenbrechen, da kommt kein Fußball-Ereignis heran.

Denn nun isst die islamische Welt. Penibel und mit Liebe wird diese erste Mahlzeit vorbereitet, schon Minuten vorher setzt man sich zu Tisch, Löffel in der einen, Zigarette in der anderen Hand, und wartet, bis es so weit ist. Was dann gegessen wird, variiert von Land zu Land, es ist Suppe dabei, Kaffee und Milch, Datteln und Gebäck. Auch Hotels und Restaurants aller Preiskategorien bieten dieses spezielle, zeitversetzte Frühstück an, auch natürlich von Muslimen geführte Gaststätten in aller Welt. Ungefähr um Mitternacht findet dann die Hauptmahlzeit statt, und bevor im Morgengrauen wieder der Startschuss ertönt, lässt man sich wecken und unterbricht den Schlaf, um ein paar Bissen zu essen. Das war´s dann für den Tag. Jetzt, wo der Ramadan wieder in die heiße Jahreszeit fällt, wo die Tage lang sind, ist es besonders hart.

Tagsüber fließt das Leben zäh wie ein Strudelteig, aber nachts herrscht Fröhlichkeit, keiner geht nach Hause, jeder besucht jeden, jede besucht jede, überall wird aufgetischt. Und wenn islamische Städte nicht gerade für ihr Nachtleben berühmt sind, so ist das im Ramadan ganz anders, und die Stimmung und nächtliche Atmosphäre hat ihren besonderen Reiz.

Tatsächlich nämlich wird im Ramadan mehr gegessen als in gewöhnlichen Zeiten. Es scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein, aus dem Fasten ein Festen zu machen, man denke nur an unsere Aschermittwochfischschlemmereien. Abends, wenn man dann endlich essen darf, leistet man sich besondere, auch teure Dinge, die man sich sonst nicht gönnen würde.

Deswegen ist der Verbrauch an Lebensmitteln und sonstigen Konsumgütern in diesem Monat größer als gewöhnlich, und gemäß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage erhöhen sich die Preise schon vor der eigentlichen Zeit. Gelegentlich wird von Versorgungsschwierigkeiten bei einzelnen Waren berichtet, auch natürlich weil der Transport, wie vieles, schlechter funktioniert, was wiederum verteuernd wirkt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-08-14 15:10:00
Letzte Änderung am 2009-08-14 16:17:00


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