• vom 23.01.2009, 15:55 Uhr

Kompendium


Eine Erinnerung an den Juristen Heinrich Klang, der die österreichische Rechtsprechung maßgeblich beeinflusst hat

Ein konstruktiver Staatsdiener




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Von Martin Niklas und Günter Gößler

  • Zumindest der älteren Juristengeneration dürfte "der Klang" noch als Namensgeber für den bahnbrechenden "Kommentar zum Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch" ein Begriff sein.

Heinrich Klang als Mitglied der Jüdischen Selbstverwaltung des Lagers Theresienstadt. Foto: www.theresienstadt-lexikon.de

Heinrich Klang als Mitglied der Jüdischen Selbstverwaltung des Lagers Theresienstadt. Foto: www.theresienstadt-lexikon.de Heinrich Klang als Mitglied der Jüdischen Selbstverwaltung des Lagers Theresienstadt. Foto: www.theresienstadt-lexikon.de

Wer sich jedoch, wie die Autoren dieses Artikels, mit Fragen des NS-Vermögensentzuges und früheren Restitutionsmaßnahmen beschäftigt, wird auf Heinrich Klang auch als den ersten Vorsitzenden der 1947 beim Obersten Gerichtshof (OGH) in Wien eingerichteten Obersten Rückstellungskommission (ORK) stoßen.


Heinrich Klang wurde am 15. April 1875 als Sohn von Karoline und James Klang, Generaldirektor der Versicherungsgesellschaft "Österreichischer Phönix", in Wien geboren. Nach seiner Schulzeit im Franz-Josephs-Gymnasium absolvierte er von 1892 bis 1897 das Studium der Rechtswissenschaften in Wien, danach begann er seine richterliche Karriere. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges war er an verschiedenen Gerichten in und um Wien tätig. Der Qualifikationskommission bei den k.k. Landesgerichten in Wien galt Klang 1914 als "ganz hervorragend tüchtiger Einzel- und Fachrichter".

Wissenschaft und Praxis

1903 publizierte Klang seine erste wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel "Ein Ratengeschäft über Immobilien". Insgesamt sollten 775 wissenschaftliche Beiträge, vorwiegend Aufsätze zum bürgerlichen Recht, aber auch über rechtswissenschaftliche Fragestellungen hinausgehende Erörterungen (z.B. über die Geldentwertung Mitte der 1920er Jahre) folgen.

Ab 1914 diente Klang an der Ostfront als Offizier der österreichisch-ungarischen Armee. 1916 erfolgte seine Versetzung nach Wien, wo er bis zum Ende des Krieges in der Militärgerichtsbarkeit tätig war. Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie kehrte er in den Ziviljustizdienst zurück. Von 1918 bis 1925 führte er am Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien verschiedene Gerichtsabteilungen und wurde auch bereits in Rechtsmittelsenaten tätig. Im Oktober 1935 wurde er zu einem Rat des Oberlandesgerichtes (OLG) Wien ernannt. Dort übte er das Richteramt von 1926 bis 1938 aus, ab 1928 als Vorsitzender eines Berufungssenates.

1923 trat Klang in die Redaktion der "Juristischen Blätter", der traditionsreichsten und bekanntesten juristischen Fachzeitschrift Österreichs, ein, deren Herausgeber er 1928 wurde. Seine Karriere als Wissenschafter erreichte mit der 1923 erfolgten Habilitation als Privatdozent für bürgerliches Recht einen ersten Höhepunkt. Ab 1926 übernahm er auf Ersuchen der Staatsdruckerei die Herausgeberschaft eines Kommentars zum Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch. Die erste Auflage, zu der Klang selbst wesentliche Teile beigesteuert hatte, konnte 1935 vollendet werden.

In den 1920er Jahren war Klang ein führendes Mitglied der von Franz Klein, dem Schöpfer der österreichischen Zivilprozessordnung, gegründeten bürgerlich-demokratischen Partei. Nach mehreren erfolglosen Kandidaturen bei Nationalratswahlen schlief deren politische Tätigkeit allerdings Anfang der 1930er Jahre ein.

Nach dem "Anschluss" jedoch galt Heinrich Klang "nur mehr" als Jude, seine wissenschaftlichen und richterlichen Leistungen zählten nichts mehr. (Auf seinen Kommentar zum ABGB wollte man selbst in der NS-Zeit - unter der "neutralen" Bezeichnung "Kommentar der Staatsdruckerei" - dennoch nicht verzichten.) Am 1. Juni 1938 wurde er "auf eigenes Ansuchen" nach fast 41 Dienstjahren in den Ruhestand versetzt. Vom Unterrichtsministerium wurde ihm die Venia Legendi entzogen, er musste auch seine Redaktionstätigkeit für die "Juristischen Blätter" niederlegen und ließ die Zeitschrift einstellen.

Klang, nunmehr einkommenslos, war gezwungen, sein Eigentum zu Geld zu machen, wovon auch seine 9600 Bände umfassende Bibliothek betroffen war. Davon erhielt er nach 1945 lediglich die etwa 3000 Bände umfassende juristische Fachliteratur wieder zurück.

Im Zuge des Novemberpogroms 1938 blieb Klang selbst zwar von Repressalien verschont; doch wurde ihm klar, dass er nicht in Österreich würde bleiben können. Er ließ sich beim amerikanischen Konsulat registrieren, ohne über die tatsächliche Möglichkeit einer Auswanderung in die USA zu verfügen. Zwar erhielt er 1939 von einem New Yorker Anwalt ein Affidavit - eine Art Bürgschaft -, aufgrund seiner späten Anmeldung konnte er aber kein Einwanderungsvisum mehr erlangen. Eine Auswanderung nach Shanghai scheiterte ebenfalls, da er kein japanisches Durchreisevisum erhielt. Die Geldmittel für ein Visum für Kuba - die letzte Chance zur Auswanderung - konnte er nicht mehr aufbringen. Somit musste er den Gedanken einer "legalen" Emigration aufgeben.

Nach einem gescheiterten Fluchtversuch nach Ungarn wurde Heinrich Klang am 24. September 1942 in das Lager Theresienstadt deportiert. Dort wurde er als Richter am "Ghettogericht" eingesetzt, dessen Leitung er dann im Herbst 1944 übernahm. Die Aufgaben dieses Gerichtes, das Teil der "jüdischen Selbstverwaltung" in Theresienstadt war, bestanden vor allem in Verlassenschaftsabhandlungen, Vormundschaften, Kuratelen und Strafsachen. Im Dezember 1944 wurde er auch "Repräsentant" der österreichischen Häftlingsgruppe im "Ältestenrat", der Leitung der Selbstverwaltung.

Leben im Ghetto

Theresienstadt wurde ab 1942 von den Nationalsozialisten unter anderem als Altersghetto für deutsche und österreichische Jüdinnen und Juden und für "prominente jüdische Persönlichkeiten" verwendet. Die Lebensbedingungen waren katastrophal; die meisten der Inhaftierten starben entweder sehr rasch an Unterernährung und Krankheiten oder wurden bald nach ihrer Ankunft weiter in die NS-Vernichtungslager deportiert. Insgesamt kamen von den über 140.000 Theresienstädter Häftlingen fast 119.000 ums Leben. Von den rund 17.000 österreichischen Jüdinnen und Juden, die nach Theresienstadt deportiert wurden, wurden fast 15.000 ermordet.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-01-23 15:55:28
Letzte Änderung am 2009-01-23 15:55:00


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