• vom 12.12.2008, 14:50 Uhr

Kompendium

Update: 12.12.2008, 14:53 Uhr

Fernsehen

Mundls Metamorphosen




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Von Robert Sedlaczek

  • Der lange Weg einer populären Kunstfigur aus einem Roman Ernst Hinterbergers in eine Fernsehserie - und jetzt in einen Kinofilm
  • In Kürze startet der Kinofilm "Echte Wiener. Die Sackbauer-Saga" - nach einem neuen Drehbuch von Ernst Hinterberger. Damit wird der Mundl-Stoff ein drittes Mal aufbereitet: erst im Buch, dann im Fernsehen, jetzt im Kino. Der Held aus dem Gemeindebau ist zwar noch immer derselbe, aber er ist nicht der Gleiche geblieben.

Karl Merkatz als Mundl in der berühmten ORF-Serie "Ein echter Wiener geht nicht unter". Foto: ORF

Karl Merkatz als Mundl in der berühmten ORF-Serie "Ein echter Wiener geht nicht unter". Foto: ORF Karl Merkatz als Mundl in der berühmten ORF-Serie "Ein echter Wiener geht nicht unter". Foto: ORF

Edmund Sackbauer ist nicht als Fernsehheld geboren. Rund ein Jahrzehnt vor Beginn der Serie "Ein echter Wiener geht nicht unter" war er eine Figur in Ernst Hinterbergers Roman "Salz der Erde". Das Buch erschien 1966 im Zsolnay-Verlag und erlebte nur eine einzige Auflage. Dort traten erstmals die inzwischen legendär gewordenen Figuren auf: Mundl Sackbauer, dessen Frau Toni, die beiden Kinder Karl und Hanni und natürlich auch Johann Sackbauer, der "Schani-Onkel" - allesamt schillernde Charaktere, vom Autor klug konzipiert und lebensecht gezeichnet.


Aber während später im Fernsehen der Mundl Sackbauer ganz eindeutig im Mittelpunkt steht, sind in "Salz der Erde" auch andere Handlungsstränge von Bedeutung: die aufkeimende Liebe zwischen Hanni und Franzi, auf vielen Seiten pathetisch ausgebreitet, Karlis kometenhafter Aufstieg zum Catcher-Star in Paris, nicht zuletzt Johann Sackbauers finstere Vergangenheit: Er hat im Zweiten Weltkrieg in Russland an Geiselerschießungen teilgenommen - 40 ermordete Frauen und Kinder lasten auf seinem Gewissen.

Die Gleichrangigkeit der Figuren manifestiert sich auch in der Erzähltechnik. Der Erzähler ist allwissend, er steht über den Figuren und schildert die Geschehnisse ohne Partei zu ergreifen. Dann und wann lässt er uns in ihre Köpfe hineinschauen, er breitet deren Gedankenströme vor uns aus. Hinterberger verknüpft dabei die Außenperspektive des auktorialen Erzählens mit der Innenperspektive des Stream of Con-sciousness.

Eine zentrale Stelle des Romans spielt in Venedig. Die Familie Sackbauer verirrt sich bei einem Spaziergang ins ehemalige jüdische Ghetto. Am Platz vor der Synagoge bricht der Schani-Onkel zusammen, in seiner Ohnmacht schwirren ihm Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg durch den Kopf.

Er sieht Soldaten, sie schießen in eine Gruppe von Zivilisten, unter denen sich auch kleine Kinder befinden. Unter den Soldaten kann sich auch Johann selber erkennen. "Überdeutlich sah er, wie sein magerer Finger den Abzugsbügel durchriss..." Diese Szene vermischt sich mit Bildern aus dem Bombardement Wiens durch die Alliierten. Der Schani-Onkel sieht, wie sein Sohn Poldi und seine Frau Marie ums Leben kommen - "durch die niedersausende Bombe, unter der das alte Wiener Wohnhaus zerbarst". Diese zwei Bilder münden dann in die Metaphorik eines Mühlrades; es dreht sich "widerlich schmatzend" und zermalmt "nicht nur Juden, sondern alle Menschen".

Auf der nächsten Seite dann das Fazit: "...ja, ja, ja! Das Leben ist ein Pogrom ohne Ende, wieder und wieder hat es schon Milliarden hingemetzelt (...), immer kommen Kinder und werden alt, müssen schaudernd das Ächzen des rissigen Rades hören, das doch niemals zerbricht, näher und näher kommen sie, bis sie von seinen Stacheln erfasst und spielerisch mitgezogen werden (...) denn Mensch sein, heißt abgemeuchelt werden, immer nageln sie Galgen, füllen Bomben für den nächsten Pogrom, senken Gift in die Gehirne..."

Die Zeilen sind im Buch kursiv gesetzt, wir können davon ausgehen, dass hier der Autor selbst spricht. Auch Hinterbergers Kriminalromane sind nihilistisch. Ein Mord wird aufgeklärt, aber wir wissen: tausende werden folgen. Es gibt keinen Sinn des Lebens. Auch in der Weltgeschichte werde man vergeblich einen Sinn suchen.

"Die Welt ist eine Hur"

So wie der Mundl in "Salz der Erde" gezeichnet ist, fügt er sich nahtlos in dieses Weltbild ein. Im Laufe der Handlung löst sich sein soziales Umfeld auf. Der Sohn Karli kehrt dem Stemmerverein den Rücken, wirft den sicher scheinenden Job beim Konsum hin und verdingt sich erfolgreich als Catcher in Paris. Wenig später wird Mundl aus der Kampfmannschaft des Stemmervereins hinausgeworfen, jetzt gehört er zum alten Eisen. Dann versagt er im Ehebett, und seine Frau offenbart ihm, dass sie froh darüber ist. Sie hat all die Jahre hindurch nur Ekel empfunden: "Grausen tut´s mir vor dir, grausen! (...) Direkt wie eine Hur bin ich mir vorgekommen, wie eine Hur! ... Vorgemacht hab ich dir etwas, damit du eine Freud hast!"

Schließlich will Mundl seine Manneskraft bei einer richtigen Hure unter Beweis stellen. Obwohl er auch bei ihr scheitert, spielt sie ihm etwas vor: "Wie ein Hengst bist du gewesen!" Da beginnen Mundls Gedanken wie wild zu kreisen: "Eine ausgesprochene Kanaille ist die, eine verlogene! Nichts hab ich zusammengebracht, wie ein Trottel bin ich dagelegen (...) Alle Weiber sind Huren - überhaupt die ganze Welt ist eine Hur. Wo man hinschaut, alles dasselbe, Schwindel und Betrug." Er versetzt ihr einen wuchtigen Schlag in den Magen. Als sie sich aufrappelt, schreit sie um Hilfe: "Aufhalten den Kerl! Aufhalten die Drecksau, die feige!" Der Roman schließt mit den Worten: "...er rannte weiter, immer weiter, in die Nacht hinein." Kann so ein echter Wiener untergehen?

Jahre später, nach Erscheinen des Romans hat sich der ORF darangemacht, den Stoff zu verfilmen. Initiator war Hans Preiner, Leiter einer avantgardistischen Fernsehleiste mit dem Titel "Impulse". Die Auswahl der Schauspieler musste schnell gehen. Gut, Karl Merkatz als Mundl war ein Glücksgriff. Aber als Sohn Karli wurde der schmächtige Klaus Rott engagiert. Es war nicht daran zu denken, dass dieser einen Catcher mimt. Das Geld für Drehtage in Venedig oder Paris war auch nicht da.

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Schlagwörter

Fernsehen, Film, Literatur, Soziologie

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Dokument erstellt am 2008-12-12 14:50:50
Letzte Änderung am 2008-12-12 14:53:00


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