• vom 03.10.2008, 15:40 Uhr

Kompendium

Update: 03.10.2008, 15:42 Uhr

Raumfahrt

Besuch beim Götterboten




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Von Christian Pinter

  • Die amerikanische Raumsonde Messenger macht sich demnächst auf den Weg, um Merkur, den sonnennächsten Planeten, zu erkunden
  • Schon das erste Rendezvous am 14. Jänner dieses Jahres war ein voller Erfolg. Demnächst, am späten Vormittag des 6. Oktober, kommt es zum neuerlichen Stelldichein zwischen der Raumsonde Messenger (englisch für "Bote") und dem flinken Merkur.

Blick aus der Sonde Messenger auf den Merkur. Foto: NASA/ Messenger

Blick aus der Sonde Messenger auf den Merkur. Foto: NASA/ Messenger Blick aus der Sonde Messenger auf den Merkur. Foto: NASA/ Messenger

Der innerste Planet entfernt sich am irdischen Himmel nie weit von der Sonne. Doch man erspäht ihn bestenfalls nur in der hellen Dämmerung, knapp über dem Horizont. Die Alten mutete er deshalb wie ein Mittler zwischen Himmel und Erde an. Die Griechen verwoben ihn mit dem göttlichen Boten Hermes, die Römer mit ihrem Gott Merkur. Die wurden von Reisenden, Händlern und Dieben verehrt - was gut zur flinken Bewegung des Gestirns am Firmament passte. Als Erfinder der Leier bewiesen Hermes und Merkur zudem eine künstlerische Ader.


Langsame Annäherung

Die Nasa-Sonde Messenger hat eine beschwerliche Reise zu absolvieren. Seit ihrem Start im August 2004 umrundet sie die Sonne. Um vom kleinen Merkur eingefangen zu werden, ist starke "Entschleunigung" nötig. Dazu dienten bisher drei Passagen an der Erde und der Venus. Zur weiteren Abbremsung stehen drei enge Vorbeiflüge an Merkur selbst auf dem Flugplan. Der zweite erfolgt also jetzt im Oktober, der letzte im September 2009. Den Rest schafft Messengers Bremstriebwerk aus eigener Kraft: es lenkt den Späher im März 2011 in eine Umlaufbahn um den Planeten. Der erste künstliche Merkursatellit wird die Oberfläche Merkurs dann mindestens ein Jahr lang kartieren. Sie ist siebenmal kleiner als die irdische, und wäre mit Afrika und Asien bereits ausgefüllt; alle anderen Kontinente müsste man auf der Erde belassen.

Merkurs Kraterböden werden von Lava überflutet.

Merkurs Kraterböden werden von Lava überflutet. Merkurs Kraterböden werden von Lava überflutet.

Die Mission kostet 400 Millionen US-Dollar und ist dennoch kein schlechter Handel. Von den fünf klassischen, schon im Altertum bekannten Planeten ist Merkur der am wenigsten erforschte. Fast unser gesamtes Wissen über ihn stammte bis vor kurzem noch aus den Tagen von Mariner 10. Diese US-Sonde schoss 1974 und 1975 dreimal eiligst an ihm vorüber - und erblickte dabei ein Meer von Einschlagskratern. Diese steinernen Monumente legen Zeugnis ab von der Frühphase des Sonnensystems. Damals donnerte übrig gebliebenes Baumaterial in Form kleinerer Himmelskörper auf all die jungen Welten herab.

Merkurs Narben wurden mittlerweile nach bildenden Künstlern, Schriftstellern und Musikern benannt: Etwa Tizian, Dürer und Botticelli, Tolstoi, Hugo und Ibsen, Monteverdi, Ravel und Händel. Diese Namensgeber teilen sich den Platz mit den österreichischen Komponisten Gluck, Haydn, Mozart, Mahler, Schubert und Schönberg.

Mariner 10 lichtete aber nicht einmal die Hälfte der Merkuroberfläche ab. Erst 33 Jahre später reichte Messenger ein weiteres Fünftel nach. Und jetzt erkundet der US-Roboter abermals unbekanntes Terrain. Was im Jänner noch im Dunkel der Merkurnacht schlummerte, badet nämlich nun im gleißenden Sonnenschein. Der ist im Schnitt siebenmal kräftiger als auf Erden, sorgt drei Monate lang für höchst unbequeme Temperaturen von bis zu 470 Grad C. In der ebenso langen Merkurnacht stürzen sie hingegen auf minus 180 Grad ab. Zwar gilt Merkur seiner festen Kruste wegen als "terrestrischer Planet" (lateinisch: terra, Erde) - doch fehlt ihm alles, was unsere Welt so liebenswert macht: auch eine richtige Atmosphäre, die für Temperaturausgleich sorgen könnte.

Ultrafeine Gashülle

Merkurs "Lufthülle" verdient diesen Namen eigentlich nicht. Wegen ihrer extrem geringen Teilchendichte würden Erdenbürger nur von einem "Hochvakuum" sprechen. Ihre Atome sind dem Bodengestein geraubt, das von den geladenen Teilchen des Sonnenwinds und von Mikrometeoriten oft getroffen wird. Beim Vorbeiflug wies Messenger in der ultrafeinen Gashülle u.a. Sauerstoff, Natrium, Kalium, Magnesium, Silizium, Schwefel und Calcium nach - und erhielt so auch einen indirekten Einblick in die Zusammensetzung des Merkurgesteins.

Viel mehr als den Hauch von einer Atmosphäre vermag der sonnennächste und schmächtigste aller acht Planeten nicht zu halten. Er ist zweieinhalbmal kleiner als die Erde, besitzt kaum sechs Prozent ihrer Masse. Ein irdischer Zentner wöge dort nur 38 kg. Was Merkur aber einzigartig macht, ist der im Vergleich zur Gesamtgröße höchst überdimensionierte Eisenkern. Er nimmt drei Viertel des Planetenradius ein. Für den darüber ruhenden Gesteinsmantel bleiben wohl nur 600 km übrig. Dieses Missverhältnis bereitet Forschern Kopfzerbrechen. Womöglich ging Merkur einst mit der doppelten Masse ins Rennen. Sein Mantelgestein könnte dann jedoch von der jungen, wilden Sonne auf tausende Grad Celsius erhitzt und zum Verdampfen gebracht worden sein. Vielleicht wurde er vor 4,5 Milliarden Jahren aber auch von einem anderen, kleineren Himmelskörper gerammt: Diese Kollision raubte ihm große Mengen Mantelmaterial, von dem einiges, so legen es jedenfalls Computersimulationen nahe, bis zur Erdbahn katapultiert wurde. In diesem Fall bestünde unsere eigene Welt also auch aus Diebsgut vom Merkur.

Der äußere Erdkern ist noch flüssig, schenkt uns ein starkes und schützendes Magnetfeld. Der des schmächtigen Merkur sollte längst zur Gänze ausgekühlt und erstarrt sein. Doch dem ist nicht so. Offenbar verfügt auch er noch über einen äußeren Kern aus flüssiger Nickeleisenmasse. Schwefel und andere Elemente könnten deren Schmelzpunkt senken und so ihr rascheres Erstarren vereitelt haben. Als Indiz gilt das von Mariner 10 registrierte Magnetfeld, das allerdings hundertmal schwächer ist als das irdische. Messenger bewies dessen globale Natur: Eine fein gelagerte Kompassnadel würde sich also auf dem Merkur grob in Nord-Süd-Richtung drehen.

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Schlagwörter

Raumfahrt, Astronomie, Forschung

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Dokument erstellt am 2008-10-03 15:40:52
Letzte Änderung am 2008-10-03 15:42:00


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