• vom 18.04.2008, 15:26 Uhr

Kompendium

Update: 20.04.2008, 15:26 Uhr

Literatur

Kettenbach, Hans Werner: Alchemie der Ängste




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Von Christian Hoffmann

  • Meister der Demontage des klassischen Kriminalromans: Am 20 April 2008 feiert der deutsche Autor und Journalist seinen achtzigsten Geburtstag
  • Viele Künstler träumen davon, die Lebenserfahrung des Alters mit der Schaffenskraft jüngerer Jahre verbinden zu können. Vergönnt ist dergleichen nur wenigen - und einer von diesen wenigen ist der Autor Hans Werner Kettenbach, der dieser Tage seinen achtzigsten Geburtstag feiert.

Wider die Banalität des Kriminalromans: Hans Werner Kettenbach. Foto: © Andreas Woitschützke/Diogenes Verlag

Wider die Banalität des Kriminalromans: Hans Werner Kettenbach. Foto: © Andreas Woitschützke/Diogenes Verlag Wider die Banalität des Kriminalromans: Hans Werner Kettenbach. Foto: © Andreas Woitschützke/Diogenes Verlag

Sein jüngstes Buch, der Roman "Zu Gast bei Dr. Buzzard", erschien vor zwei Jahren. Es ist keineswegs nur der Nachhall einer Karriere von dreißig Jahren, sondern eher ein (vorläufiger) Höhepunkt. Die ganze Kunst Kettenbachs sammelt sich noch einmal in dem Roman über Hans Schumann, einem Architekten Mitte vierzig, der in die Südstaaten der USA reist, nach Savannah, um dort die Arbeit seines Büros bei einem Wettbewerb zu präsentieren. Begleitet wird er von seiner Frau und einem befreundeten Paar, das in den subtropischen Gefilden Urlaub machen will.

Die Handlung setzt mit dem Verschwinden der Ehefrau ein. Sie ist nicht mehr auffindbar, als Schumann von der Präsentation ins Hotel zurückkehrt; zugleich fehlt auch von dem Mann des begleitenden Paares jede Spur und es gibt einige Verdachtsmomente, die auf eine Entführung hinweisen.

Voodoo in Subtropen
Typisch Kettenbach ist, was danach auf 350 Seiten geschieht, nämlich die raffinierte Demontage eines möglichen Kriminalromans. Schumann, hin und her gerissen zwischen beruflichen Pflichten und der Sorge um seine Frau, stellt zwar Nachforschungen an, doch verlaufen alle kriminalistischen Fährten ins Leere.

In einem Klima von Voodoo und subtropischer Hitze kommt Schumann beim Wesentlichen an: bei der Enttäuschung über seine Ehe und dem Verdruss, den ihm sein Angestelltendasein bereitet. Nichts als ein banaler Seitensprung steckt hinter der vermeintlichen Entführung, und die Chance, sich beruflich selbständig zu machen, die sich im Laufe der Handlung ergeben hat, lässt Schumann ungenützt verstreichen. Kleinlaut resümiert er, typisch für so manchen der Durchschnittsmenschen aus der Welt des Hans Werner Kettenbach: "Ich kann nicht anders, glaube ich."

Die Kunst des Nicht-Kriminalromans, die der Autor in "Zu Gast bei Dr. Buzzard" so brillant vorführt, hat Kettenbach im Laufe der Jahrzehnte beim Schreiben seiner Romane entwickelt. Und damit hat er recht spät begonnen, nämlich im reifen Alter von fünfzig Jahren.

Geboren am 20. April 1928 in Bendorf am Rhein, überlebte Hans Werner Kettenbach zunächst den Weltkrieg, übte danach verschiedene Berufe aus, begann mehrere Studien und brach sie wieder ab. 1964 promovierte er schließlich mit einer historischen Dissertation über Lenins Theorie des Imperialismus und arbeitete in den folgenden Jahren als Journalist. Einige Jahre verbrachte er als Korrespondent in Bonn und New York und wurde später stellvertretender Chefredakteur des "Kölner Stadtanzeigers".

Sein erster Roman, "Grand mit vieren", erschien 1977. Es geht darin um ein Bombenattentat in Paris, bei dem am Rande eines Staatsbesuchs ein Journalist ums Leben kommt. Dessen Kollege, Peter Grewe, versucht, die Hintergründe des Todesfalls auf eigene Faust zu klären. "Grand mit vieren" erfüllt noch alle Ansprüche, die gemeinhin an einen Kriminalroman gestellt werden. Es gibt einen Mord, einen Toten und ein paar Spuren.

Zunächst deutet alles darauf hin, dass das Attentat in Verbindung mit einer Konferenz über politischen Terror steht. Dann entdeckt Grewe eine Fährte, die zur Waffenlobby in Bonn führt, und macht schließlich die Bekanntschaft einer mit einem reichen alten Mann verheirateten Frau, die mit dem Getöteten in eine heftige Liebschaft verstrickt war. Sie ist es, die den Journalisten auf dem Gewissen hat, ihren Liebhaber, der darauf gedrängt hatte, dass sie sich scheiden ließ, und damit beinahe eine gewinnträchtige Ehe gesprengt hätte.

Wilde Hirngespinste
Nach dem Roman "Grand mit vieren" schreibt Hans Werner Kettenbach neben Drehbüchern für Fernsehkrimis (Kommissar Klefisch) bis zum Jahr 1994 sieben weitere Romane, in denen sein Kampf um die Form deutlich wird: der Kampf gegen die Banalität des Kriminalromans mit den Mitteln des Kriminalromans, nämlich mit seinen Rätseln und seiner auf Spannung zielenden Erzähltechnik.

Die Komposition späterer Bücher nimmt in jener Periode der kurze Roman "Minnie" vorweg, in dem die kriminalistische Spannung in aller Konsequenz nur noch aus den banalen Ängsten eines Durchschnittslebens abgeleitet wird.

Der deutsche Rechtsanwalt Wolfgang Lauterbach, der mit einem Mietwagen eine Reise zwischen Tennessee und Georgia im Süden der USA unternimmt, glaubt, in einem Motel flüchtenden Bankräubern begegnet zu sein. Von diesem Augenblick an entdeckt er immer mehr Indizien, die dafür sprechen, dass er als unfreiwilliger Zeuge eines Verbrechens in Gefahr ist. Besonders richtet sich sein Misstrauen gegen Minnie, ein dunkelhäutiges Mädchen, das sich ihm als Autostopperin aufdrängt.

Während Lauterbach sich immer tiefer in diese Hirngespinste verstrickt und immer ärgerlicher wird, je mehr er sich zu der jungen Frau hingezogen fühlt, versucht Minnie nach Kräften, ihm aus der Patsche zu helfen, in der er zu sitzen meint. Sie unterstützt ihn sogar bei einem Einbruch, bei dem er entlastendes Material zu finden hofft, wird mit ihm gemeinsam verhaftet und deckt ihn im Polizeigefängnis allen Misshandlungen zum Trotz durch hartnäckiges Schweigen. Sie ist das eigentliche Opfer der Geschehnisse und bleibt in Haft, weil man ihr andere Vergehen anhängen möchte, nachdem sich die Story von dem Bankraub in Nichts aufgelöst hat. Doktor Lauterbach steigt indessen in Nashville ins Flugzeug, um so schnell wie möglich nach Deutschland zurückzukehren.


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Literatur, Autoren

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Dokument erstellt am 2008-04-18 15:26:24
Letzte Änderung am 2008-04-20 15:26:00


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