• vom 16.11.2007, 17:27 Uhr

Kompendium


Von der Latrine zum "roadbag"




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Von Thomas Karny

  • 2,4 Milliarden Menschen leben ohne Toilette. Auch hierzulande war die Entsorgung menschlicher Ausscheidung lange Zeit problematisch - Zur Geschichte des "stillen Örtchens".

Vor einigen Jahren erschien der erste Wien-Führer für öffentliche Bedürfnisanstalten. Er listet rund 270 dieser Einrichtungen auf und weist für dringende Geschäfte den schnellsten Weg sowohl zu WC-Anlagen mit oder ohne Behindertenkabine als auch zu männerexklusiven Pissoirs. Mittlerweile gibt es von dem von der Medizinischen Gesellschaft für Inkontinenzhilfe Österreich edierten Toilettenführer mehrere Auflagen - es gibt auch solche für Graz, Innsbruck, Linz und Salzburg, und diese sind unter www.blase.at kostenlos erhältlich.


Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Wien die ersten Straßenretiraden errichtet: Eingehauste Rückzugsorte zwecks Verrichtung der Notdurft. Was heute Rettung aus - im Wortsinn - drängender Not bedeutet, diente damals der Disziplinierung. Das Übel des wilden Urinierens sollte durch den sozialen Druck, nicht den nächsten Baum oder das nächste Hauseck, sondern eine dieser neuartigen Abortanlagen zu benutzen, beseitigt werden. Diese Bemühung entsprach durchaus dem Zeitgeist, der Hygiene und Sauberkeit - nicht zuletzt unter dem Eindruck furchtbarer Choleraepidemien - eine immer größer werdende Bedeutung zumaß. Das galt für Städte - jahrhundertelang Brutstätten von vielen Krankheiten - im Allgemeinen, für Wien aber im Besonderen.



Zwischen 1800 und 1900 versiebenfachte sich Wiens Einwohnerzahl auf zwei Millionen. Eine große Herausforderung für die Ver- und Entsorgung aller Lebensbereiche. Die Erste Wiener Hochquellenwasserleitung wurde errichtet, das Kanalnetz ausgebaut. Man unternahm große Anstrengungen, sich anlässlich der Weltausstellung 1873 als saubere Stadt zu präsentieren. Mobile öffentliche Toilettenanlagen - moderne Entsprechung zur Abtrittsfrau, die mittels ihres Behältnisses und einer zum Sichtschutz verwendeten Pelerine bis ins Biedermeier entsprechende Dienste anbot - waren zwar nur ein kleines, aber unübersehbares Zeichen.

Doch erst dem Berliner Johann Gottlieb Wilhelm Beetz (1844 - 1921) ist es zu verdanken, dass hierorts öffentliche Abortanlagen im großen Stil Verbreitung fanden. Die Vorbilder fanden sich in den Hauptstädten von Deutschland, Frankreich und natürlich England, dem Mutterland des Wasserklosetts. Der Kontrakt mit Wien sah vor, dass die Gemeinde die notwendigen Grundstücke zur Verfügung stellte, Beetz die Errichtung der Toiletten finanzierte und diese für eine bestimmte Zeit (zunächst zehn, schließlich 25 Jahre) nutzen durfte, bis sie in das Eigentum der Stadt übergingen.

An zahlreichen Straßen entstanden pavillonartige Örtlichkeiten, deren Konzeption recht einfach war. Auf Steinbasis aufgestellte, vorgefertigte Eisenwände umschlossen einen überdachten Bereich, in dem in der Regel acht Toiletten (je vier pro Geschlecht), sechs Pissoirs sowie ein beheizter Raum für die Toilettenfrau untergebracht waren.

Die erste Anlage wurde am 23. September 1883 an der Landstraßer Hauptstraße eröffnet. Das "Wiener Sonntagsblatt" schrieb, dass "dieses Closett sehr praktisch angelegt, recht bequem und luxuriös ausgestattet und der Preis für die Benützung desselben (4 kr und 2 kr) ungemein billig ist" . Bis 1910 errichtete Beetz in Wien 73 Toiletten, von denen einige - etwa am Parkring, im Schönbrunner Schlosspark, im Schönbornpark oder in Neuwaldegg an der Endstation der Straßenbahnlinie 43 - heute noch stehen. Ergänzend zu den Toiletten entwarf Beetz achteckige "Pissstände", von deren 137, die es im Jahr 1910 gab, viele noch heute in Betrieb sind.

Die Reinigung der Pissoirs erfolgte seinerzeit nicht mit Wasser, sondern mit dem von Beetz erfundenen Urinol , einem Ölgemisch, das gegenüber Wasser zahlreiche Vorteile besaß: Es desinfizierte, minderte die Geruchsbelästigung, war absolut winterfest und entkräftete den Einwand der Wasserverschwendung. Wasser war ein kostbares Gut, an dem Wien bis zur Fertigstellung der Zweiten Wiener Hochquellwasserleitung im Jahre 1910 Mangel litt.

Bald schon wurden die öffentlichen Toiletten Objekte architektonischer Begierde. Bereits 1896 regte der österreichische Ingenieur- und Architektenverein die Errichtung einer unterirdischen Bedürfnisanstalt an. Acht Jahre später begann Beetz, diesen Plan am Graben in die Tat umzusetzen. Die Anlage erforderte wegen des notwendigen Erdaushubs und einer der Lage angemessenen Ausstattung mit Edelhölzern, geschliffenem Glas und Dekorwaschtischen außerordentliche Aufwendungen. Der Bau verschlang 74.000 Kronen, wovon die Stadt Wien 32.000 zuschoss. Die Anlage gilt heute als die älteste unterirdische Toilette der Welt und ist allein schon deswegen eine sanitäre Sehenswürdigkeit.

Die Errichtung öffentlicher Abortanlagen war sichtbares Zeichen eines gehobenen Hygienestandards. Sieht man von dem schon hoch entwickelten römischen Latrinen- und Kanalsystem ab (das aber parallel zum Niedergang des Reiches weitgehend verkam), wurden die menschlichen Ausscheidungen bis weit über das Mittelalter hinaus kaum reguliert entsorgt. In der Stadt kippte man den Unrat auf die Straße und wartete auf das nächste Hochwasser, damit selbiger von der Straße geschwemmt würde.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-11-16 17:27:45
Letzte Änderung am 2007-11-16 17:27:00


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