• vom 12.06.2009, 15:01 Uhr

Kompendium


Zeitreisen und Sternpartys




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Von Christian Pinter

  • Astronomie mit und ohne Kuppel: Ein halbes Dutzend Veranstalter legt den Wienern die Sterne zu Füßen.

Einst ein renommiertes Forschungsinstitut, heute ein Volksobservatorium: die Kuffner-Sternwarte am Wilhelminenberg in Wien-Ottakring. Foto: Pinter

Einst ein renommiertes Forschungsinstitut, heute ein Volksobservatorium: die Kuffner-Sternwarte am Wilhelminenberg in Wien-Ottakring. Foto: Pinter Einst ein renommiertes Forschungsinstitut, heute ein Volksobservatorium: die Kuffner-Sternwarte am Wilhelminenberg in Wien-Ottakring. Foto: Pinter

Vor 125 Jahren ließ Moriz von Kuffner, der gerade die Brauerei in Ottakring geerbt hatte, den Grundstein für eine Privatsternwarte legen. Unter den beiden Kuppeln der Kuffner-Sternwarte am Osthang des Wilhelminenbergs visierten bald ausladende Teleskope den Himmel an. Eines besaß eine 22 cm weite, zerschnittene Frontlinse: Mit diesem bemerkenswerten Gerät, dem größten seiner Art, vermaß man Sterndistanzen - eine ausgesprochene Feinarbeit. Durch einen Spalt im Dach des Ziegelbaus schaute ein anderes Spezialinstrument exakt nach Süden. Dieses beste Meridiankreisteleskop der Donaumonarchie ermittelte im Lauf der Zeit 8.468 hochpräzise Sternkoordinaten.


Drei aus Deutschland stammende Mitarbeiter der Sternwarte schrieben später Astronomiegeschichte: Johannes Hartmann wies mit dem Calcium erstmals Gas im Raum zwischen den Sternen nach; Karl Schwarzschild legte grundlegende Arbeiten über Schwarze Löcher vor. Und Carl Wirtz untersuchte die Rotverschiebung in den Spektren lichtschwacher Galaxien und verfehlte nur knapp die Entdeckung der kosmischen Expansion.

Volkssternwarte

Der Erste Weltkrieg und Geldmangel führten zur Schließung, und für das Observatorium blieb die Zeit stehen. Erst 1947 rissen Mitarbeiter der damals zerstörten Urania das ehemalige Forschungsinstitut aus dem Dornröschenschlaf und verwandelten es in eine Volkssternwarte. Nach Kündigung des Mietvertrags durch die Volkshochschule 1982 wurde die Warte erneut von ehrenamtlichen Rettern am Leben erhalten: Sie leisteten 13 Jahre lang unentgeltlich unzählige Arbeitsstunden. Nach der Gebäudesanierung überantwortete die Gemeinde Wien das denkmalgeschützte Haus 1995 der institutionalisierten Erwachsenenbildung. Der "Verein Kuffner-Sternwarte" ist Mitbetreiber geblieben.

Wer heute in die vier Beobachtungsräume mit den originalgetreu restaurierten Instrumenten oder in die Bibliothek blickt, verspürt noch immer den Atem eines astronomiehistorischen Ensembles der Gründerzeit - und erlebt eine einzigartige Zeitreise.

Von Beginn an war die im Jahr 1910 gegründete Uraniasternwarte - ihr Name stammt von der griechischen Muse der Astronomie - als öffentliches Observatorium konzipiert. Der 35 Meter hohe, wuchtige Turm wurde zum Wahrzeichen des gleichnamigen Volksbildungshauses am Donaukanal. Besucher können die Sterne durch ein drei Meter langes Linsenfernrohr betrachten. Darunter erstreckt sich ein zwölfseitiger, fensterreicher Vortragssaal, "Laterne" genannt.

Aufgrund eines Bombentreffers im Zweiten Weltkrieg war es erst 1957 wieder möglich, von der Urania aus in den Himmel zu schauen. Seit knapp zwei Jahrzehnten steht dafür ein eigens für den Bildungsbetrieb konstruiertes, mittlerweile nochmals verbessertes Doppelfernrohr zur Verfügung. Es lädt ein, das kraterzernarbte Antlitz des Erdmonds zu studieren oder die Wolkengebilde und Monde anderer Planeten. Hunderte Fixsterne entpuppen sich als Zwei- oder Dreifachsonnen, Tausende verraten ihre unterschiedlichen Oberflächentemperaturen anhand zartester Pastelltöne.

Der Großstadthimmel ist hässlich aufgehellt, besudelt von Lichtern, die - fahrlässig oder gar vorsätzlich - nicht nur zu Boden, sondern auch hinauf himmelwärts strahlen. Das Fehlen einschlägiger Gesetze leistet dem großen Sternenraub Vorschub.

Die punktförmigen Fixsterne lassen sich bei hoher Fernrohrvergrößerung immerhin halbwegs im Himmelsgrau wahrnehmen. Doch alle flächigen Objekte bleiben größtenteils verborgen: Dazu zählen viele Gasnebel, die entweder den kosmischen Kreißsaal für die Geburt neuer Sterne bilden, oder wie Partezettel längst verblichener Sonnen wirken. Auch viele Galaxien werden Opfer der Lichtverschmutzung.

Planetarium Wien

Heute macht man dort, wo sich noch vor 45 Jahren die Milchstraße übers Firmament spannte, mit freiem Auge oft nur mehr ein paar Dutzend Sterne aus. Zum Glück gibt es ein "himmlisches" Hilfsmittel: Fast am Fuße des Riesenrads steht seit 1964 ein niedriges Gebäude, aus dem eine mächtige Halbkugel ragt: Das Planetarium Wien ist der moderne Nachfolger eines älteren Wunderwerks, das ab 1927 Hunderttausende Menschen begeisterte: Der seinerzeitige Holzbau vor dem Messepalast war das erste Zeiss-Planetarium außerhalb Deutschlands (welches seinerseits den Bau solcher Stätten in den USA inspirierte).

"Drehen wir uns gerade, oder sind es die Sterne über uns?" - fragt eine junge Planetariumsbesucherin. Genau jene Frage war es auch, die Gelehrte vor 400 Jahren überaus leidenschaftlich diskutierten, und die letztlich zur Verurteilung Galileis führte. Anders als im richtigen Kosmos rotieren im Planetarium tatsächlich die Sterne um den Betrachter: Zumindest in Form artifizieller Lichtpunkte, die zu Tausenden an die Innenseite der 20 Meter weiten Kuppel projiziert werden.

Schon das Betreten des kreisförmig begrenzten Saals ruft ein eigenartiges Gefühl hervor. Bis 2001 drehte sich in seiner Mitte noch eine gewaltige, zweieinhalb Tonnen schwere Hantel, anmutend wie ein stählernes Insekt aus einer anderen Welt. Mittlerweile hat sie einem kompakteren Projektionsapparat Platz gemacht, dessen nadelfeine Sterne sogar funkeln. Die Hightech-Maschine vermag den Himmel über jedem Ort unserer Welt und in jeder Ära der Geschichte darzustellen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-06-12 15:01:18
Letzte Änderung am 2009-06-12 15:01:00


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