• vom 28.03.2008, 13:46 Uhr

Kompendium

Update: 28.03.2008, 16:41 Uhr

Sport

Das Leben ist ein Rennoval




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Von Thomas Karny

  • Erfolgreicher Bahnradfahrer, umtriebiger Veranstalter und begnadeter Promotor seiner selbst: Ferry Dusika wäre heuer 100 Jahre alt geworden.
  • Wäre es nach dem Rat seines Arztes gegangen, hätte Franz "Ferry" Dusika mit dem Radsport gar nicht erst beginnen sollen. Wegen seiner kränklichen und körperlich schwachen, insgesamt für diesen Sport denkbar ungeeigneten Konstitution wurde ihm von der Ausübung desselben dringend abgeraten. Dass aus dem Wiener Vorstadtjungen dennoch einer der erfolgreichsten österreichischen Radrennfahrer wurde, lag wohl an seinem zähen Willen, gesetzte Ziele zu erreichen, und seiner Bereitschaft, dafür manche Entbehrung in Kauf zu nehmen.

Am 31. März 1908 hineingeboren in die schon zerrüttete Ehe seiner Eltern, kam er nach deren Scheidung vorübergehend in ein Waisenhaus und litt nicht nur materiellen, sondern auch emotionalen Mangel. Viel später wird Dusika darin die Keimzelle seines Erfolges sehen: "Ideale Voraussetzungen, wenn man sich im Leben durchbeißen muss, wobei mir der Sport durch die ständige Forderung, die Formung der Persönlichkeit, die Erfolge und Lebenserfahrungen immens viel gegeben haben."


Bald schon stieß er zum Wiener Sport-Club, wo die Radfahrer nicht nur die älteste, sondern auch eine überaus erfolgreiche Sektion stellten. National und international fuhren die Sport-Club-Fahrer sowohl auf der Bahn als auch auf der Straße Sieg um Sieg ein. Dusika hatte sich für den damals überaus populären Bahnsport entschieden. Auf von tausenden Zuschauern gesäumten Rennbahnen fintierten, rasten und spurteten die Radprofis um manch gutes Preisgeld. Ihre Faszination bezogen diese Rennen aus der räumlichen Begrenztheit, der überschaubaren zeitlichen Limitierung und einer Stimmung, die zuweilen - vor allem bei den Sechs-Tage-Rennen - an einen Kirtag erinnerte.

Doch hinter dem Glanz des Ruhmes weniger Spitzenfahrer fristete die namenlose Staffage ein elendes Schattendasein. Es waren dies junge Männer, die mit der Hoffnung in den Radrennsport eingestiegen waren, durch die eine oder andere Auszahlung für eine gute Platzierung oder gar für einen Sieg der Nachkriegsnot zu entkommen. So manche Pedaleure mit nur geringem Talent schlossen sich dem radelnden Wanderzirkus an und zogen im großen Tross des Rennfahrerproletariats von einem Velodrom zum nächsten. Ausgenützt von skrupellosen Veranstaltern, fuhren sie Rennen für ein Taschengeld, waren deshalb gezwungen, jedes Engagement anzunehmen, hasteten von Termin zu Termin und lieferten schlechte Leistungen ab.

Solch kurzsichtige Strategie der Veranstalter, in kurzer Zeit viel Geld in die eigene Tasche zu wirtschaften, indem zahllose Wettkämpfe mit nur schlecht bezahlten Akteuren organisiert wurden, rächte sich. Das Publikum war ob der mangelnden Leistungen verärgert, Schiebungen und Korruption brachten den Radrennsport in Misskredit, neue, attraktive Sportarten wie Fußball und Motorsport liefen den inflationär angebotenen Radrennen in der Gunst der Zuschauer den Rang ab. Vor dem Ersten Weltkrieg in Europa die populärste Sportart, rutschte der Radrennsport am Ende der Zwanzigerjahre in eine tiefe Krise. In Deutschland etwa blieb von den einst 120 Rennbahnen nur eine Hand voll übrig.

Privat zur WM in Rom
Die finanzielle Not, in der sich auch Österreichs Radrennsport befand, führte zu brutaler Auslese. Nachdem sie sich gemeinsam über den Gewinn der österreichischen Meisterschaft im Tandem gefreut hatten, verlor Dusika selbige gegen seinen Club-Kollegen August Schaffer - seinen Partner im Doppelsattel und gleichzeitig größten Konkurrenten im Einzel. Und das just 1932. Es war ein sehr erfolgreiches Jahr für den Sport-Club, in dem seine Fahrer 72 Rennen gewannen und dazu noch knapp 100 Podestplätze erreichten, und auch jenes Jahr, in dem in Rom die Weltmeisterschaft stattfand.

Da die äußerst angespannten wirtschaftlichen Verhältnisse des Radsportverbandes die Entsendung bloß eines Bahnfahrers zuließen, fiel die Wahl auf den österreichischen Meister Schaffer. Dusika musste sich also Reise wie Aufenthalt selbst finanzieren, wollte er sich im "Stadio del Partito Nazionale Fascista" mit der Weltelite der "Flieger", wie die Bahnsportler seinerzeit genannt wurden, messen. Radsport-Österreich schuldet dem damals 24-jährigen Wiener großen Dank, dass er sich auf eigene Faust auf den Weg nach Rom machte. Nachdem Schaffer bereits in der zweiten Runde ausgeschieden war, eliminierte Dusika Star um Star, darunter auch den niederländischen Olympiasieger Jacobus van Egmond, und stand plötzlich im Endlauf um den dritten Platz.

Die Entscheidungen um die Medaillen waren die Rennen der Überraschungen - und der Sturköpfe. Im Finale gewann der junge Kölner Albert Richter, der sich seine Rennfahrerkarriere nach einem radunfallbedingten Lehrstellenverlust gegen den heftigen Widerstand seines Vaters ertrotzen musste. Das Rennen um Bronze ging an Ferry Dusika, der - wäre es nach dem ärztlichen Willen gegangen - niemals eine Rennbahn hätte betreten und folglich auch nie ein Siegespodest hätte erklimmen dürfen.

Der Medaillengewinn war der Startschuss zu zahlreichen Erfolgen auf in- und ausländischen Rennovalen. Zwischen 1933 und 1937 gewann Dusika zehn österreichische Meistertitel, 1934 die Großen Preise in Kopenhagen und Zürich, im Jahr darauf jene von Deutschland und Großbritannien sowie 1935 den Großen Preis von Europa in Wien. Der Traum von einer Olympiamedaille in Berlin 1936 zerplatzte im Achtelfinale, als sich Dusika dem Niederländer und späteren Silbermedaillengewinner Arie van Vliet geschlagen geben musste. Die politischen Entwicklungen brachten zunächst für die deutschen, ab 1938 auch für die österreichischen Sportler gravierende Veränderungen. Der Profisport war zwar im Gegensatz zu den beliebten Sechs-Tage-Rennen nicht verboten, aber doch verpönt. Albert Richter war nach dem WM-Gewinn 1932 zu den Profis gewechselt und nach Paris emigriert, von wo er zu Rennveranstaltungen auch in Deutschland anreiste.

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Dokument erstellt am 2008-03-28 13:46:30
Letzte Änderung am 2008-03-28 16:41:00


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