• vom 23.02.2007, 14:12 Uhr

Kompendium


Knautschzone

Der Vater der Knautschzone




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Thomas Karny

  • Béla Barényi, der Pionier der Automobilsicherheit, wurde vor hundert Jahren im niederösterreichischen Hirtenberg geboren.
  • Im Jahr 1959 stellte Mercedes unter der nüchternen Baureihenbezeichnung W111 jene Modelle vor, die wegen der stilisierten Kofferraumlängskanten unter Liebhabern die Bezeichnung "Heckflosse" erhielten. Das Spitzenmodell "220" war gewiss ein solid gefertigter und luxuriös ausgeführter Oberklassewagen, seinen Platz in der Automobilgeschichte jedoch wiesen ihm weder Design noch Motorleistung zu, sondern die Tatsache, dass es das erste Auto mit Knautschzone und sicherer Fahrgastzelle war.

Béla Barényi (1907 bis 1997).

Béla Barényi (1907 bis 1997). Béla Barényi (1907 bis 1997).

Was heute als selbstverständliches Prinzip im Automobilbau gilt, war vor knapp fünfzig Jahren eine Revolutionierung der "passiven Sicherheit". Mit diesem Begriff wusste man zu einer Zeit, als die Automobilindustrie ihre Strategien an Leistbarkeit (für den anwachsenden Mittelstand) und Repräsentation (für die Wohlhabenden) ausgerichtet hatte, wenig anzufangen. Lange wurde angenommen, eine harte, kaum verformbare Gesamtkarosserie biete den besten Insassenschutz. Darüber hinaus war die Autobranche von einem gewissen Fatalismus geprägt und hielt noch bis in die Fünfzigerjahre hinein Autounfälle schlicht für nicht überlebbar.

Nicht selten sind es Einzelpersonen, die gegen verbreitete Denkmuster Position beziehen und sinnvolle Lösungsstrategien vorlegen, deren Realisierung sie oft dem Zusammenspiel aus Langmut, Glück und der Potenz eines großen Unternehmens verdanken. Von allem ein bisschen war auch nötig, damit Béla Barényi, den man den "Vater der Knautschzone" nannte, seine Ideen in die Tat umsetzen konnte.

Ein früher Geniestreich
Am 1. März 1907 in der niederösterreichischen Gemeinde Hirtenberg geboren, wuchs Barényi gemeinsam mit vier Geschwistern in wohlhabenden Verhältnissen auf. Sein Vater war Professor für Naturwissenschaften an der k.u.k. Militärschule in Fischau, seine Mutter entstammte einer angesehenen Industriellenfamilie. Seinem früh entwickelten technischen Interesse gemäß besuchte Barényi die private Lehranstalt für Maschinenbau und Elektronik in der Siebenbrunnengasse in Wien. Er beendete das Studium mit exzellentem Erfolg und legte 1925 seine Abschlussarbeit mit dem Titel "Kommender Volkswagen mit optimaler Triebwerks-kombination" vor: Darin konstruierte er einen luftgekühlten Vierzylinder-Boxermotor, wobei der Motorblock hinter, das Getriebe vor und das Differential auf der hinteren Antriebsachse lagen. Dazu entwarf der 18-jährige Barényi eine stromlinienförmige Karosserie auf Zentralrahmen in Pontonbauweise. Diese Konzeption war in allen Punkten ihrer Zeit weit voraus und ließ in dem jungen Ingenieur die Hoffnung keimen, er könnte die Direktionen aller Autofirmen dafür begeistern. Eine Patentierung seiner Abschlussarbeit hatte Barényi - nicht ahnend, wie wegweisend sie war - unterlassen. Bei Steyr, Austro-Fiat, Tatra und dem neu eröffneten Büro von Ferdinand Porsche in Stuttgart erntete er zwar durchwegs große Anerkennung, gleichzeitig wurde ihm aber beschieden, dass das Geld für die Umsetzung seiner Pläne fehle. Statt kühne Zukunftspläne zu forcieren, kämpfte die Automobilindustrie ums Überleben. Zehntausende Entlassene waren ein sichtbares Zeichen der wirtschaftlichen Rezession.

Dass die Zeiten schlecht waren, erfuhr Barényi am eigenen Leib, Dienstverhältnisse wurden in kurzen Intervallen von Arbeitslosigkeit unterbrochen. Schließlich aber schien sich ab 1939 durch eine fruchtbare Tätigkeit als Konstrukteur bei Adler/Horch und einem Engagement bei Daimler-Benz das Blatt doch zum Guten zu wenden. Obwohl man man in Sindelfingen unter dem Eindruck der siegreichen "Silberpfeile" stand, arbeitete Barényi unbeirrt an seinen Sicherheitsfragen. Eine 100 Quadratmeter große Baracke wurde zur Keimzelle der passiven Sicherheit. Doch durch die nahezu vollständige Zerstörung der Daimler-Benz-Werke verlor Barényi am Endes des Zweiten Weltkriegs vorübergehend seine Stellung.

1948 trat Barényi wieder in die Firma ein und setzte seine Karriere als Sicherheitspionier höchst erfolgreich fort. Sein großzügiger, an amerikanische Dimensionen angelehnter Entwurf "Terracruiser", dessen 6-sitziger Innenraum mit zentralem Fahrersitz sich in einer strukturell sehr festen Fahrgastzelle zwischen zwei leicht verformbaren Crashzellen befand, stellte die Urform der festen Sicherheitszelle mit Knautschzone dar. Die Idee dahinter war simpel: Die bei einem Zusammenprall auftretende Energie wird durch Verformung abgebaut.

Am 23. Jänner 1951 meldete Barényi diese Erfindung als Patent an. Seither ist das Patent Nummer 854157 die Grundlage der passiven Sicherheit von Fahrzeugen. Nach und nach nahmen andere Pkw-Hersteller diese Idee auf und entdeckten die Insassensicherheit als zugkräftiges Marketingargument. Am offensivsten agierten dabei wohl die schwedischen Firmen Saab und Volvo. BMW, der Pionier der Verbundglasscheibe, baute erstmals 1956 eine Scheibenwaschanlage ein und stattete 1968 als erster deutscher Autohersteller seine Spitzenmodelle serienmäßig mit Kopfstützen aus. Auch Audi setzte auf die "Sicherheit als Prinzip".

"Das vernünftige Auto"
Während Motorleistung, Hubraumgrößen und Höchstgeschwindigkeit überall an Bedeutung gewannen, tüftelte Barényi als Leiter der "Pkw-Vorentwicklung" bei Daimler-Benz am DVA ("das vernünftige Auto"). Dieses platzierte er zwischen den PS-strotzenden, Benzin fressenden, am Status orientierten, aber den Anforderungen eines sicheren, bequemen Transportmittels nicht gut angepassten HEO ("Heißer Ofen") und den amerikanischen, sicherheitsfundamentalistischen, realitätsfernen ESV ("Experimental Safety Vehicle").


weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Knautschzone, Auto

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-02-23 14:12:07
Letzte Änderung am 2007-02-23 14:12:00


Werbung




Werbung