• vom 30.01.2009, 13:34 Uhr

Kompendium

Update: 30.01.2009, 13:37 Uhr

Afrika

Die Ruinen von Marrakesch




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Von Ingrid Thurner

  • Die Neustadt: eine einzige Immobilienspekulation. Der Suq: nur für Ausländer hergerichtet. Die Armutsquote: eine der höchsten im Lande. Ein Bericht über die Probleme der marokkanischen Touristenmetropole
  • Wenn irgendwo auf der Welt das Klischee von der Stadt der Gegensätze zutrifft, dann ganz gewiss in Marrakesch. Nichts, was die Reichen hier vermissen müssten, nichts, was die Armen hier verlocken könnte, und der Mittelstand wird sukzessive abgeschafft.

In der Altstadt von Marrakesch herrscht nach wie vor malerisches Leben - doch es ist in großen Teilen für die vielen Touristen inszeniert. Foto: epa/ Norbert Schiller

In der Altstadt von Marrakesch herrscht nach wie vor malerisches Leben - doch es ist in großen Teilen für die vielen Touristen inszeniert. Foto: epa/ Norbert Schiller

Wo Könige Golf spielen, die Franzosen Liebesnächte verbringen und 365 Tage im Jahr Hochsaison herrscht, können Bettler, Schuhputzer und Straßenhändler kaum überleben, weil sie von der Polizei von den lukrativen Plätzen vertrieben werden.

Eine Investitionsruine: die neu gebaute Avenue Mohammed VI. ist nahezu unbewohnt. Foto: Thurner

Eine Investitionsruine: die neu gebaute Avenue Mohammed VI. ist nahezu unbewohnt. Foto: Thurner Eine Investitionsruine: die neu gebaute Avenue Mohammed VI. ist nahezu unbewohnt. Foto: Thurner

Die elegante Welt


In früheren Tagen fanden sich intellektuelle und künstlerische Eliten ein, Gide, Hofmannsthal, Churchill, Sartre und Beauvoir, Orwell, Saint-Exupéry, Elias Canetti, Allen Ginsberg, William Burroughs, Oskar Kokoschka, Hubert Fichte, Arthur Koestler, um nur wenige zu nennen. Heute ist es die Möchtegernprominenz, die von Film und Fernsehen produziert wird, die - wie in der Regenbogenpresse nachzulesen ist - kurzurlaubt, Häuser kauft und die Preise in die Höhe treibt.

Der Suq von Marrakesch hat seine traditionell-handwerkliche Struktur längst verloren. Foto: epa/ Karim Selmaoui

Der Suq von Marrakesch hat seine traditionell-handwerkliche Struktur längst verloren. Foto: epa/ Karim Selmaoui Der Suq von Marrakesch hat seine traditionell-handwerkliche Struktur längst verloren. Foto: epa/ Karim Selmaoui

Nichts ist für Marrakesch zu teuer. Es begann vor einigen Jahren mit Behübschung und Begrünung. Zunächst wurden an den Ein- und Ausfallstraßen Rosenstöcke und Orangenbäume gesetzt, die Rabatten wurden immer breiter, die Alleen immer länger. Dann wurden allerorts Rosen gepflanzt, rund um die Kutubia etwa und beim Bab al-Mallah, allerdings bloß westlich der Altstadt, östlich nicht, denn dort liegen die Wohngebiete der Armen. Die Gärten wurden nicht nur angelegt, sie werden auch gehegt, allein die Wartung und Bewässerung von Millionen, vielleicht Milliarden von Rosenstöcken vernichtet Volksvermögen.

Für die Pflege des Palmenhains hingegen, der Marrakesch gegen Norden zu umgibt und der schon im 11. Jahrhundert zur Zeit der Stadtgründung angelegt wurde, fehlt das Wasser, das in die Luxusvillen, Luxusherbergen und den Golfplatz geleitet wird. Die Palmen vertrocknen, die Datteln verdorren, nur damit anderswo Rasen gesprengt werden kann.

Menschenleeres Viertel

Wie alle anderen Metropolen zerfranst auch Marrakesch an den Rändern, gegen Agadir hin, gegen Fes hin, gegen Casablanca sowieso, dort erhebt sich inzwischen ein Klein-Vösendorf, was nur leicht übertrieben ist.

Nur gegen den Hohen Atlas hin sieht es anders aus. Dort, nicht allzu fern vom Hotel Mamounia, wo hinter dem Casino das Villenviertel Hivernage nie ausuferte, sondern die Avenue de la Manara die Stadt nach Süden zu begrenzte, wurde in wenigen Jahren eine ganze Neustadt aus dem Boden gestampft - eine merkwürdige Neustadt, denn niemand wohnt in ihr.

Es begann mit der Avenue de France, die schon immer so teuer war, dass sich nur die wenigsten dort eine Immobilie leisten konnten. Sie wurde zunächst umbenannt in Avenue Mohammed VI., ein Tribut an den König, der sich selbst gern und häufig in seinem Palast hier aufhält. Das Klima behage ihm mehr, heißt es, als die atlantikfeuchte, hauptstädtische Luft in Rabat. Dann wurde die Chaussee verlängert, Kilometer um Kilometer, mit Rosenbüschen bestückt, mit Laternen und Bänken versehen, manche Pergola erhebt sich, Wasserbassins, Springbrunnen, Schilfbecken, sogar ein Labyrinth aus Gebüsch gibt es hier.

Moderner Verfall

Aber die Straße, so prächtig sie ist, liegt verlassen da, bloß morgens sieht man ein paar Läufer, zum Promenieren ist Marrakesch zu heiß, und ohnedies lebt niemand in der Gegend.

Denn die neuen Siedlungen sind unbewohnt, manche Häuser noch gar nicht fertiggestellt, doch schon wieder dem Verfall preisgegeben: keine Autos auf den Vorplätzen, kein Hund, der bellt, kein Kind, das einem Ball nachläuft, keine Dienstboten, die Besorgungen machen, keine Gärtner, die Hecken schneiden, keine Bettler, die im Abfall wühlen.

Ein Stück weiter stadtauswärts, wo vor kurzem noch Olivenbäume Spalier standen, reihen sich Baustelle an Baustelle, Kran an Kran, Appartementhäuser, Hotels, Konferenz- und Geschäftszentren, Golfplätze - was immer da entstehen mag, es sieht so aus, als wolle man Dubai konkurrieren. Es ist dies übrigens nicht der einzige neue Stadtteil, auch in anderen Gebieten, etwa nach Norden zu, wird gebaut und gebaut.

Es sind keine Betonbauten - den Fehler hat man nicht gemacht -, sondern hübsche, zuweilen sogar schöne Häuser, eher Villen, alle gleich und doch jede anders, orientalisierend im Baustil, in jenem genau richtigen Maß an Orientkitsch, dass sie gefallen müssen. Hunderte, wenn nicht Tausende von Villen, die verlassen in der Ebene vor dem meist schneebedeckten Hohen Atlas liegen, alle ockerfarben verputzt. Aber wer würde hier wohnen wollen, im Nirwana von Marrakesch, wo auf die Infrastruktur vergessen wurde, wo die Flugzeuge zum Landeanflug ansetzen, im Abseits eines städtischen Raumes, in dem es keine Parkplätze mehr gibt und noch keine Radwege? Welchem Zweck dienen diese Bauten?

Es wird viel gemunkelt in Marrakesch, denn die Marokkaner sind begnadete Verschwörungstheoretiker. Von Investitionen aus dem Vorderen Orient ist die Rede, von Finanzspekulation in großem Stil, von Drogengeldern aus aller Welt, die hier gewaschen werden, was im Bau recht einfach ist; von der Gier nach schnellem Reichtum, von Unwissenden, die ihr Erspartes den Immobilienfonds überlassen. Und die Regierung? Profitiert davon: Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, die Baubranche hat Hochkonjunktur, und alle vor- und nachgelagerten Industrien und Gewerbe ebenso - zumindest kurzfristig.

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Schlagwörter

Afrika, Soziologie, Tourismus, Marokko

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-01-30 13:34:22
Letzte Änderung am 2009-01-30 13:37:00


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