• vom 23.01.2009, 14:06 Uhr

Kompendium

Update: 23.01.2009, 14:10 Uhr

Geschichte

Jagd auf Mädchen und Frauen




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Von Harald Ofner

  • Ein Zeitzeuge erinnert sich an die Gewalt, die über die Zivilbevölkerung hereinbrach, als die Rote Armee in Österreich einmarschierte
  • Vielen Dank für die Veröffentlichung des ausführlichen Beitrages "Der Krieg gegen die Frauen" im "extra" vom 10. Jänner. Als Zeit-, Augen- und Ohrenzeuge darf ich die darin enthaltenen Darstellungen wie folgt ergänzen:

Russische Panzer beim Einmarsch in Österreich. Foto: AdBIK

Russische Panzer beim Einmarsch in Österreich. Foto: AdBIK Russische Panzer beim Einmarsch in Österreich. Foto: AdBIK

Ich habe als etwa zwölfjähriger Bub die Zeit von Mai bis Oktober 1945 bei meiner Mutter verbracht, die bereits geraume Zeit vorher mit meinem zirka fünf Jahre alten Bruder, um der Bedrohung durch alliierte Bombenangriffe zu entkommen, von Wien nach Milleschau in Nordböhmen, damals Sudetenland, übersiedelt war.


Den Schrecken, den die Rote Armee von ihrer "Ankunft" in Milleschau und Umgebung bis einige Zeit nach dem Ende des Krieges für die Zivilbevölkerung, vor allem für Frauen und Kinder (die Männer waren ja noch in der Wehrmacht, schon gefallen oder bereits in Gefangenschaft) bewirkt hat, habe ich aus nächster Nähe miterleben müssen.

Es ist richtig, dass man sich schon vor dem Eintreffen der Sowjetsoldaten nicht geringe Sorgen gemacht hat. Die Phantasie der Frauen, meist seit Jahren allein und ohne jeden - wenn auch noch so fragwürdigen - männlichen Schutz, den bedrohlichen Ereignissen entgegensehend, hat aber nicht ausgereicht, sich die Gewalt, die über sie hereinbrechen würde, zutreffend auszumalen!

"Komm, Frau!"

Der Aufruf des sowjetischen "Staatsdichters" Ilja Ehrenburg an die Soldaten der Roten Armee, verbreitet nach Überschreiten der damaligen Grenze des Deutschen Reiches durch die Sowjettruppen, der Aufruf: "Töte! Töte! Töte! Rotarmist, raub, morde und plündere! Brich den Hochmut der germanischen Frauen! Die deutsche Frau ist deine Beute!" - ist hierzulande erst nach dem Krieg bekannt geworden.

Die grausame Wirklichkeit hat sich Abend für Abend, Nacht für Nacht, wie folgt abgespielt: Am Morgen ist der Truppenteil, der eben dort die Nacht verbracht hat, weitergezogen. Gegen Abend hat die nächste Einheit in Milleschau Quartier genommen. Nach Einbruch der Dunkelheit hat die Jagd auf Mädchen und Frauen jedes Alters, vom Kind bis zur Greisin, begonnen. Man hat keineswegs den Eindruck gewinnen können, dass es um "Rache" oder ähnlich abstrakte Vorgaben gegangen ist, auch der Alkohol hat nicht immer eine entscheidende Rolle gespielt, lediglich die Ausübung sexueller Gewalt gegenüber weiblichen Wesen!

"Komm, Frau!" ist der gängige, keinen Widerspruch duldende, die Sinnlosigkeit jedes Widerstandes ankündigende kategorische Imperativ gewesen!

Wehe dem Mädchen, wehe der Frau, die sich nicht rechtzeitig wirkungsvoll verstecken konnte. Die gellenden Hilferufe haben alle gehört, jeder hat an der Stimme erkannt, wer nun "drankommt", doch niemand hat helfen können! Und niemand wird jemals diese Schreie vergessen können.

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Schlagwörter

Geschichte, Krieg, Gewalt

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Dokument erstellt am 2009-01-23 14:06:53
Letzte Änderung am 2009-01-23 14:10:00


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